Mal eben impfen lassen? Kommt für manche Menschen nicht in Frage. Ihre Gründe sind vielfältig.
Mal eben impfen lassen? Kommt für manche Menschen nicht in Frage. Ihre Gründe sind vielfältig.
Bild: dpa / Evgeny Sinitsyn
Interview

"Impfgegner wird man auch mit harten Einschränkungen nicht überzeugen"

17.09.2021, 17:1517.09.2021, 19:34

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) sind 63 Prozent der Deutschen inzwischen vollständig gegen Covid-19 geimpft. Nicht wenige der übrigen verweigern den Pieks aktiv. In einer Erhebung beschäftigten sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit der Frage: Wer sind die Ungeimpften – und was treibt sie an? Philipp Sprengholz, Psychologe und Experte für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt, hat an dem Projekt mitgearbeitet. Im Gespräch mit watson erklärt er die Beweggründe der Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen.

watson: Herr Sprengholz, in Berlin machen nach über einem Jahr die Clubs wieder regulär auf, ohne Maskenpflicht für Geimpfte und Genesene. Waren Sie schon tanzen?

Philipp Sprengholz: Noch nicht. Ich wohne in Jena und während der Semesterferien ist hier nicht viel los. Ab Mitte Oktober wieder. Viele Skeptiker lassen sich nun doch impfen, um am kulturellen Leben teilnehmen zu können.

Manche sprechen deshalb von einem Impfzwang durch die Hintertür. Zu Recht?

Natürlich wird Druck aufgebaut. Ein Zwang ist es aber nicht, man kann sich frei entscheiden. Außerdem gibt es ja die Möglichkeit für Nicht-Geimpfte, mit einem Test an bestimmten Veranstaltungen teilzunehmen. Man ist also nicht komplett vom Leben ausgeschlossen. Es sind außerdem nicht alle Ungeimpften Skeptiker oder Gegner. Darunter sind auch viele, die es bisher zeitlich nicht geschafft oder sich schlicht Zeit gelassen haben, weil es etwa im Sommer die 3G-Regel noch nicht gab. Insofern sind diese Regelungen eigentlich gut, als Anstoß für jene, die sich ohnehin impfen lassen wollen oder bisher unentschieden waren.

Und die Impfgegner?

Diese Gruppe wird man auch mit harten Einschränkungen wie im Fall der Clubs kaum überzeugen können.

Sie sind Teil des Cosmo-Teams (Covid-19 Snapshot Monitoring), das das Verhalten der Menschen in der Corona-Pandemie erforscht. Ihr Team hat eine Studie zur Impfbereitschaft veröffentlicht. Wovor haben Nicht-Geimpfte Angst?

Ganz oben stehen Sicherheitsbedenken: Viele Ungeimpfte sorgen sich um mögliche Nebenwirkungen und Langzeitfolgen. Sie denken, die neuen Impfstoffe wurden noch nicht ausreichend erforscht und getestet. Immer wieder wird angemerkt, dass die Impfung in sehr kurzer Zeit entwickelt worden sei.

Zumindest das stimmt doch, oder?

Natürlich ist da etwas dran. Entwicklung und Freigabe der Corona-Impfstoffe sind schneller erfolgt als üblich. Aber wenn man sich den Prozess im Detail anschaut, ergibt sich ein anderes Bild: Schon vor Jahren, bevor das erste Corona-Virus aufgetaucht ist, wurde an verwandten Krankheiten wie SARS geforscht und es wurden Impfstoffe entwickelt. Die Sorgen sind also unbegründet, die Impfungen gegen COVID-19 sind gut erforscht und getestet. Leider ist das auf den ersten Blick nicht immer zu erkennen. Der Entwicklungsprozess muss besser erklärt werden.

"Die Sorgen sind unbegründet, die Impfungen gegen COVID-19 sind gut erforscht und getestet"
Der Psychologe Philipp Sprengholz (33) von der Universität Erfurt.
Der Psychologe Philipp Sprengholz (33) von der Universität Erfurt.
Foto: Kristina Worch

Medien, Politik und Ärzte scheinen in einer Vertrauenskrise zu stecken.

Unsere Ergebnisse zeigen vor allem Skepsis gegenüber der Bundesregierung und ihrem Krisenmanagement. Häufige Richtungswechsel der Politik und moralische Totalausfälle wie die Maskenaffäre haben dazu sicher beigetragen. Allerdings ist es auch überzogen, in einer so großen Krise den perfekten Masterplan zu erwarten. Einen Vertrauensverlust gegenüber Ärzten konnten wir während der Pandemie übrigens nicht feststellen. Für die meisten Menschen sind der Hausarzt und die Hausärztin eine wichtige und geschätzte Informationsquelle.

Sie haben auch die Demographie der Ungeimpften untersucht. Was kam dabei heraus? Unter ihnen sind mehr Frauen als Männer. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Impfung für Schwangere zunächst nicht empfohlen wurde. Wer in den letzten Monaten eine Familie gründen wollte, hat sich beim Impfen sicher zurückgehalten. Auch niedrige Bildung und ein Migrationshintergrund können eine Rolle spielen. Der Zugang zur Impfung war in der Vergangenheit häufig zu kompliziert. Sprachbarrieren und die komplizierte Anmeldung zur Impfung haben dazu beigetragen, dass nicht alle Menschen geimpft werden konnten, die gern geimpft werden wollten. Bei Jüngeren ist die Impfbereitschaft niedriger als bei Älteren. Das ist nachvollziehbar. Für Menschen, die weniger schwerwiegende Krankheitsverläufe erwarten, ist die Impfung natürlich weniger attraktiv. Dabei vergessen viele, dass die eigene Impfung auch Andere in unserer Gesellschaft schützt, die selbst nicht geimpft werden können und auf unseren Schutz angewiesen sind.

Sie haben auch ein Ost-West-Gefälle entdeckt. Genau, da gibt es einen deutlichen Unterschied. In Ostdeutschland ist die Impfbereitschaft niedriger. Im Vergleich zu Westdeutschen haben die Ostdeutschen weniger Vertrauen in die Sicherheit der Impfung und glauben, die Krankheit sei nicht so gefährlich. Hier braucht es mehr Aufklärung.

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