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Analyse

Geimpft, genesen oder geächtet: Für Ungeimpfte wird es immer ungemütlicher. Ist das gerechtfertigt?

21.09.2021, 17:1221.09.2021, 19:30

Drehte sich in der Republik der Ungeimpften Anfang des Jahres die moralisch-ethische Diskussion noch darum, wie die Mehrheit mit den Lockerungen für die bis dato wenigen Geimpften umgehen soll, hat sich der Fokus der Diskussion mit der flächendeckenden Verfügbarkeit des Impfstoffes geändert.

Es geht nicht mehr darum, wer wann mit was und wo geimpft wird, sondern darum, wer auch zukünftig freiwillig ungeimpft bleiben möchte. Und ob er das überhaupt darf.

Freiwillig ungeimpft sein könnte teuer werden

Auch wenn es keine Impfpflicht geben wird – hier steht die Bundesregierung zu ihrem Wort – droht Ungeimpften demnächst nicht mehr nur der moralische Druck. Ein weitgehender Ausschluss vom öffentlichen Leben ist nicht mehr tabu, wie die politische Diskussion um die Ausweitung der 2G-Regel zeigt. Auch die Forderung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), die Lohnfortzahlung im Quarantänefall für Ungeimpfte auszusetzen, geht in diese Richtung.

Unterstützung für eine harte Linie in Bezug auf freiwillig Ungeimpfte kommt selbst aus unerwarteter Ecke. Hans-Jürgen Papier, Ex-Verfassungsrichter und Kritiker der Corona-Politik der Bundesregierung, äußerte sich gegenüber dem Magazin "Business Insider" nicht ablehnend zu Eingriffen in die Grundrechte Ungeimpfter: "Der Staat ist von Verfassung wegen nicht verpflichtet, die nicht Geimpften, aber negativ getesteten Personen in jedem Fall den geimpften und genesenen Personen gleichzustellen. Er kann unter bestimmten Voraussetzungen eine sogenannte 2G-Lösung bei der Nutzung von öffentlichen Einrichtungen oder dem Besuch von Veranstaltungen verbindlich vorschreiben."

"Wenn die Wissenschaft uns sagt, dass von Getesteten ein ebenso niedriges Infektionsrisiko wie von Geimpften und Genesenen ausgeht, dann darf man sie nicht unterschiedlich behandeln."
Christine Aschenberg-Dugnus,
FDP-Politikerin, gegenüber watson

Christine Aschenberg-Dugnus, gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, ist da gänzlich anderer Meinung: "Der Vorstoß von Bundesgesundheitsminister Spahn zur Einführung des 2G-Optionsmodells in allen Bundesländern ist weder notwendig noch zielführend. Wenn die Wissenschaft uns sagt, dass von Getesteten ein ebenso niedriges Infektionsrisiko wie von Geimpften und Genesenen ausgeht, dann darf man sie nicht unterschiedlich behandeln. Deshalb setzt sich die FDP-Fraktion weiterhin für die Anwendung der 3G-Regel ein."

"Es ist ein uraltes ethisches Prinzip, dass die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo sie die Freiheit anderer Menschen einschränkt."
Wolfram Henn, Medizinethiker

Dennoch geht die mehrheitliche Tendenz klar in eine Richtung. Jeder Ungeimpfte ist ab jetzt selbst aufgerufen, auch mögliche negative Konsequenzen seiner Entscheidung zu tragen. So sieht das auch Wolfram Henn, Medizinethiker und Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Er sagt:

"Nachdem inzwischen für alle Impfwilligen und Impffähigen genug Impfstoff zur Verfügung steht und, gerade mit den Impfaktionen der jüngsten Zeit, auch niedrigschwellige Angebote gemacht worden sind, sehe ich zum einen eine Rechtfertigung für den Staat hier auch für Privatunternehmen, bei Restriktionen künftig klarer als zuvor zwischen Geimpften und Ungeimpften zu unterscheiden. Zum anderen und fast noch wichtiger sollte im alltäglichen sozialen Kontakt Impfunwilligen deutlich gemacht werden, dass sie sich unsolidarisch verhalten. (...) Es ist ein uraltes ethisches Prinzip, dass die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo sie die Freiheit anderer Menschen einschränkt. Das gilt in vielen Lebensbereichen ganz selbstverständlich: Rauchen in den eigenen vier Wänden darf man niemandem verbieten, im Kindergarten oder an der Tankstelle aus guten Gründen aber doch. Nachdem die Politik ja schon zu Beginn der Pandemie einer allgemeinen Impfpflicht eine Absage erteilt hat, hat sie nun das Recht und die Pflicht, auf anderem Wege dafür zu sorgen, dass die vernünftigen Geimpften nicht durch Menschen, die sich unvernünftig verhalten, in der Wiedergewinnung ihrer eigenen Freiheit eingeschränkt werden."

Bei einer aktuellen Impfquote von gut 63 Prozent (Stand 21.09.21) und zu Beginn einer vierten Welle diesen Herbst und Winter scheinen Einschränkungen für Ungeimpfte aus epidemiologischer Sicht durchaus als gerechtfertigt.

Kordula Schulz-Asche, Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen für Infektionsschutz sieht in den Regeln auch den Schutz für die Ungeimpfte selbst: "Entsprechende Regelungen, wie eine 2G-Regelung oder die Aufrechterhaltung von Hygienemaßnahmen dienen vor allem dem Schutz der Ungeimpften – wir beobachten schwere und tödliche COVID-Verläufe aktuell bei fast ausschließlich ungeimpften Menschen. Über das Aufheben von Maßnahmen kann somit erst diskutiert werden, wenn wir uns dem Impfziel genähert haben."

Impfziel – das magische Wort

Da ist es, das magische Wort: Impfziel – klingt verlockend, nach all den harten Monaten der Pandemie, Lock-Downs und Teilöffnungen, gesellschaftlicher Entbehrungen und sozialer Distanz. Und wann genau und mit welcher Impfquote kommen wir dahin? Die Dänen haben dieses Ziel am 10. September 2021 nach eigener Auffassung mit einer im Vergleich traumhaften Impfrate von 74 Prozent erreicht und alle Corona-Beschränkungen aufgehoben.

Der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz sagte gegenüber watson dazu: "Wenn man zur Impfquote von 74 Prozent noch die Genesenen dazuzählt, kommt man auf circa 80 Prozent. Das könnte nahe an der Herdenimmunität sein, so dass die Aufhebung der Maßnahmen gerechtfertigt sein könnte".

Irgendwo zwickt es immer

Und wenn die Herdenimmunität erreicht ist, können wir dann, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft, den epidemiologisch zu vernachlässigenden Rest der freiwillig Ungeimpften nicht einfach tolerieren, anstatt die Moralkeule zu schwingen? Um des gesellschaftlichen Friedens willen? Möglicherweise ist die Antwort auf die Frage gar nicht in der Ethik, in Wissenschaft oder in der Medizin zu suchen. Sondern eher in der subjektiven Befindlichkeit.

Laut Cosmo, einem Umfrage-Projekt der Universität Erfurt unter anderem zu Risikowahrnehmung, Schutzverhalten und Vertrauen während der COVID-19-Pandemie stört es 73 Prozent der Geimpften, dass andere ungeimpft sind. Im Grunde heißt das aber: Auch wenn es die Geimpften stört, dass es immer noch einen hartnäckigen Rest an Impfverweigerern gibt, müssen sie sich in Toleranz üben. Denn am Ende aller politischer und ethischer Argumente bleibt die Erkenntnis: Eine demokratisch-freiheitliche Gesellschaft ist nun mal keine Wohlfühl-Oase, irgendwo zwickt es immer.

Vielleicht sollten wir, das Erreichen der entsprechenden Impfquote vorausgesetzt, es dann einfach mit den Dänen halten. Hunderte von ihnen haben zur vollständigen Aufhebung der Corona-Regeln ein Lied über das Ende der Pandemie gesungen, den ein Radiosender gemeinsam mit seinen Hörerinnen und Hörern getextet hat und in Radio und Fernsehen übertragen wurde: "Den 11. März werden wir nie vergessen, als wir alle mehr als eine Rolle Klopapier kauften…". Einfach mal wieder laut zusammen singen, ob geimpft oder ungeimpft, wär das schön ...

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