Am 22. Juli 2016 versetzte der Attentäter David Sonboly die Stadt München in Angst und Panik.
Am 22. Juli 2016 versetzte der Attentäter David Sonboly die Stadt München in Angst und Panik. bild: sky deutschland
Analyse

6 Jahre nach dem München-Attentat: Der Schütze ist tot, doch der Tätertypus bleibt

21.07.2022, 11:36

Triggerwarnung: Im folgenden Text werden Gewalthandlungen und deren Folgen für Betroffene geschildert, die belastend und retraumatisierend sein können.

"Ich hatte Bruchteile von Sekunden Zeit zu überlegen: Was soll ich machen?" Das sagt der Augenzeuge Hüseyin Bayri, der am 22. Juli 2016 nur zufällig mit seinem Fahrrad am McDonalds-Schnellrestaurant am Münchner Einkaufszentrum OEZ vorbeikommt.

Luftaufnahme des Olympia Einkaufszentrums in München und dem gegenüber liegenden McDonalds-Restaurant.
Luftaufnahme des Olympia Einkaufszentrums in München und dem gegenüber liegenden McDonalds-Restaurant. bild: Sky Deutschland

Zur falschen Zeit, denn Bayri wird damit Augenzeuge und beinahe selbst Opfer einer schrecklichen Gewalttat. Er hört Schüsse und sieht blutende und tote Menschen liegen, schmeißt sein Fahrrad auf den Boden und sich selbst neben einen blutenden Jungen. Er versucht, mit seinen Händen die Blutung zu stoppen, mit dem Jungen zu reden, damit er bei Bewusstsein bleibt.

Da sieht er den "Terroristen", wie er ihn nennt: "Keine zwei Meter von mir entfernt (...). Dann hat er auf mich gezielt. Ich hab ihn angeschaut, bis zu seiner Brust, hab die Schusswaffe gesehen, hab in den Lauf reingeschaut. Dann hab ich mir gedacht: 'Huseyin, jetzt ist es mit dir soweit.' (...) Dann hab ich dieses 'klick' gehört...Er hat abgedrückt und ich bin in Ohnmacht gefallen."

Trauernde bei der Gedenkfeier im Jahr 2021 für das Attentat vom 22. Juli 2016.
Trauernde bei der Gedenkfeier im Jahr 2021 für das Attentat vom 22. Juli 2016.bild: Sky Deutschland

Als Bayri wieder aufwacht, sind bereits Polizei und Rettungskräfte vor Ort. Er hat überlebt, der 19-jährige Guiliano Kollmann, neben dem er liegt, ist tot. Gestorben an seinen Schussverletzungen. Das ganze Ausmaß der Gewalttat, die der Attentäter David (Ali) Sonboly an diesem Abend des 22. Juli 2016 verübte: Neun Tote Menschen, acht davon Jugendliche unter 21 Jahren.

Die Macht der sozialen Medien: Aus einem Tatort wurden 73

Die Schüsse im Konzertsaal Bataclan in Paris, die Terrorfahrt in Nizza, das Messerattentat in Würzburg nur wenige Tage zuvor – und nun auch München. "Die sicherste Stadt der Welt, hab ich mir immer gedacht", wie der Zeuge Huseyin Bayri sagt. Bis zu diesem Sommerabend im Juli 2016, als der Amokläufer Sonboly die Stadt in Angst und Schrecken versetzte. "Ein Abend, der lange hätte draußen stattfinden können," sagt Martin Bernstein, Polizeireporter der "Süddeutschen Zeitung" zu Beginn der vierteiligen Dokumentation "Die Schüsse von München". Doch es kam anders.

"Der Begriff 'Langwaffe' ist kein Terminus, den Sie auf einem Grillfest hören. Diesen Terminus haben wir aber von normalen Bürgern am Notruf gehört."
Marcus da Gloria Martins, ehemaliger Leiter der Pressestelle Polizei München

"Eine Stadt in Panik" – so heißt der erste Teil der Doku-Reihe von Regisseur Johannes Preuss für Sky Crime. Und tatsächlich verbreitete sich der Schrecken rasend schnell über die ganze Stadt.

Die Terrorakte in Paris und Nizza hatten nur kurz zuvor die Welt erschüttert und sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt, die Gerüchte über ein Attentat in München fielen in den Filterblasen der sozialen Medien schnell auf fruchtbaren Boden. Angeheizt durch die Verbreitung und Vermischung falscher und richtiger Meldungen, wurden über den Polizeinotruf zeitweise bis zu 73 Tatorte mit vermeintlichen Attentätern und Schüssen gemeldet.

Der Verlauf der Lage gewann gerade durch die Medien eine nicht zu kontrollierende Dynamik.
Der Verlauf der Lage gewann gerade durch die Medien eine nicht zu kontrollierende Dynamik.null / bild: Sky Deutschland

"Der Begriff 'Langwaffe' ist jetzt kein Terminus, den Sie auf einem Grillfest hören", sagt Marcus da Gloria Martins, damaliger Leiter der Pressestelle des Polizeipräsidiums München über den Ablauf. "Interessanterweise haben wir aber diesen Terminus von normalen Bürgern am Notruf gehört – sagt auch viel über die Wirkung von Medien."

"Als ob Sie ein 1000er-Puzzle lösen müssen, dummerweise sind alle Teile weiß."
Marcus da Gloria Martins, ehemaliger Leiter der Pressestelle Polizei München

Die Polizei hatte nach eigener Aussage zunächst eine sehr diffuse Informations- und Auskunftslage vom Tatort selber. "Das müssen Sie sich wirklich vorstellen, als ob Sie ein 1000er-Puzzle lösen müssen, dummerweise sind alle Teile weiß. Und von außen schmeißt noch jemand Teile rein, die gar nicht zum Puzzle gehören", so Da Gloria Martins weiter. Er bezeichnet die Messengerdienste als "Treiber schlechthin" für die Unübersichtlichkeit der Lage.

Ein ehemaliger Freund von Sonboly identifizierte den Täter früh über den Notruf – doch die Polizei ging erst Stunden später darauf ein.
Ein ehemaliger Freund von Sonboly identifizierte den Täter früh über den Notruf – doch die Polizei ging erst Stunden später darauf ein.bild: Sky Deutschland

Das Chaos war im Rückblick wohl auch Ursache für Ungereimtheiten: "Etwa, dass ein Freund von David Sonboly kurz nach der Tat bei der Polizei angerufen und ihn klar als Täter identifiziert hat. Es hat dann aber bis weit nach Mitternacht gedauert, bis das LKA vor seiner Tür stand. Die Information wurde von den aufnehmenden Polizisten sicher weitergegeben, kam aber erst Stunden später bei den richtigen Stellen an", sagt Jan Klophaus, Executive Producer von der verantwortlichen Produktionsfirma Constantin, über die Vorgehensweise der Polizei.

Erst weit nach Mitternacht kann die Polizei Entwarnung geben, als sich abzeichnet, dass der vermeintliche Terroranschlag mehrerer Beteiligter die Tat eines einzelnen Jugendlichen ist. Als zwei Polizisten den Täter David Sonboly schließlich auf dem Parkdeck des OEZ stellen, zieht er seine Waffe und tötet sich selbst.

Der Täter ist tot – doch es bleiben viele Fragen offen

Wie sich in den Ermittlungen herausstellte, war die Tat des 18-Jährigen rassistisch motiviert – wie aber entwickelte der Sohn iranischer Einwanderer einen derart tief verwurzelten Hass?

David Sonboly wurde in der Schule massiv gemobbt und gedemütigt, wie eine ehemalige Schulfreundin in der Doku bedrückend schildert. Aber war das wirklich sein Motiv? Welche Rolle spielte seine Faszination für Egoshooter und seine Kommunikation über die Spieleplattform Steam, über die er mit Gleichgesinnten wie dem US-Amerikaner William Atchinson in Kontakt war, der ein Jahr später in Aztec in New Mexico/USA selbst ein Schulattentat verübte?

Diesen Fragen nähert sich "22. Juli – Die Schüsse von München" von verschiedenen Seiten an. Die Dokumentation lässt, neben Augenzeugen, Ermittler, Helfer vor Ort, Journalisten, Politiker, Hinterbliebene der Opfer und ehemalige Freunde des Attentäters zu Wort kommen, um neue Erkenntnisse zu Motiven und Hintergründen der Tat zu beleuchten.

Ein Satz aus Sonbolys "Manifest", das auf seinem PC gefunden wurde.
Ein Satz aus Sonbolys "Manifest", das auf seinem PC gefunden wurde. bild: Sky Deutschland

"Im ersten Abschlussbericht von 2017 wurde aber einiges zusammengeworfen, etwa Mobbing, Amoklauf, 'School Shooting', und am Ende hat man es dann als Amoklauf bezeichnet und Mobbing als das Hauptmotiv gewertet", resümiert der Produzent Klophaus. "Letzteres war vielleicht einer der Gründe für die psychischen Probleme des Täters, ganz bestimmt aber nicht für die Tat als solche."

Auch wenn es mehr als drei Jahre gedauert hat, bis die Tat von David (Ali) Sonboly als ein rassistisch motiviertes Attentat eingestuft wurde – die Ermittlungsbehörden seien nicht auf dem rechten Auge blind, meint auch der Produzent Jochen Köstler.

"Sie waren aber sehr lange Zeit blind für diese neue Form des virtuell vernetzten Terrorismus, dieser sogenannten 'einsamen Wölfe', die sich in einem digitalen Rudel gegenseitig motivieren und dann irgendwann irgendwo alleine zuschlagen. Es sind immer frustrierte weiße Männer, die Probleme haben mit ihrem Umfeld, mit Freunden und Freundinnen, die eigenartigen Verschwörungstheorien nachhängen und sich erstaunlicherweise immer im rechten Spektrum radikalisieren."
Die Gruppe "Anti-Refugee Club" auf der Gaming-Plattform "Steam": Eine Community potentieller Attentäter.
Die Gruppe "Anti-Refugee Club" auf der Gaming-Plattform "Steam": Eine Community potentieller Attentäter. bild: sky deutschland

Der Investigativ-Journalist Christian Bergmann, der sich intensiv mit der Online-Gaming-Plattform "Steam" beschäftigt und nachgewiesen hat, dass sich dort Attentäter wie Sonboly radikalisiert haben, bestätigt dieses Resümee: "Das sind oft Teenager (…), die einsam sind, keine Freunde haben, und wenn sie in so einer Szene erfahren, dass sie vielleicht 100 Likes von Mädchen bekommen für ein Bild, das sich mit dem Columbine-Attentat auseinandersetzt, ist das natürlich für einen 14-Jährigen erst mal was Tolles."

Ein neuer Tätertypus: Der einsame, aber digital vernetzte Wolf

In der letzten Folge der vierteiligen Reihe werden die wahren Hintergründe der Tat hinterfragt. Die Dokumentation gibt einen erschütternden Einblick in eine Internet-Szene, die für die Tat Sonbolys eine Online-Ruhmeshalle einrichtet und Score-Listen anlegt, die für die jüngsten Opfer die meisten Punkte ausloben. "Nach meinen Informationen war es genau drei Tage nach der Tat von München, dass sich Atchinson hinsetzt und anfängt, eine Fanseite für seinen Münchner Kumpel zu schreiben", sagt Martin Bernstein, Polizeireporter der Süddeutschen Zeitung.

Zugleich beschäftigt sich Folge 4 mit der Frage, ob das FBI und deutsche Ermittlungsbehörden, sowohl im Vorfeld des OEZ-Attentats, als auch des Schulattentats von William Atchinson in Aztec, New Mexico in ihrer Arbeit versagt haben. Mit einer besseren Vernetzung der Behörden hätten beide Taten möglicherweise verhindert werden können.

Gut vernetzt: "Neo" alias Sonboly und "Natural Selektor" alias William Atchinson, der Attentäter von Aztec, New Mexico.
Gut vernetzt: "Neo" alias Sonboly und "Natural Selektor" alias William Atchinson, der Attentäter von Aztec, New Mexico. bild: Sky Deuschland

Sie "jagen im Rudel"

Erst als es in der Folgezeit zu weiteren ähnlichen Attentaten kommt – etwa Christchurch, Halle, Hanau –, nimmt das Bayerische Innenministerium 2019 eine Neubewertung des OEZ-Attentats vor und sieht in seinem Abschlussbericht einen rechtsterroristischen Hintergrund als Hauptmotiv. Ob der Blick der Behörden heute geschärfter ist, bleibt offen.

Zwei Folgetaten weisen erschreckende Parallelen auf, eines davon wurde verhindert: das geplante Schulattentat in Essen im Mai 2022. Bei dem Attentat in Buffalo im US-Bundesstaat New York, ebenfalls im Mai 2022, bezog sich der Täter, ein 18-jähriger Weißer, auf den rassistischen Anschlag im deutschen Halle von 2019. Auch er streamte sein Attentat live ins Netz.

Der Rechtsextremismusforscher Miro Dittrich, der auch in "Die Schüsse von München" zu Wort kommt, ist der Meinung, man müsse von einem komplett neuen Tätertypus ausgehen. So sagte er im Deutschlandfunk zum Fall Buffalo: Es handelt sich nicht um "Einzeltäter", sondern eine "Community", die in einer digitalen Welt lebt, in der Grenzen keine Rolle spielen. "Ja, diese Menschen handeln alleine im Sinne, dass sie alleine losziehen und ihre Taten begehen." Eigentlich aber jagen sie im Rudel.

Die vierteilige Doku ist ab 21. Juli 2022 bei Sky Crime verfügbar.

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