Happy Hispanic young woman takes off protective mask and looking at camera indoors while corona virus pandemic. Quarantine, and social distance concept.
Wann ist die Pandemie endlich vorbei – und was kommt danach? Die Endemie? Wie unser Leben mit dem Virus weitergehen wird, schildert ein Epidemiologe.Bild: iStockphoto / Yaroslav Olieinikov
Analyse

Kommt nun die Endemie? Epidemiologe Ulrichs erklärt, wie unser künftiges Leben aussehen wird

16.02.2022, 10:4816.02.2022, 12:53

Der Omikron-Peak scheint erreicht und viele sprechen in Deutschland aktuell nicht nur von Lockerungen, Öffnungen und gar einem "Freedom Day", sondern läuten auch das Ende der Pandemie ein. Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sieht die derzeitige Omikron-Infektionswelle gebrochen.

Gegenüber der Zeitung "Bild" sagte Lauterbach am Dienstag: "Der Höhepunkt der Omikron-Welle ist überschritten – ziemlich genau an dem Tag, den ich vor einem Monat vorausgesagt hatte." Der Minister hält "maßvolle Lockerungen" mit Blick auf die Bund-Länder-Runde zu den Corona-Maßnahmen am heutigen Mittwoch für nun möglich. Die in der Beschlussvorlage gelisteten Vorschläge zur stufenweisen Lockerung trage er mit, so Lauterbach in der Bild: "Mehr aber nicht, um keinen erneuten Anstieg zu riskieren."

Wenn selbst der vorsichtige Lauterbach sich relativ entspannt äußert, wie realistisch ist das Ende der Corona-Pandemie zum aktuellen Zeitpunkt? Wird Omikron die letzte Variante sein, die unsere Freiheit einschränkt? Folgt auf die pandemische nun die immer wieder prognostizierte endemische Phase? Und was genau bedeutet das eigentlich?

Watson hat sich mit diesen Fragen an den Epidemiologen Prof. Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin gewandt und wagt einen Blick in unsere "endemische Zukunft".

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Epidemiologe und Mediziner Prof. Timo Ulrichs in der Talkrunde von Markus Lanz im ZDF.Bild: www.imago-images.de / teutopress GmbH

Von der Pandemie zur Endemie

Auch wenn gerade viel davon gesprochen wird, dass das Ende der Omikron-Welle uns in eine neue Phase überführen könnte, so heißt das nicht zwangsläufig, dass das Virus von der Bildfläche verschwindet, erklärt der Virologe Timo Ulrichs.

Der Biophysiker Prof. Richard Neher forscht an der Universität Basel zur Virenevolution und sagt dazu in einem Interview seiner Universität:

"Wenn die Pandemie zur Endemie wird, heißt das, dass sich ein gewisses Gleichgewicht zwischen dem Virus und uns Menschen als Wirt einstellt. Das Virus würde weltweit kontinuierlich zirkulieren, wahrscheinlich in Wellen, bei der die mal steigende, mal nachlassende Immunität der Bevölkerung und die Infektionen durch das Virus sich die Waage halten."

Jedoch, und hier muss man vorsichtig sein – endemisch bedeute nicht zwangsläufig mild, so Neher. Denn das Poliovirus beispielsweise verursachte vor der Möglichkeit einer Impfung schwere Krankheitsverläufe und war dennoch endemisch.

"Das ist noch kein Übergang in die endemische Phase, sondern bedeutet eher die Ruhe vor dem nächsten (Herbst-)Sturm."
Epidemiologe Prof. Timo Ulrichs gegenüber watson

Für den Epidemiologen Prof. Timo Ulrichs birgt die aktuelle Entwicklung der Corona-Pandemie auf Nachfrage von watson noch Potential für Wiederholungen:

"Wir haben zwar schon viel geimpft, epidemiologisch wirkt sich diese Abdeckung der Bevölkerung aber leider nicht durchschlagend aus. Das heißt, wir befinden uns in einer ähnlichen Situation wir vor einem und wie vor zwei Jahren: Saisonal nehmen die Neuinfiziertenzahlen ab, im Frühling und Sommer tritt eine relative Ruhe ein. Das ist noch kein Übergang in die endemische Phase, sondern bedeutet eher die Ruhe vor dem nächsten (Herbst-)Sturm."

Mehr Freiheit ist nach Auffassung Ulrichs also möglich, wäre demzufolge aber zeitlich begrenzt bis zur kälteren Jahreszeit.

Das Virus kommt im Herbst zurück

Der Virenevolutionsforscher Richard Neher sieht ebenfalls das Ende der Pandemie näher kommen, jedoch vielleicht nicht ganz so, wie wir es uns erhoffen. Denn das "Ende" mit "Sorglosigkeit" gleichzusetzen, davor warnt Neher: "Das Virus ist dann nicht weg. Vielmehr wird das Virus auf Dauer bleiben und wiederkehrend, vermutlich saisonal, zirkulieren."

Prof. Ulrichs betont im Gespräch mit watson die hohe Wahrscheinlichkeit einer neuen Welle im kommenden Herbst, "inklusive Be- und Überlastung unseres Gesundheitswesens, weil wir ja noch Millionen Ungeimpfte, das heißt, potentiell schwer Erkrankende haben."

BERLIN, GERMANY - OCTOBER 24: People carry a protective face masks in the hand as they walk along Bergmanstrasse, one of the main shopping street in Kreuzberg district, on the first day that a require ...
Traurig, aber wahrscheinlich: Die Masken bleiben uns saisonal erhalten.Bild: Getty Images Europe / Michele Tantussi

Aber bedeutet eine Endemie nicht genau das? Dass es Ausbrüche geben wird, aber das Sars-Cov-2-Virus durch einen bereits bestehenden breiten Immunschutz in der Bevölkerung nicht mehr so verheerend wüten kann? "Die Endemie wird erreicht, wenn wir soviel Immunschutz in der Bevölkerung haben, dass das Virus zwar noch Einzelne infizieren und seltener Erkrankungen auslösen kann, aber nicht mehr massenhaft, also keine Welle mehr", bestätigt der Epidemiologe Ulrichs. "Bleiben wir jedoch in der augenblicklichen Situation mit Millionen Ungeimpften, also vulnerabel, dann wird das Virus im Herbst all diejenigen erwischen, die in der augenblicklichen Welle noch nicht erreicht wurden."

Der Weg in die "endemische Zukunft" ist holprig

Auch der Biophysiker Neher ist der Meinung, dass der Weg in die Endemie nicht glatt, sondern eher holprig verlaufen wird. Aber er gibt dennoch eine vorsichtig optimistische Einschätzung für unsere "endemische Zukunft": "Wir gelangen aber mehr und mehr an einen Punkt, an dem fast jeder eine gewisse Immunität hat – entweder durch Impfung oder Infektion. Das reduziert die Krankheitslast, die das Virus verursachen kann. Derzeit ist das Auf und Ab aber noch zu schnell und die Zahl der Immunnaiven (ohne Kontakt mit dem Virus durch Infektion oder Impfung, Anm.d.Red.) noch zu groß, um von einer endemischen Lage sprechen zu können."

"Derzeit ist das Auf und Ab aber noch zu schnell und die Zahl der Immunnaiven noch zu groß, um von einer endemischen Lage sprechen zu können."
Biophysiker Prof. Richard Neher in einem interview auf der Webseite der Universität basel

Die Impfpflicht kann die Weiche in Richtung Endemie stellen

Das bedeutet wohl, dass wir in Deutschland letztlich um eine Impfpflicht nicht herum kommen. So sieht das auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und warb daher schon in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Lothar Wieler, Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI) und Charité-Chefvirologe Christian Drosten Mitte Januar dringlich dafür: "Wenn wir im Herbst tatsächlich eine Impfpflicht bekämen, dann glaube ich, ist der Spuk weitestgehend vorbei, weil wir damit die Impflücken geschlossen bekommen."

Christian Drosten (r-l), Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, Lothar Wieler, Präsident vom Robert Koch-Institut (RKI), und Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit,  ...
Gesundheitsminister Karl Lauterbach, RKI-Chef Lothar Wieler und der Virologe Christian Drosten bei einer Pressekonferenz zur Corona-Lage am 14. Januar 2022 in Berlin.Bild: dpa / Kay Nietfeld

Angenommen, wir schaffen es, mit einer Impflicht und einem hohen Prozentsatz an Immunisierten in der Bevölkerung: Wie könnte für uns das "endemische Leben" aussehen? Prof. Timo Ulrichs ist sich sicher, dass wir wieder ziemlich normal, fast so wie vor Corona leben könnten, mit einer Einschränkung: "Wir hätten immer mal wieder und saisonal gehäuft Infektionsfälle, ähnlich wie bei der Grippe."

"Wir hätten immer mal wieder und saisonal gehäuft Infektionsfälle, ähnlich wie bei der Grippe."
Prof. Timo Ulrichs über das "endemische Leben"

Doch die Schwere zukünftiger Wellen lässt sich im Moment noch nicht abschätzen – so sieht das jedenfalls der Biophysiker Neher: "Es könnte schlimmer oder auch weniger schlimm als die typische Grippewelle sein." Davon werde entscheidend abhängen, wie das "neue Normal" letzten Endes aussieht.

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