Analyse

Was passiert jetzt mit Notfall-Patienten? In welchen Bundesländern die Intensivstationen schon voll sind, wo es noch Kapazitäten gibt – und wie Patienten verlegt werden können

22.11.2021, 18:0223.11.2021, 12:04

Das deutsche Gesundheitssystem ist am Limit: Immer mehr Bundesländer warnen, keine weiteren Intensivpatienten mehr aufnehmen zu können. Die Kapazitäten der Intensivstationen sind erschöpft. Die bayerischen Krankenhäuser warnen angesichts der ungebremst steigenden Corona-Infektionszahlen vor einer unmittelbar drohenden Überlastung: "Die aktuelle Lage ist so dramatisch, wie sie noch nie in der gesamten Pandemie-Zeit in Bayern war", sagte der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Roland Engehausen, der "Augsburger Allgemeinen" bereits am 19. November. "Wir haben schon jetzt kaum noch Kapazitäten." Er warnt, dass sie "bald keine Chance mehr für Verlegungen innerhalb des Freistaats haben".

Schon jetzt würden bayerische Intensivpatienten in andere Bundesländer verlegt. Aber das werde immer schwieriger. "Der Weg nach Baden-Württemberg ist eigentlich bereits geschlossen, weil sich die Kliniken dort der bayerischen Situation annähern", sagte der Krankenhaus-Vertreter. "Ob wir in ein paar Wochen noch jemanden nach Hessen bringen können, wissen wir nicht. Nach Thüringen und Sachsen braucht man nicht zu fahren und in Österreich ist die Lage nicht besser als bei uns", so Engehausen.

Pläne für die Verlegung von Intensivpatienten in Nachbarländer

Italien hat bereits angeboten, Deutschland auszuhelfen: In Südtirol gebe es noch Kapazitäten, sagt der dortige Covid-Einsatzleiter ebenfalls Ende vergangener Woche. Bozen und Meran hatten jüngst schon Patienten aus Bayern übernommen. Die Bundesregierung plant aktuell einen Hilfseinsatz der Luftwaffe zur Verlegung von schwerkranken Corona-Patienten aus besonders betroffenen Gebieten in Süddeutschland. Schnelle Transportkapazitäten sollen bereitgehalten werden, um Erkrankte bei einer Überlastung von Intensivstationen in Regionen mit freien Kapazitäten fliegen zu können. "Es gibt noch keine offiziellen Amtshilfeanträge dazu, aber wir bereiten uns darauf vor", sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums am Freitag.

Watson hat nachgefragt, wie die Verlegungspläne der Bundesländer konkret aussehen und was mit Notfallpatienten passiert, die kein Corona haben:

Um die Verlegung von Patientinnen und Patienten bundesweit zu steuern, gibt es das sogenannte Kleeblatt-Prinzip, das die 16 Bundesländer in fünf Regionen (Nord, West, Ost, Südwest, Süd) zusammenfasst. Sind in einem Bundesland die Intensivstationen überlastet, sollen die Patienten zu freien Betten transportiert werden – entweder in eine andere Stadt, oder in ein anderes Bundesland im jeweiligen "Kleeblatt".

"Die Finanzierung für die Verlegung ist finanziell nur für Covid-Patienten geregelt. Da muss die Politik noch nachregeln!"
Jan-Thorsten Gräsner, Mitglied der Steuerungsgruppe COVRIIN zur strukturierten Verlegung im Kleeblatt-System

"Dieses Konzept wurde für Covid-19-Patienten erarbeitet. Es gilt am Ende aber auch für normale Intensivpatienten", betonte Jan-Thorsten Gräsner, Direktor des Instituts für Rettungs- und Notfallmedizin der Uniklinik Kiel und Mitglied der Kleeblatt-Steuerungsgruppe COVRIIN, in der DIVI-Pressekonferenz am 22. November. Er wendete jedoch ein: "Die Finanzierung für die Verlegung ist finanziell nur für Covid-Patienten geregelt. Da muss die Politik noch nachregeln!"

Stattfinden soll die Verlegung mit Hubschraubern, Großflächenflugzeugen, Wagen, gegebenenfalls auch mithilfe der Bundeswehr. Gräsner erklärt, die Verlegung von Intensivpatienten sei ein technisches, logistisches und medizinisches Thema. "Derzeit sind wir ganz gut aufgestellt, weil wir nicht von null anfangen. Eine neue Herausforderung ist aber die strategische Verlegung – also nicht die Verlegung ins nächste, sondern übernächste Krankenhaus." Schließlich wolle man jeden Patienten auch in die am besten geeignete Krankenstation bringen.

Unter anderem Hubschrauber sollen für die Verlegung der Intensivpatienten herangezogen werden.
Unter anderem Hubschrauber sollen für die Verlegung der Intensivpatienten herangezogen werden.Bild: Fotostand / Fotostand / Reiss

Aktuell befinden sich bundesweit 3675 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung. 2793 Betten sind noch als frei gemeldet, 19.132 sind belegt. 9.300 zusätzliche Betten können laut DIVI-Register binnen sieben Tagen als Notreserve aufgestellt werden.

In Hamburg steigt der Anteil an Covid-Patienten auf den Intensivstationen drastisch

Die Auslastung der deutschen Intensivstationen ist zwar von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, doch überall verschärft sich angesichts steigender Infektionszahlen die Lage zunehmend. Das ergab eine watson-Umfrage bei den Gesundheitsministerien der Länder. In Hamburg etwa ist die Lage auf den Intensivstationen zwar noch stabil. Doch "im Vergleich zu Oktober sind schon jetzt rund ein Drittel mehr Intensivbetten durch Covid-Patienten ausgelastet", so ein Sprecher der Sozialbehörde Hamburg. In Schleswig-Holstein ist die Versorgung von Corona- und Nicht-Corona-Notfallpatienten nach Angaben der jeweiligen Ministerien weiterhin sichergestellt, ebenso im Bundesland Rheinland-Pfalz.

Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums von Rheinland-Pfalz teilte mit: "Rheinland-Pfälzische Krankenhäuser haben in der Vergangenheit in einigen Fällen Covid-Patienten aus anderen EU-Mitgliedstaaten aufgenommen." Diese Anfragen seien immer auch an die Bundesregierung gerichtet und von dieser an die Länder weitergegeben worden. Aus Rheinland-Pfalz mussten bislang keine Notfallpatienten in andere Bundesländer verlegt werden.

Auch in Niedersachsen können aktuell alle Notfallpatienten versorgt werden. Abhängig vom Schweregrad des Notfalls und der Verfügbarkeit von spezialisierten Klinikressourcen sei es aber möglich, dass nicht das nächstgelegene, sondern das nächste geeignete und frei gemeldete Krankenhaus angefahren wird, sagt eine Sprecherin des Sozialministeriums.

"Es kann nicht mehr ausgeschlossen werden, dass die notfallmäßige Versorgung – auch für Nicht-Corona-Notfallpatienten – nicht so gewährleistet werden kann wie sonst."
Sozialministerium Sachsen gegenüber watson

In Sachsen und Bayern spitzt sich die Lage auf den Intensivstationen zu

Wesentlich dramatischer sieht die Lage in Sachsen und Bayern aus. Auch in Baden-Württemberg ist die Lage auf den Intensivstationen angespannt, ließ ein Sprecher verlauten. In Bayern wurde den Krankenhäusern per Allgemeinverfügung schon das Recht eingeräumt, aufschiebbare Operationen zu verschieben. "Bei welchen Behandlungen und Eingriffen das der Fall ist, ist ausschließlich im Einzelfall von den behandelnden Ärzten zu treffen", sagt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums.

"Angesichts der sich weiter dramatisch entwickelnden Lage im Freistaat Sachsen kann nicht mehr ausgeschlossen werden, dass die notfallmäßige Versorgung – auch für Nicht-Corona-Notfallpatienten – nicht so gewährleistet werden kann wie sonst", äußert sich das Sozialministerium Sachsen. Es stünden im Freistaat nur noch wenige Betten auf den Intensivstationen zur Verfügung, sagte der Präsident der Landesärztekammer, Erik Bodendieck, dem Sender NDR Info. Sachsen sei in jedem Fall auf die Hilfe anderer Bundesländer angewiesen.

"Wenn mir etwas passieren sollte, ich eine Herz-OP benötige oder eine andere Operation, die dazu führt, dass ich auf die Intensiv muss, ist das Risiko zu sterben natürlich deutlich höher durch die Möglichkeit der Infektion an Corona."
Tom R. mit angeborenem Herzfehler gegenüber watson

Menschen mit Vorerkrankung sind wütend über die vollen Intensivstationen

Für Menschen mit Vorerkrankung sind diese Szenarien beängstigend. Tom R. aus Brandenburg hat einen angeborenen Herzfehler und ist wütend über die angespannte Lage. Er sagt gegenüber watson:

"Das Thema ist tatsächlich sehr bedrückend. Denn wenn mir etwas passieren sollte, ich eine Herz-OP benötige oder eine andere Operation, die dazu führt, dass ich auf die Intensiv muss, ist das Risiko zu sterben natürlich deutlich höher durch die Möglichkeit der Infektion an Corona. Dass sich der eigene Zustand innerhalb weniger Tage sehr schnell verschlimmern kann, damit hat man sich sein Leben lang abgefunden. Aber dass andere Menschen zu egoistisch und rücksichtslos sind und sich auf 'ihre Freiheit' berufen, aber tausenden Menschen die Freiheit nehmen, macht mich wütend."

Durch die Verweigerung einer Covid-Impfung würden diese Menschen nicht nur sich selbst, sondern alle Menschen die auf ein funktionierendes Gesundheitssystem angewiesen sind, gefährden. "Sie nehmen damit vielen Menschen ein Stück wirkliche Freiheit und Sicherheit", so Tom R. Dass das in der Politik nicht ankomme und das Impfen nicht als gesellschaftlich notwendig angesehen werde, mache ihn fassungslos.

"Aber im gesellschaftlichen Diskurs vergessen zu werden, war schon immer Realität", so der 20-Jährige gegenüber watson. Erst vor Kurzem habe er überlegt, seinen lang ersehnten Termin bei der Kardiologie kurzfristig abzusagen, nachdem er wegen der Corona-Situation schon zwei Jahre keinen mehr wahrgenommen hatte. Dies sei schon an sich gefährlich, doch die Angst davor, während der Corona-Welle ins Krankenhaus zu müssen, sei größer gewesen.

(mit Material der dpa)

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