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Verreisen ist mittlerweile trotz Corona wieder möglich – wenn wir bestimmte Vorsichtsmaßnahmen beachten. Bild: iStockphoto / Sasha_Suzi

Analyse

Epidemiologe sagt: Europa kann trotz Corona bereist werden – mit zwei Ausnahmen

Die Sonne strahlt vom Himmel, in mehreren Bundesländern haben die Sommerferien schon begonnen: Es ist Zeit für Urlaub. Vor allem nach dem Corona-Lockdown, bei dem die meisten von uns Füße scharrend zu Hause saßen, ist die Sehnsucht nach einem Tapetenwechsel nun groß.

Ein mulmiges Gefühl bleibt dennoch, während wir die Urlaubsangebote durchforsten. Die Höchstphase der Pandemie in Europa ist schließlich noch nicht lange her. Ist es zu waghalsig, jetzt schon einen Flug nach Spanien zu buchen? Oder an den Strand in Italien zu fahren? Oder ist der Urlaub im überfüllten Hotel an der Ostsee vielleicht noch riskanter als bisher gedacht?

Welche Länder du jetzt bereisen kannst, wie du am sichersten hinkommst und in welcher Unterkunft das Ansteckungsrisiko womöglich am niedrigsten ist – darüber hat watson mit Timo Ulrichs gesprochen. Er ist Epidemiologe und leitet den Studiengang Internationale Not- und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Welche Urlaubsländer solltest du nach wie vor meiden?

Die Bundesregierung hat mittlerweile die Reisewarnung für 27 EU-Länder aufgehoben, darunter auch beliebte Urlaubsländer wie Italien, Spanien oder Kroatien. Finnland wird ab dem 14. Juli wieder deutsche Touristen zulassen, Norwegen ab dem 15. Juli. In manchen Ländern, darunter Griechenland, muss man sich spätestens 48 Stunden vor Einreise elektronisch anmelden und ein Formular ausfüllen. So können mögliche Infektionsketten nachvollzogen werden.

Außerhalb Europas stehen noch 160 Länder unter Reisewarnung, darunter auch die Türkei. Ulrichs empfiehlt watson gegenüber dringend, sich an diese Maßnahme zu halten:

"Die Türkei unterliegt immer noch einer Reisewarnung, und die sollte durchaus ernst genommen werden."

Während einer Pandemie gilt generell noch mehr als sonst: Nicht alles, was prinzipiell geht, muss auch gemacht werden. Aus epidemiologischer Sicht warnt Ulrichs deswegen:

"Eine Reise in die USA ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu empfehlen, und auch Lateinamerika sollte gemieden werden. Innerhalb Europas kann gut gereist werden, da die epidemiologische Lage mit Ausnahme Schwedens und Großbritanniens gut unter Kontrolle und deshalb vergleichbar mit der Situation in Deutschland ist."

Auto, Zug, Flugzeug: Welches Reisemittel solltest du nutzen?

An der frischen Luft überträgt sich das Coronavirus am wenigsten. Deswegen wäre eine ausgiebige Fahrradtour im Sommer eigentlich die beste Art, zu verreisen. Wem das zu anstrengend ist, kann natürlich auf andere Verkehrsmittel ausweichen. Ulrichs sagt:

"Das sicherste Reisemittel nach dem Fahrrad ist das eigene Auto."

Die Deutsche Bahn sei dem Epidemiologen nach ebenfalls relativ sicher, wenn die Abstände in den Großraumwagen und Abteilen eingehalten werden können. "Gleiches gilt für den (Überland-)Bus."

Verzichten sollten wir dieses Jahr lieber auf Flugreisen, wenn es möglich ist. Denn hier kann sich Corona womöglich am einfachsten unter den Reisenden verbreiten, wie Ulrichs sagt:

"Beim Flugverkehr besteht höheres Übertragungsrisiko bei Abfertigung im Flughafen, Ein- und Aussteigen sowie im engen Nebeneinander in der Flugzeugkabine, wenn kein gutes Hygienekonzept vorliegt und auch konsequent angewendet wird."

Hotel, Hostel oder Ferienwohnung: Welche Unterkunft ist am sichersten?

Ob klassischer Hotel-Urlaub oder ein Privatzimmer über AirBnb mieten: Viele sind nun verunsichert, welche Unterkunft im Urlaub trotz Corona noch infrage kommt. "Grundsätzlich gilt: Je mehr Platz vorhanden ist, um einander aus dem Weg zu gehen, desto besser", sagt Ulrichs gegenüber watson. Weiterhin meint der Experte:

"Das kann in allen genannten Unterkünften der Fall sein, am wenigsten jedoch in einer gemieteten AirBnb-Wohnung, wo der Wohnraum mit dem Vermieter geteilt wird."

Das heißt: Wenn ihr eine Unterkunft über AirBnb buchen solltet, dann achtet darauf, dass es sich um eine Wohnung ganz für euch allein handelt.

Solltet ihr eine günstige Unterkunft für mehrere Personen suchen, ist eine Übernachtung in einer Jugendherberge auch möglich, sagt Ulrichs. Denn: "Auch Jugendherbergen verfügen über lokal angepasste Hygienekonzepte und können besucht werden."

Urlaub in den Bergen oder am Strand – wo ist das Risiko geringer?

Ähnlich wie beim Verkehrsmittel und der Unterkunft gilt bei der konkreten Wahl des Urlaubsorts und der Aktivitäten: "Je mehr frische Luft und je geringer die Wahrscheinlichkeit, auf viele andere Menschen zu treffen, desto besser", sagt der Epidemiologe Ulrichs. "Das heißt, das Meiden voller Strände, aber auch voller Berghütten, wäre diesen Sommer sinnvoll."

Seiner Meinung nach wäre es auch denkbar, einen Städte-Trip zu machen – auch auf die Gefahr hin, möglicherweise nicht alle Sehenswürdigkeiten des jeweiligen Ortes besuchen zu können:

"Eine Städtereise wäre sicher machbar, allerdings sollte man auf Einschränkungen gefasst sein, da möglicherweise immer noch viele Einrichtungen geschlossen oder nur eingeschränkt geöffnet haben."

Generell gilt laut dem Experten allerdings: "In Städten ist das Risiko einer Virusübertragung größer als auf dem Land, deshalb sollte man bei Städtereisen besonders vorsichtig sein."

Sollten wir lieber ganz auf Reisen verzichten in diesem Jahr?

Bei all diesen Überlegungen stellt sich die Frage: Ist es das überhaupt wert, in Anbetracht der Lage dieses Jahr in den Urlaub zu fahren? Riskieren wir damit am Ende nicht, dass sich das Virus trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wieder verbreitet – und sich so eine zweite pandemische Welle anbahnt?

Auch Ulrichs meint: "Um die Virusverbreitung zu hemmen, wären weniger Bewegungen natürlich besser." Gleichzeitig gibt der Epidemiologe allerdings Entwarnung – schließlich hält sich der Großteil der Bevölkerung an die Vorsichtsmaßnahmen, um eine rasche Verbreitung des Virus zu vermeiden:

"Dank der bisherigen Disziplin bei der Anwendung der Kontaktsperreregeln konnte die epidemiologische Lage EU-weit gut unter Kontrolle gebracht werden. Deshalb kann ein Reisen in diesen Zeiten durchaus riskiert werden – mit Vorsicht und Vernunft."

Bis wir wieder gänzlich unbeschwert verreisen können, wird es wohl noch eine Weile dauern. Ganz auf Urlaub verzichten müssen wir allerdings dennoch nicht – sofern wir weiterhin Abstand halten, in öffentlichen Räumen und Verkehrsmitteln Mundschutz tragen und uns regelmäßig die Hände waschen.

(ak)

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