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Künstlich beatmet werden müssen in Deutschland relativ wenige Patienten. Damit könnte die niedrige Sterberate bei Corona-Patienten zusammenhängen. (Symbolbild) Bild: E+ / Tempura

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Nicht nur wegen genügend Intensivbetten: Arzt nennt weiteren Grund für wenige Corona-Tote

Laut der Johns-Hopkins-University wurden bislang 164.967 Menschen in Deutschland positiv auf das Coronavirus getestet, 6812 von ihnen sind an den Folgen von Sars-CoV-2 verstorben (Stand, 3. Mai, 10:32 Uhr).

Auch jetzt, wo hierzulande die pandemische Welle voll angekommen ist, Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbot herrscht, scheinen die Auswirkungen des Virus noch nicht ganz so verheerend zu sein wie in anderen Ländern: In Spanien zum Beispiel sind mit 216.582 nur etwa 50.000 Menschen mehr positiv getestet worden, verstorben sind hingegen fast viermal mehr als in Deutschland. In Großbritannien liegt die Zahl der Infizierten mit 183.500 nur leicht höher als in Deutschland, die Zahl der Verstorbenen liegt dort allerdings bereits bei 28.205.

Auffällig: Nach wie vor niedrige Sterberate bei Corona-Patienten in Deutschland

Wie hoch die Todeszahlen in den einzelnen Ländern auch ist: Jedes einzelne Opfer ist zu betrauern. Verblüffend ist dennoch, dass das Coronavirus in Deutschland weit weniger Menschenleben fordert als in vielen anderen Orten der Welt.

Warum die Sterberate hierzulande niedriger ist als bei unseren europäischen Nachbarn beispielsweise, haben die Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité und Georg Kräusslich von der Uniklinik Heidelberg kürzlich in einem Interview mit der "New York Times" auf mehrere Gründe zurückgeführt:

Es liege etwa zum einen an dem vergleichsweise niedrigen Durchschnittsalter der Patienten, dass viele genesen, zum anderen aber auch an den zahlreichen Tests, die seit Beginn der Krise durchgeführt werden. Auch das gute Gesundheitssystem selbst könnte ein Grund sein. Schließlich verfügt Deutschland über eine gute intensivmedizinische Versorgung.

Ein weiterer, wichtiger Grund für die niedrige Sterberate

Im Gespräch mit watson nannte der Lungenfacharzt Thomas Voshaar einen weiteren, wichtigen Grund, der in der Debatte bisher noch nicht genannt wurde. Voshaar ist Chefarzt im Krankenhaus Bethanien Moers sowie Präsident des Verbands pneumologischer Kliniken (VPK). In seiner Klinik wurden bisher 40 Corona-Patienten behandelt, ein Patient starb an den Folgen der Virusinfektion.

Ähnlich wie Drosten schon mehrfach in seinem NDR-Podcast "Coronavirus-Update" betonte, dass Deutschland über gute medizinische Kapazitäten verfüge, sieht auch Voshaar die Vorteile der guten Versorgung in den Krankenhäusern. Sie sind seiner Meinung nach allerdings nicht der einzige entscheidende Faktor:

"Da wir Deutschland verhältnismäßig früh auf die Corona-Krise reagiert haben, verfügen wir nicht nur über genügend Ressourcen wie Intensivbetten, um unsere Patienten zu versorgen. Wir haben auch ausreichend Zeit und vor allem Energie, um die Infizierten mit Ruhe zu behandeln."

Wenn das medizinische Personal nicht an der Belastungsgrenze arbeite, meint der Chefarzt, kann es gewissenhafter Entscheidungen treffen und muss nicht vorschnell auf invasive Behandlungsmethoden zurückgreifen.

Künstliche Beatmung von Covid-19-Patienten kann Lunge schädigen

Jüngst warnte Voshaar in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" davor, Covid-19-Erkrankte zu früh zu intubieren und künstlich zu beatmen. Watson gegenüber führt der Mediziner aus, die künstliche Beatmung sei eine medizinische Praktik, die erst angewandt wird, wenn alle anderen Beatmungsmethoden fehlschlagen. Denn die künstliche Beatmung kann "die Lunge auch schädigen (...), vor allem, wenn über einen längeren Zeitraum beatmet werden muss."

Tatsächlich liegt die Todesrate bei künstlich beatmeten Patienten in den USA bei fast 80 Prozent, in China waren es etwa 50 Prozent. Inwieweit eine künstliche Beatmung zu einem schwereren bis tödlichen Krankheitsverlauf führen kann, muss noch erforscht werden.

In Deutschland wird verhältnismäßig wenig künstlich beatmet. Gegenüber watson sagte Voshaar, das läge unter anderem am Erfahrungsschatz mit anderen Beatmungsmöglichkeiten:

"Wir haben hierzulande sehr viel Erfahrung mit nicht-invasiven Beatmungsformen, indem wir Patienten zum Beispiel mit zusätzlichem Sauerstoff oder eine CPAP-Beatmung unterstützen können, bei der sie nach wie vor selbst atmen können."

Die Ärzte haben allerdings auch die Zeit und Ruhe, um bei Patienten mit Atemnot nicht direkt zu radikalen Behandlungspraktiken greifen zu müssen:

"Gleichzeitig haben wir hierzulande auch nicht so viele Covid-19-Patienten, deren Zustand sich so schnell verschlechtert, dass wir keine Alternativen zur künstlichen Beatmung zulassen können."

Das ist letztlich nicht nur eine Frage der Ressourcen im Krankenhaus, wie freien Betten oder medizinischem Equipment, sondern auch des Stresslevels des medizinischen Personals. Auch wenn die Lage in vielen Kliniken angespannt ist: Ärzte und Pfleger müssen nicht an solchen Belastungsgrenzen arbeiten, wie es teils in Italien, Spanien oder auch Frankreich der Fall war und ist.

Umso wichtiger ist es nun, trotz erster Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen noch ein wenig Geduld zu beweisen. Damit unsere Ärzte und Pfleger auch weiterhin so gründlich und mit Ruhe behandeln können wie sie es aktuell tun.

(ak)

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