Wegen Personalmangel geraten die Rettungskräfte der Feuerwehr in Deutschland zunehmend selbst in eine Notlage (Symbolbild).
Wegen Personalmangel geraten die Rettungskräfte der Feuerwehr in Deutschland zunehmend selbst in eine Notlage (Symbolbild).Bild: IMAGO / onw-images
Analyse

Zu wenig Kräfte, zu viele Einsätze – warum bei der Feuerwehr Krisenstimmung angesagt ist

02.08.2022, 10:39

Die Feuerwehren in Deutschland sind überlastet, und das in der aktuell kritischen Situation aufgrund von Waldbränden und Sommerhitzewellen. Die Deutsche Feuerwehrgewerkschaft schlägt nun Alarm.

Es geht dabei längst nicht mehr nur ums Feuer löschen: "Egal ob in Hamburg, Berlin, Wiesbaden oder München, es fehlt überall an Rettungsmitteln für die Notfallrettung sowie den qualifizierten Krankentransport", sagte Tobias Thiele, Pressesprecher der Deutschen Feuerwehrgewerkschaft, am Mittwoch gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Egal ob bei der Leitstelle oder im Rettungsdienst – das Problem bestehe überall.

Mehr Einsätze mit weniger Personal

"Seit Jahren steigen die Einsatzzahlen sowie die Einsatzzeiten", sagte Thiele. Rund 3,2 Millionen Rettungsdiensteinsätze wegen Notfällen und Krankentransporten fuhr die deutsche Feuerwehre im Jahr 2019, wie aus Zahlen des Feuerwehrverbands hervorgeht. 2010 waren es noch 2,7 Millionen Einsätze.

Frank Bremser vom Deutschen Feuerwehrverband begründet den Anstieg unter anderem mit dem demografischen Wandel. Ältere Menschen benötigten tendenziell häufiger Rettungsdienste als Junge. "Wir sind auch ein bisschen Kummerkasten. Wenn Menschen nicht wissen, wie sie mit einer Notsituation umgehen sollen, wählen sie die 112", so Bremser zur dpa. Trotz der angespannten Lage solle man aber lieber einmal zu viel, als zu wenig anzurufen, etwa beim Verdacht auf einen Schlaganfall, betonte er.

Schichten ohne Pausen

Viele Notfallsanitäter würden derzeit "ihre Schichten ohne jegliche Pausen" fahren, resümiert der Gewerkschaftspressesprecher Thiele. "Unsere Kolleginnen und Kollegen sind am Limit, mehr geht nicht." Zuletzt sorgte die Überlastung der Berliner Feuerwehr für Schlagzeilen, wie ein Reporter der Zeitung B.Z. auf Twitter berichtete: Zeitweise waren in der Nacht zum 22. Juni wohl nur zwei bis vier Rettungswagen im Einsatz, für eine Millionenstadt wie Berlin einfach zu wenig. Personal von Löschfahrzeugen wurde umdisponiert und die Polizei mussten aushelfen. Sie fuhr Patienten gleich selbst in die Notaufnahme.

Wegen Personalmangels rief die Feuerwehr in der Hauptstadt zuletzt immer wieder den Ausnahmezustand im Rettungsdienst aus. Die Folge: Die Einsätze werden nach Dringlichkeit abgearbeitet, sogenannte "Low-Code-Notfälle" wie Übelkeit, Verstauchungen, Rückenschmerzen erhalten zunächst keinen Rettungswagen. Die angestrebte Frist von zehn Minuten von Notruf bis zum Eintreffen der Rettungskräfte vor Ort kann dann ebenfalls nicht eingehalten werden.

Ausnahmezustand wird zur Regel

Ein Ausnahmezustand wird bei der Feuerwehr dann ausgerufen, wenn die Rettungswagen zu 80 Prozent ausgelastet sind. Laut dem Portal rbb24 bildet die rasante Entwicklung der vergangenen Jahre die angespannte Situation bei der Berliner Feuerwehr ab: 2020 wurde der Ausnahmezustand 64 Mal ausgerufen, schon 2021 verdreifachte sich die Zahl nahezu auf 178. Im laufenden Jahr waren es bis Mitte Juni schon 149 solcher Situationen.

Eine mangelhafte Ausstattung sei dabei nach Recherche von rbb24 nur ein Teil des Problems: Von den 200 Rettungswägen sind nicht viel mehr als zwei Drittel einsatzfähig. Die Berliner Senatsinnenverwaltung will die Lage durch die Bereitstellung zusätzlicher Rettungswagen nun bis Ende des Jahres verbessern.

Doch das Hauptproblem ist nicht mit zusätzlichen Fahrzeugen zu lösen: Es gibt zu wenig Personal, das diese überhaupt fahren könnte. Von den 1.048 Notfallsanitätern sind nur 752 im Einsatz, der Rest arbeitet in der Verwaltung.

Die Feuerwehrgewerkschaft Berlin-Brandenburg hat als Reaktion auf den andauernden Ausnahmezustand einen 13 Punkte-Plan zur raschen Verbesserung der Lage veröffentlicht. Darunter sind Vorschläge zu mehr Einsatz von Telemedizin und einer Videoberatung von Patienten, versetzte Ablösezeiten in den Dienststellen, damit nicht überall der Dienstbeginn gleichzeitig jeweils um 7 und 19 Uhr stattfindet, eine effektivere Priorisierung der Einsätze sowie eine Zuzahlung in Höhe von mindestens 10 Euro bei Inanspruchnahme des Rettungsdienstes.

Personalmangel bleibt Hauptproblem

Der Fachvorstand Feuerwehr der Gewerkschaft Verdi fordert zur langfristigen Verbesserung der Situation eine Einstellungs- und Ausbildungsoffensive für Rettungskräfte:

Mindestens 5.000 Feuerwehrleute müssten bis 2025 zusätzlich eingestellt werden, um die Aufgaben der Feuerwehr adäquat zu meistern.

Der Personalmangel führe dazu, dass ein ordnungsgemäßer Dienstbetrieb nicht geleistet werden könne und Feuerwehrleute unzumutbar belastet würden. Trotz ohnehin schon verlängerter Regelarbeitszeiten von 48 Stunden pro Woche leisteten die Feuerwehrleute pro Woche im Schnitt 6,8 Überstunden.

Grund für die mangelnde Bewerberlage sieht Verdi laut einer Umfrage unter Feuerwehrleuten in zu wenig Wertschätzung gegenüber der Arbeit der Feuerwehr. Diese müsse sich bei den Dienstherren in den Ländern unter anderem in höheren Gehältern und verbesserten Aufstiegschancen widerspiegeln.

Der Deutsche Feuerwehrverband sieht beim Personalmangel dagegen eher regionale als flächendeckende Probleme: "Bundesweit gibt es kein Personalproblem", sagt Frank Bremser. Es sei zwar richtig, dass die Arbeitsbelastung tendenziell eher zunehme, aber die Personallage sei dennoch regional unterschiedlich.

Die Ursache sieht Bremser, anders als Verdi, beim Fachkräftemangel im Handwerk. "Früher kamen viel mehr Feuerwehrleute aus dem Handwerk zu uns", sagt Bremser. Wegen des Fachkräftemangels seien Bewerberzahlen rückläufig. "Aber wir stehen noch immer gut da."

Gewerkschaft: "Gut dastehen sieht anders aus"

Anders klingt das bei der Gewerkschaft. "Auf den Löschfahrzeugen fehlen die Feuerwehrmänner und -frauen, auf den Rettungswagen fehlen die Notfallsanitäter und beim Nachwuchs fehlt es oft an qualifizierten Bewerbern", sagte Thiele. Auch der Landesverband der Deutsche Feuerwehrgewerkschaft in Schleswig-Holstein zeigt sich auf Twitter wenig erfreut über die Aussage des Verbandskollegen Bremser:

Ebenfalls auf Twitter taucht das Personalproblem der Rettungskräfte unter dem Hashtag #nurnoch1RTW schon seit Wochen immer wieder auf. Inzwischen scheint die Personalgewinnung der Rettungskräfte, aus der Not heraus, schon ungewöhnliche Wege einzuschlagen, wie in einem Thread auf Twitter zu sehen ist, der einen Dialog der Dating-App Tinder abbildet:

Not macht erfinderisch: Ungewöhnliche Methoden der Personalgewinnung über Tinder.
Not macht erfinderisch: Ungewöhnliche Methoden der Personalgewinnung über Tinder.bild: Screenshot Twitter

(mit Material von dpa)

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