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Kita-Suche in Berlin – warum ich arbeiten will, aber zuhause bleiben muss

In Berlin gibt es zu wenig Kita-Plätze. Was das für ihre Karriere bedeutet, erzählt uns eine 34-Jährige Mutter aus Berlin. Nach etlichen Kita-Castings möchte sie sich ihre Chancen auf einen Kita-Platz nicht verschlechtern und deshalb anonym bleiben.

Franziska Hoppen
Franziska Hoppen

Seit acht Monaten suche ich einen Kita-Platz für meine knapp einjährige Tochter – erfolglos. Wartelisten sind teilweise bis 2020 voll. Dass es in Berlin nicht leicht werden würde, war mir klar. Freunde hatten auch schon Probleme, es gab immer wieder Protestmärsche für mehr Kitaplätze. Aber dass ich wöchentlich bei Kitas "betteln" muss, hätte ich nicht gedacht.

Bald geht meine bezahlte, einjährige Elternzeit zu Ende und ich möchte an meinen alten Arbeitsplatz zurückkehren. Finde ich keinen Kita-Platz, geht das aber nicht. Wie ich eine verlängerte Elternzeit ohne Elterngeld stemmen soll – keine Ahnung. 

"Ich kann einfach nicht glauben, dass Frauen im 21. Jahrhundert gezwungen werden, zuhause am Herd zu bleiben."

Ich kann mir nicht leisten, zuhause zu bleiben

So wurden Kita-Plätze zur Mangelware:

Berlin bricht Geburtsrekorde. Es gibt einen anhaltenden Babyboom in der Hauptstadt, mit dem die Behörden nicht gerechnet haben. 2016 kamen in Berlin 41.087 Kinder zur Welt, ein Jahrzehnt zuvor waren es rund 10.000 weniger.

Laut Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie (BMFSFJ) gibt es derzeit 170.000 Kita-Plätze in Berlin inklusive der rund 6000 Plätze bei Tagesmüttern oder Tagesvätern.

Rund 3.000 Kinder können derzeit nicht in einer Kita untergebracht werden (RBB). Plätze fehlen. 

Die Kitagruppen für Kinder unter drei Jahren sind zurzeit deutlich zu groß. Auf eine Erzieherin oder einen Erzieher kommen im Schnitt 6 Kinder – die Bertelsmann-Stiftung empfiehlt 3 Kinder.

Im Sommer werden allerdings rund 30.000 Kita-Kinder schulpflichtig. Dann werden die Großen die Kitas verlassen und jüngere Kinder nachrücken können.

Dem Senat stehen 200 Millionen Euro zur Verfügung, um Kitaplätze auszubauen. So sollen in den nächsten vier Jahren 25.000 neue Plätze entstehen.

Das größte Problem ist aber der Fachkräftemangel. In Berlin werden Erzieher nach dem Tarifvertrag der Länder bezahlt, in Brandenburg gelten die Regelungen für den öffentlichen Dienst. Erzieher verdienen dort im Monat bis zu 400 Euro mehr (Berliner Zeitung). Laut BMFSFJ werden  bis 2020 rund 5500 Fachkräfte in Berlin benötigt.

Die Senatsverwaltung möchte jetzt Quereinsteiger motivieren, in Berliner Kitas zu arbeiten. 

Ich sollte schon in der Schwangerschaft Bewerbungen schreiben

Ich wusste erst seit Kurzem, dass ich schwanger bin, da rieten mir schon Bekannte, dass ich die ersten Kita-Bewerbungen schreiben soll. Ja, Bewerbungen.

Manche Kitas wollten, dass ich Fragebögen ausfülle. Sie wollten wissen: Was ist besonders an meinem Kind, wie reagiert es auf fremde Menschen?

Ich sollte sogar Fotos anheften! Etwa von einem Ultraschallbild? Nach welchen Kriterien die Fotos ausgewertet wurden – ich weiß es nicht. Geht es darum, wie süß das Baby ist, wie professionell die Fotos sind, vielleicht was die Hautfarbe ist?

Von dem Kind zu sprechen, als wäre es schon geboren und gesund, war mir nicht geheuer. Was, wenn doch etwas passierte? Ich entschied mich, nach der Geburt einen Kita-Platz zu suchen.

Das wird schon, dachte ich. Kinder ab dem ersten Geburtsjahr haben einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz.

Als meine Tochter auf der Welt war, habe ich das Thema erst einmal verdrängt. Mein Partner, der in Frankreich lebt und arbeitet, zog für einen Monat mit in die Wohnung. Unsere Welt drehte sich um Windeln, Füttern, Bäuerchen.  

Vielleicht sollte ich Kuchen backen ...

Als meine Tochter vier Monate alt war, fing ich an, zu recherchieren. Anfangs bin ich sogar zu Tagen der offenen Tür gegangen. Da standen alle Eltern, wie aus dem Ei gepellt und wollten ihre Babies von der besten Seite zeigen. Uns wurde dann schnell gesagt, dass es für 2018 ohnehin keine Plätze mehr gebe und die Wartelisten für 2019 auch schon fast voll seien. 

Ich habe monatelang Klinken geputzt, bin quer durch die Bezirke geradelt und habe in unterschiedlichen Kitas nachgefragt – das Kind im besten Strampler mit dabei. Kreuzberg, Neukölln, Prenzlauer Berg. Die wimmeln einen schnell ab. Immer dasselbe: keine Plätze, Wartelisten voll – manchmal bis 2020.

Oft habe ich solange gebettelt, bis ich doch auf die Liste kam. Irgendwo auf Platz 600 wahrscheinlich. Insgesamt habe ich jetzt über 60 Kitas kontaktiert, auch Tagesmütter, aber da sah die Situation genauso aus.

Eine meiner Freundinnen schaut alle paar Wochen bei den Kitas vorbei – "zum Quatschen". Vielleicht sollte ich ein paar Kuchen backen oder Postkarten aus Frankreich schreiben..

Das alles kostet viel Zeit. So habe ich mir die Elternzeit nicht vorgestellt.

Dass ich etliche Stunden und Tage mit der Kita-Suche verbringe und Krisengespräche mit anderen Müttern führe, frustriert mich. Es passt nicht zu meinem Verständnis von einer modernen Frau in einer modernen Gesellschaft.

Dass es die staatlich finanzierte Elternzeit gibt, finde ich toll. Dass sie davon dominiert wird, dass sich Frauen den Kopf zerbrechen müssen, wie es nach einem Jahr finanziell und organisatorisch weitergeht, nicht.

Es muss doch im Interesse der Politik sein, dass Frauen schnell wieder arbeiten gehen können und dass sie nicht an den Herd gekettet sind, weil sie das Kind nirgendwo unterbringen können.

Absagen können auch richtig kreativ sein: 

Ich mag es nicht, wenn manche Mütter in den Online-Foren  schreiben: "Das wird schon" oder vorschlagen, ich solle die Zeit mit der Kleinen zuhause einfach "genießen". Das ist naiv. Das geht vielleicht, wenn man einen gut verdienenden Partner hat.

Vielleicht will auch einfach nicht jede Frau so lange zuhause bleiben, zum Beispiel weil ihr der Beruf wichtig ist. Gut finde ich es, wenn  Eltern gemeinsam auf die Straße gehen und für Kitaplätze kämpfen. 

Meine Chefin ist zum Glück verständnisvoll

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Sie hat versprochen, dass ich von zuhause aus Papierkram für das Geschäft erledigen kann, um nebenbei Geld zu verdienen. Das geht aber nur begrenzt. Meine Tochter macht jetzt schon die Wohnung unsicher, wenn ich nicht ständig hinschaue. Bald wird sie anfangen zu laufen. 

Elterngeld 

Das Elterngeld kompensiert fehlendes Einkommen, wenn Eltern nach der Geburt zuhause bleiben. Ihnen stehen gemeinsam 14 Monate Elterngeld zu. 

Die Höhe berechnet sich am Nettoeinkommen. Eltern mit höheren Einkommen erhalten 65 Prozent, Eltern mit niedrigeren Einkommen bis zu 100 Prozent ihres ursprünglichen Einkommens.

Arbeiten beide Eltern während der Elternzeit in Teilzeit, können sie das Elterngeld Plus erhalten. Sie bekommen doppelt so lange Geld, aber maximal in halber Höhe.

Während der Elternzeit darf der Arbeitgeber den Eltern nicht kündigen. Wird die Elternzeit verlängert, behalten die Eltern also ihren Arbeitsplatz – nur Elterngeld bekommen sie nicht mehr.

Um Arbeitslosengeld zu beantragen, muss der Elternteil seinen Job aufgeben. 

Viele Alternativen habe ich nicht mehr

Meine Schwestern haben angeboten, in Berlin "Urlaub" zu machen. Mein Partner würde versuchen, an den Wochenenden herzufliegen. Dann könnte ich zum Beispiel samstags und sonntags arbeiten. Aber wie viel Geld und Aufwand diese Flüge quer durch Europa kosten ... total irre.

Wegziehen will ich trotzdem nicht. Berlin ist meine Stadt, ich gehöre hierher. Aufs Land oder zurück in die Heimat – kommt nicht in Frage! Wenn wir demnächst ausziehen müssen, werde ich versuchen, Wohngeld zu beantragen. Bis dahin sind es immerhin noch ein paar Wochen. Die Angst und Frustration versuche ich zu verdrängen. Vielleicht passiert bis dahin ja auch noch ein Wunder.

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