Die Intensivbetten in Deutschland sind derzeit voll mit Corona-Patienten.
Die Intensivbetten in Deutschland sind derzeit voll mit Corona-Patienten.Bild: iStockphoto / Povozniuk
Exklusiv

Vorstand der Krankenhausgesellschaft: "Schon jetzt müssen Intensiv-Patienten früher als eigentlich medizinisch vertretbar auf Normalstationen verlegt werden"

03.12.2021, 18:2106.12.2021, 16:03

Mit wachsender Sorge beobachten aktuell nicht nur Virologen die hohen Infektionszahlen und die steigende Hospitalisierungsrate. Seit Monaten schon stoßen die Kliniken an ihre Grenzen, Intensivstationen haben keine Kapazitäten mehr und inzwischen müssen Operationen verschoben werden.

RKI-Chef Wieler sagte in der Bundespressekonferenz am heutigen Freitag, die Verschiebung einer Operation um nur vier Wochen könne das Sterberisiko bei einigen Krebsarten erhöhen: "Das kann nach einer internationalen Übersichtsarbeit pro 1000 BrustkrebspatientInnen zum Beispiel zu zehn mehr Todesfällen führen."

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Dr. Gerald Gaß, äußert sich gegenüber watson über die aktuelle Lage: "Wir befinden uns in einer hochdramatischen Situation in den Kliniken. Schon jetzt müssen Intensiv-Patienten früher als eigentlich medizinisch vertretbar auf Normalstationen verlegt werden. Wir laufen in einigen Hotspots auf eine Katastrophen-Medizin zu."

Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft.
Dr. Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft.Bild: Geisler-Fotopress / Thomas Bartilla/Geisler-Fotopress

Die Situation des Gesundheitssystems ist laut Gaß dramatisch:

"75 Prozent der Krankenhäuser mit Intensivstation haben den Regelbetrieb einschränken müssen und das hat auch Auswirkungen für Krebspatienten. In der zweiten Pandemiewelle wurden zum Beispiel rund 18 Prozent weniger Darmkrebs-Operationen durchgeführt und etwa sieben Prozent weniger Operationen bei Frauen mit Brustkrebs. Das mindestens gleiche Bild werden wir am Ende dieser Welle feststellen müssen."

Diese Situation ist vor allem für die Betroffenen, oft schwerkranken Menschen eine Belastung: "Die Situation, auf eine solche OP warten zu müssen, ist für jeden einzelnen Krebspatienten psychisch und körperlich schwer zu ertragen. Und obwohl in jedem Einzelfall versucht wird, die negativen Folgen einer solchen Verschiebung zu begrenzen, sind diese Folgen letztlich doch Realität", sagt Gaß gegenüber watson.

"Schon jetzt müssen Intensiv-Patienten früher als eigentlich medizinisch vertretbar auf Normalstationen verlegt werden."
Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaftgegenüber watson

Die Charité Berlin gab bereits Anfang November bekannt, erste Maßnahmen umzusetzen. "Die Charité-Universitätsmedizin Berlin behandelt aktuell 120 an Covid-19 Erkrankte, die Mehrzahl davon auf Intensivstationen. Aufgrund der steigenden Zahl von Patientinnen und Patienten in diesem Bereich hat die Charité alle elektiven (Anm. d. Red.: zeitlich frei wählbaren) Eingriffe abgesagt", teilt ein Sprecher watson mit

Man wolle "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder vermehrt auf Covid-19-Stationen einsetzen". "Notfälle und dringliche Eingriffe bleiben von den Einschränkungen ausgenommen", sagt der Sprecher. Auch im tagesaktuellen Update der Vivantes-Klinikgruppe heißt es:

"Operationen werden bei Vivantes nach Möglichkeit weiterhin durchgeführt, Notfälle werden immer behandelt. An einzelnen Standorten müssen jedoch bereits planbare Operationen verschoben werden, um ausreichende Kapazitäten für Covid-Patientinnen und -Patienten vorzuhalten."
vivantes.de

Diagnose: Herzkrank und kein OP-Saal

Wie wirkt sich die akute Lage der Kliniken auf die Gesundheit Betroffener aus, deren Eingriffe deshalb verschoben werden müssen? In den sozialen Medien lassen viele ihren Unmut über die aktuelle Situation aus. Sie haben Angst davor, dass ihr Eingriff verschoben werden muss.

Im watson-Gespräch erzählt Juliane (Name geändert) über die Krankenhaus-Erfahrung ihres 51 Jahre alten Partners, der im Frühjahr dieses Jahres dringend eine OP benötigte. "Mein Mann hatte vor Jahren einen Herzinfarkt und ist danach immer wieder mittels Stents behandelt worden", sagt Juliane, die anonym bleiben möchte.

Sie und ihr Mann waren Anfang des Jahres bereits in der Situation, wie sie aktuell viele erkrankte Menschen erleben dürften: Im Februar traten bei dem 51-Jährigen massive Beschwerden beim Gehen auf. Eine Untersuchung ergab, dass die Hinterwand seines Herzens nicht mehr versorgt war.

"Diagnose: Dringende ByPass-OP nötig, da sonst Lebensgefahr drohte!", sagt Juliane. Eine Weile war unklar, ob für ihn ein Intensivbett verfügbar wäre. Auch deshalb sei er zwischenzeitlich für drei Wochen in eine Kuranstalt geschickt worden, bis am 13. Mai der Eingriff stattfinden konnte.

"Es hat also schon gedauert", betont Juliane, für die diese Zeit besonders belastend war. "Ich habe mir mehr Sorgen gemacht als er. Für mich waren die Ohnmacht und gleichzeitig auch die Angst um ihn genauso schrecklich wie die diversen Besuchsverbote. Ich bin fast durchgedreht und denke heute an alle, die gerade Ähnliches durchmachen müssen."

Verschiebungen als effektivste Methode

"Planbare Operationen zu verschieben, ist die wirksamste Möglichkeit, die Belastungen der vierten Welle zu bewältigen, weil so Personalkapazitäten für die extrem aufwendige Betreuung der Covid-Patienten frei werden", sagt die Deutsche Krankenhausgesellschaft gegenüber watson. "Ab wann und in welchem Maß verschoben werden muss, entscheidet sich aber derzeit vor Ort in den Krankenhäusern anhand der jeweiligen Belastung durch Covid-19", erklärt ein Sprecher.

"Für die Betroffenen ist eine solche Verschiebung trotzdem oft sehr unangenehm und mit vielen Einschränkungen verbunden."
Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft gegenüber watson

Konkrete Zahlen lägen bislang noch nicht vor. Mit großer Sicherheit würden weitere Kliniken jedoch nachziehen müssen, heißt es. "Es ist anzunehmen, dass in absehbarer Zeit beinahe flächendeckend wieder Operationen verschoben werden müssen", äußerte sich der Sprecher. Und weiter: "Für die Betroffenen ist eine solche Verschiebung oft sehr unangenehm und mit vielen Einschränkungen verbunden."

2G und Impfen als einziger Ausweg

Die aktuellen Anti-Corona-Maßnahmen befürwortet der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft aber: "Vor diesem Hintergrund sind die beschlossenen Kontaktbeschränkungen absolut richtig und notwendig." Sie müssten jetzt vor allem konsequent umgesetzt und kontrolliert werden, um Wirkung zu zeigen.

Auch dass die 2G-Regelung inzidenzunabhängig für den Freizeitbereich ausgerollt werde, sei eine gute Maßnahme, genauso wie die 2G-Plus-Option. "Das klare Bekenntnis zum Impfen als einzigen Weg aus der Pandemie ist richtig", so Gaß gegenüber watson. "Insgesamt entsprechen die vorgesehenen Kontaktbeschränkungen gerade für Ungeimpfte dem Ernst der Lage und den Erwartungen der Krankenhäuser.“

(mit Material der dpa)

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