Die Schwedin Lizen Johansson installierte eine "Hugging Station" für ihre Kollegen in Malmo, Schweden.
Die Schwedin Lizen Johansson installierte eine "Hugging Station" für ihre Kollegen in Malmo, Schweden.
Bild: TT NEWS AGENCY / Johan Nilsson/TT
Analyse

"Schwedischer Weg", Zero Covid oder deutscher Mittelweg: Experten beurteilen verschiedene Corona-Strategien

21.08.2021, 10:2821.08.2021, 13:39

Nicht nur in Europa, auch global gesehen unterscheiden sich die Strategien im Kampf gegen Corona sehr voneinander. Während die einen immer mehr lockern, fahren andere weiter den harten Kurs. Watson hat mit Experten darüber gesprochen, wie effektiv die einzelnen Strategien der Länder sind.

Der schwedische Weg

Im letzten Jahr hat Schweden mit dem etwas anderen CoronaWeg weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Maskenpflicht gab es nie und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wurde für öffentliche Verkehrsmittel lediglich empfohlen – zusätzlich zur Aufforderungen, möglichst Stoßzeiten zu vermeiden. Auch einen harten Lockdown haben die Schweden nicht so erlebt wie wir. Zwar sind die Hygieneregeln eingehalten worden und auch Versammlungen wurden gemieden, aber öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Kinos, Fitnessstudios und auch Friseursalons blieben weiterhin geöffnet, nur ältere Schüler hatten Home-Schooling.

Hierzu hat Epidemiologe Markus Scholz eine klar Meinung: "Der schwedische Laissez-faire-Weg war meines Erachtens klar schlechter, da er zu deutlich höheren Todeszahlen führte", sagt er gegenüber watson. "Auch andere Länder ohne ausreichende Maßnahmen wie Tschechien oder Brasilien hatten wesentlich höhere Todeszahlen pro Einwohner zu beklagen."

Die schwedischen Nachbarn aus Dänemark waren anfangs strenger, schaffen aber nun die Maskenpflicht ab Oktober komplett ab. Timo Ulrichs, Professor für Globale Gesundheit und Entwicklungszusammenarbeit an der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften, sieht das kritisch: "Die Ansteckungsfähigkeit der Delta-Variante ist nicht zu unterschätzen. Sie ist in etwa vergleichbar mit der von Windpocken."

Scholz ist dafür, Hygieneregeln aufrecht zu erhalten: "Deshalb sind Abstandhalten und Maskentragen sinnvoll. Ein komplettes Abschaffen des Maskentragens ohne Not ist nicht sinnvoll, denn die Maßnahme ist gut etabliert und kann Übertragungen nachweislich verhindern." Kopenhagen hat zudem für den Herbst entschieden, dass die 3G-Regelung entfällt. Um am öffentlichen Leben teilzunehmen, muss dann kein Nachweis über Impfung, Genesung oder Testung mehr erbracht werden.

Dadurch könnten Großveranstaltungen wie Konzerte schnell zu Superspreader-Events werden, findet Epidemiologe Ulrichs. "Eine 3G-Regelung ist sinnvoll, noch besser wäre eine 2G-Regelung angesichts der vielen falschnegativen Befunde von Antigenschnelltests. Beim Betreten von Innenräumen und bei Großveranstaltungen können diese Zugangsbeschränkungen das Risiko einer Virusverbreitung stark vermindern." Die Tests stehen schon länger in der Kritik, da sich in den letzten Monaten die Falschergebnisse gehäuft hatten und vor allem die Delta-Variante von Antigen-Tests schlechter erfasst werden kann.

Markus Scholz, der unter anderem an der Universität Leipzig zu statistischen und bioinformatischen Methoden der Genetik forscht, sagt dazu:

"Bei Zusammentreffen von Personen sind nur die Geimpften und die Genesenen vor Ansteckungen zumindest teilweise geschützt. Für Negativ-Getestete besteht ein erhöhtes Ansteckungsrisiko. Diese drei G-Gruppen sind deshalb nicht gleichwertig zu betrachten, so dass hier unterschiedliche Verfahrensweisen je nach Pandemielage vorstellbar sind."

Zero Covid, zero Sinn?

Letzte Woche gab Neuseeland bekannt, dass sie die Grenzen im Januar 2022 wieder für den Tourismus öffnen wollen. Im März 2020 hatte die Regierung von Premierministerin Jacinda Ardern einen 5-wöchigen Lockdown beschlossen und das Land dichtgemacht. Schon im Juni gab es dann das erste Mal keine Covid-Neuinfektionen mehr. Erst 100 Tage später gab es den nächsten Fall in Auckland, worauf die ganze Stadt in einen Lockdown geschickt wurde. Das Ergebnis dieser Corona-Politik: Geschäfte, Fitnessstudios und Museen konnten weitgehend offen bleiben, Bilder von ausgelassen Partys verbreiteten sich in den sozialen Netzwerken.

"Insgesamt ist der von Deutschland beschrittene Mittelweg gar nicht so schlecht. Wir sind bisher ganz gut durch die Pandemie gekommen."
Dr. Ulrichs, Professor für Internationale Not- und Katastrophenhilfe und Global Health

"Neuseeland konnte aufgrund seiner Insellage und einer späten ersten Welle eine No-Covid-Strategie erfolgreich umsetzen und kann jetzt beim ersten Eindringen des Coronavirus durch rigide Maßnahmen das gesamte Land coronafrei halten. So etwas wäre in Deutschland und in der gesamten EU eher illusorisch", meint Professor Ulrichs. Dem kann Scholz nur teilweise zustimmen: "Die 'Null-Covid'-Strategie einiger Länder muss ebenfalls als gescheitert betrachtet werden. Trotz der für die Pandemieeindämmung günstigen Insellage und sehr harter Lockdowns gelang es diesen Ländern nur zeitweise, die Pandemie auszurotten, da es immer wieder zu Neueinträgen kommt. Beide Länder impfen zudem viel zu wenig, um die Pandemie wirksam bekämpfen zu können."

Der deutsche Mittelweg

Im Vergleich zum Schwedischen Weg und der Zero-Covid-Strategie versuchte Deutschland eine Balance zwischen diesen beiden Herangehensweisen zu finden. Der erste harte Lockdown wurde im März 2020 verhängt und sorgte unter anderem dafür, dass im Sommer wieder einigermaßen Normalität einkehren konnte. Masken gehörten zum Alltag und ab Herbst auch die Antigen-Tests. Trotzdem stiegen die Zahlen ab Oktober wieder rasant in die Höhe und auf einen soften folgte der nächste harte Lockdown. "Zu kritisieren ist hier vor allem das sehr späte Reagieren auf die zweite und dritte Welle. Das hat zu unnötig vielen Todesfällen geführt. Zudem waren andere Länder mit den Impfungen deutlich schneller, beziehungsweise sind jetzt weiter," sagt Markus Scholz.

"Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass man anvertraute schwerkranke Menschen bestmöglich schützt. Das ist nur durch eine Impfung möglich."
Markus Scholz, Professor für Biometrie an der Uni Leipzig

Dieses zögerliche Handeln der Politik kritisiert auch Ulrichs: "Insgesamt ist der von Deutschland beschrittene Mittelweg gar nicht so schlecht. Wir sind bisher ganz gut durch die Pandemie gekommen – abgesehen von der mit hohen Opferzahlen verbundenen zweiten Welle, die durchaus vermeidbar gewesen wäre. Ein weiteres Anwenden von Abstandhalten und Maskentragen zusammen mit der Durchimpfung wird uns auch gut an ihr Ende bringen." Ulrichs appelliert an die Bevölkerung, jetzt noch durchzuhalten: "Es wäre sehr ärgerlich, wenn durch fehlende Impfbereitschaft in der Endphase der Pandemie noch unnötig Opfer erzeugt würden. Und es ist ärgerlich, dass Impfverweigerer Kinder und Jugendliche gefährden, in der sich aufbauenden vierten Welle infiziert zu werden, sodass Schulen und Kitas womöglich wieder geschlossen werden müssen."

Eine Impfpflicht für medizinisches Personal, wie es Frankreich jetzt eingeführt hat, findet er trotzdem nicht angebracht: "Eine Impfpflicht ist generell nicht sinnvoll. Andererseits ist völlig unverständlich, wie man sich nicht impfen lassen kann, wenn man mit Patientinnen und Patienten zu tun hat, also durch Nichtimpfung eine Gefährdung derselben wissentlich in Kauf nimmt." Darin sind sich die beiden Professoren einig. "Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass man anvertraute schwerkranke Menschen bestmöglich schützt. Das ist nur durch eine Impfung möglich," kommentiert Scholz die Impfpflicht-Debatte. Er hält sogar eine Impfpflicht für medizinisches und pflegerisches Personal für denkbar.

Gibt es überhaupt eine optimale Strategie?

Selbst Expertinnen und Experten sind sich also uneins darüber, welche Strategie optimal gewesen wäre. Kritisiert werden aber Experimente wie das in Großbritannien – mit plötzlicher kompletter Öffnung.

"Auf diese Weise nimmt man bewusst eine Durchseuchung der zu diesem Zeitpunkt noch nicht geimpften Bevölkerungsteile in Kauf. Das kann auch zu schweren Covid-19-Verläufen bei Kindern und Jugendlichen führen, wie die Zahlen in den USA zeigen," kommentiert Ulrichs die Aufhebung aller Maßnahmen in Großbritannien. Ob also im Nachhinein eine Corona-Strategie als besonders wirksam aus der Pandemie hervorgehen wird, bleibt abzuwarten.

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