In den besseren Lübecker Familien des 19. Jahrhunderts ging man sonntags und eigentlich den ganzen Sommer über an die See, ließ sich den Wind um die Nase wehen und sprach über Getreidepreise, Heiratspläne oder den Verfall der Sitten. In Travemünde spazierte man nicht, nein, es wurde flaniert.
Dort, in dem mondänen Kurort, konnte man es sich leisten. Heute ist das Flanieren geblieben. Nur kostet es inzwischen 3,30 Euro die Stunde, wenn man vorher parkt.
In Travemünde zahlen heute nicht mehr nur die Gäste für Meerblick und Möwengeschrei, sondern auch die, die jeden Tag hier leben. Während der Tourist seine Münzen achtlos in den Parkscheinautomaten wirft, mit der Gewissheit, am Sonntagabend wieder abreisen zu dürfen, muss der Einheimische rechnen. Mit zwölf Euro für einen einzigen Tag.
"Ein normales Leben ist in Travemünde so gar nicht mehr möglich", sagte eine Bewohnerin in der Juli-Sitzung des Ortsrats, wie "HL-live" berichtet. Sie habe Glück gehabt, erzählte sie, an einem Dienstagmorgen in der Ostseestraße.
Die Tourist-Information öffnete ausnahmsweise schon um halb zehn, so konnte sie ihre Konzertkarte kaufen, ohne vorher ein Parkticket zu lösen. "Irgendwie muss ich immer ganz viel Geld dafür auf den Tisch packen", erklärte sie.
Gemeint waren: Arztbesuche, Friseurtermine, Bäcker, Apotheke. Also alles, was man früher einmal unter "Besorgungen" verbuchte, ohne dabei an Kleingeld und Gebührenstruktur zu denken.
Stadtpräsident Henning Schumann nickte hörbar. Auch er finde: Das sei eine "Extrem-Erhöhung". Er selbst, so sagte er, lebe schließlich in Travemünde. "Da zuckt man schon zusammen, wenn man mal eben ins Café geht." Mit sechs, sieben oder acht Euro sei man schnell dabei.
Seine Lösung: Anwohnerparken. "Meinetwegen mit einer Jahresgebühr für alle." So müsse es vielleicht nicht kommen, aber in diese Richtung könne man denken.
Die aktuelle Gebührenordnung sei notwendig gewesen, erklärte Schumann, man habe sich an die Tarife der Nachbarorte wie dem Timmendorfer Strand anpassen müssen. "Wobei der Bürgermeister das natürlich extrem gemacht hat." Einfluss habe der Ortsrat nicht gehabt. Die Gebührenhöhe sei schlicht verordnet worden.
Zugleich beklagte Schumann, dass Tourist:innen an manchen Wochenenden "alles zuparken". Die Frage sei: Wie bekommt man diesen Druck wieder aus den Wohngebieten heraus? Die Antwort wird sich nicht leicht finden lassen, zumal es offenbar nicht nur ums Parken geht, sondern ums Prinzip.
Wenn die eigene Stadt zur Kulisse wird, in der man selbst nur noch Statist ist, beginnt das Verhältnis zwischen Bewohner:innen und Verwaltung zu bröckeln. Eine zweite Bürgerin brachte das auf einen schlichteren Nenner: Die Parkgebühren seien vor allem für Menschen mit geringem Einkommen ein Problem.