Der mRNA-Impfstoff Spikevax von Moderna – hochwirksam, aber für unter 30-Jährige wird er nun aufgrund von seltenen Nebenwirkungen nicht mehr verwendet.
Der mRNA-Impfstoff Spikevax von Moderna – hochwirksam, aber für unter 30-Jährige wird er nun aufgrund von seltenen Nebenwirkungen nicht mehr verwendet.Bild: www.imago-images.de / Igor Kralj/PIXSELL
Interview

Moderna nur noch für Ü-30-Jährige empfohlen – Experte: Nebenwirkung "enorm selten", aber "das muss man ehrlich kommunizieren und da kann man auch die Konsequenzen daraus ziehen"

11.11.2021, 16:4511.11.2021, 19:57

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat eine aktualisierte Empfehlung zur eingeschränkten Verwendung des Impfstoffs von Moderna, Spikevax, bei unter 30-jährigen herausgegeben. Der Grund ist eine aktuelle Risikobewertung des Paul Ehrlich Instituts (PEI) bezüglich der selten auftretenden Herzmuskelentzündung und Herzbeutelentzündung, die im Zusammenhang mit Covid-19-Schutzimpfungen bei Jungen und jungen Männern sowie bei Mädchen und jungen Frauen unter 30 Jahren häufiger aufgetreten sind als beispielweise bei einer Impfung mit dem Impfstoff Comirnaty von Biontech. Beide Impfstoff basieren auf der mRNA-Technologie. In der Vergangenheit ist auch bei Comirnaty ein Auftreten von Herzmuskelentzündungen nach der Impfung festgestellt worden, jedoch nicht in dieser Häufigkeit in der Gruppe der unter 30-jährigen.

Die Empfehlung der Stiko gilt sowohl für die Grundimmunisierung als auch für mögliche Auffrischungsimpfungen. Auch wenn zuvor ein anderer Impfstoff verwendet wurde, sollen weitere Impfungen ab sofort mit Comirnaty erfolgen. In der Regel verlaufen die möglichen Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen in Verbindung mit der Spikevax-Impfung mild. Doch warum dann die aktualisierte und eingeschränkte Empfehlung der Stiko? Und wie genau kommt es überhaupt zu dieser Nebenwirkung? Und was bedeutet das für mich, wenn ich unter 30 bin und schon mit dem Impfstoff von Moderna geimpft wurde? watson hat sich von Professor Thomas Meinertz vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung die wichtigsten Antworten geben lassen.

Der Hamburger Kardiologe und Pharmakologe Prof. Dr. Thomas Meinertz
Der Hamburger Kardiologe und Pharmakologe Prof. Dr. Thomas Meinertzbild: Jörg Müller
"Das ist eine Mit-Reaktion auf den Impfstoff, der mit der Gabe dieser Messenger-RNA zusammenhängt. Die Kausalität Impfstoff-Entzündung ist ganz eindeutig."

watson: Wie genau entstehen Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen nach einer mRNA-Impfung?

Prof. Thomas Meinertz: Also ganz im Detail weiß man das nicht, aber man kann sicher sagen, das ist keine Virus-Infektion. Sondern das ist eine Mit-Reaktion auf den Impfstoff, der mit der Gabe dieser Messenger-RNA zusammenhängt. Die Kausalität Impfstoff-Entzündung ist ganz eindeutig. Es ist – da weder bakteriell noch viral, und das kennt man auch bei Medikamenten – eine Begleitreaktion des Herzmuskels und des Herzbeutels auf diese Impfung. Eine sterile Entzündung.

Normalerweise werden diese Entzündungen am Herzen also durch Viren und Bakterien hervorgerufen?

Normalerweise ja. Aber man kennt auch Medikamente, die als Nebenwirkung eine derartige Myokarditis (Herzmuskelentzündung) oder Perikarditis (Herzbeutelentzündung) hervorrufen. Das gibt es bei anderen Impfstoffen auch. Möglicherweise ist das eine Wirkung des Lösungsmittels, in welchen der Impfstoff gelöst ist. Wahrscheinlich ist es aber hier eher doch in der Menge des Antigens begründet, die bei der Impfung appliziert wird. Denn die Impfstoffe von Moderna und Biontech sind ja nicht gleich. Sie basieren zwar beide auf der mRNA-Technologie, sind aber nicht gleich in der Zusammensetzung.

"Die Impfung gibt eine große Sicherheit vor Covid-19. Und diese Sicherheit wird bei Impfungen eben auch durch geringe Risiken, wie in diesem Fall, erkauft."

Bei Biontech gab es ja auch die Herzmuskelentzündung als Nebenwirkung. Wo genau liegt da jetzt der Unterschied?

Also die Art der Entzündung bei den Impfstoffen ist gleich. Aber das Auftreten in der Altersgruppe unter 30 ist bei Moderna höher. Das sagen die Zahlen aus Deutschland und Skandinavien. Man muss sagen, das Auftreten einer Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündung im Zusammenhang mit dem Biontech-Vakzin Comirnaty ist außerordentlich selten – 1,5 Fälle auf 100.000 Impfungen bei Männern. Bei Frauen sind es noch weniger Fälle. Wenn ich in dieser fraglichen Altersgruppe wäre, ich würde mich trotzdem impfen lassen. Die Impfung gibt eine große Sicherheit vor Covid-19. Und diese Sicherheit wird bei Impfungen eben auch durch geringe Risiken, wie in diesem Fall, erkauft.

Was ist das Gefährliche an einer Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündung dieser Art?

Nach allem was man weiß, ist diese nicht gefährlich und heilt folgenlos aus. Es gibt natürlich auch Berichte über Todesfälle. Da muss man sich dann fragen: Wodurch ist denn der Tod verursacht worden? Es werden ja auch Menschen unwissentlich in eine laufende Erkrankung hinein geimpft. Und es kann durchaus sein, ähnlich wie bei der Covid-Infektion, wo man nicht sagt 'Tote durch Covid-19' sondern 'Tote in Verbindung mit Covid-19', dass man bei der Impfung sagen müsste 'Tote in Verbindung mit einer Impfung' und nicht 'durch eine Impfung'. Eine Kausalität kann vorhanden sein, muss aber nicht. Aber Todesfälle sind absolute Raritäten, weltweit sind, glaube ich, zehn Fälle bekannt. Aber eigentlich sind sowohl die Begleit-Myokarditis als auch die Begleit-Perikarditis gutartig und heilen vollständig aus.

Warum ist die Stiko dann da so vorsichtig?

Weil die Zahlen in der jüngeren Gruppe da so eindeutig sind. Die Myo- und Perikarditis kommt bei Moderna in dieser Altersgruppe etwa doppelt so häufig vor wie bei Biontech. Man kann natürlich die Frage stellen: 'Muss man das den Leuten mitteilen?' Wir von der Herzstiftung sind dafür, dass die Patienten voll aufgeklärt werden. Gerade jetzt, wo die Impfung so in der Diskussion ist, ist es ein Wert, dass man die Bevölkerung ehrlich informiert. Klar, die Kehrseite der Medaille ist, dass man die Personen, die ohnehin skeptisch sind, noch weiter verunsichert. Letztlich wollen die Leute aber aufgeklärt sein und das gehört eben zu einer Aufklärung dazu.

"Und möglicherweise hat der stärkere Impfstoff in der Tendenz auch etwas mehr Nebenwirkungen. Wir erkaufen die bessere Wirksamkeit mit einem etwas höheren Potential an Nebenwirkungen."

Man nimmt für den Grundsatz der Ehrlichkeit und Transparenz also die Verunsicherung in Kauf?

Ich glaube, diese Ehrlichkeit kann die Leute auch wieder versichern, dass da nichts unter den Tisch gekehrt wird und dass die Fälle sorgfältig aufgearbeitet werden. Die Zahlen aus Israel, den USA und weltweit stimmen ja überein bezüglich der Häufigkeit dieser Nebenwirkungen. Und besteht ein Unterschied bei den Impfstoffen? Ganz klar eben ja. Und das muss man ehrlich kommunizieren und da kann man auch die Konsequenzen daraus ziehen. Es gibt übrigens in den Daten Hinweise dafür, dass der Spikevax-Impfstoff etwas stärker wirksam ist als der von Biontech. Nach sechs Monaten ist bei den Patienten die Antikörper-Antwort noch besser. Und möglicherweise hat der stärkere Impfstoff in der Tendenz auch etwas mehr Nebenwirkungen. Wir erkaufen die bessere Wirksamkeit mit einem etwas höheren Potential an Nebenwirkungen. In der Altersgruppe zwischen 12 und 17 hat man bei Männern mit Comirnaty (Biontech) 4,5 Fälle mit dieser Nebenwirkung, bei Spikevax sind es 11,4 Fälle – also die doppelte Menge in der Häufigkeit. Ob man daraus die Konsequenz zieht, dass man die betroffenen Altersgruppen nicht mit Spikevax impft, ist eine politische Entscheidung. Ich glaube, dass sie richtig ist, weil sie durch harte Daten abgesichert ist.

"Die besondere psychologische Komponente einer Impfung kann dazu führen, dass man danach Symptome wahrnimmt, die man so auch hätte, die aber dann auf die Impfung bezogen werden."

Wenn man in der kritischen Altersgruppe ist und in den letzten zwei Wochen noch mit dem Impfstoff von Moderna geimpft worden ist, auf welche Symptome sollte man dann achten?

Ich kann aus meiner Praxis sagen, wir haben viele Patienten, die kommen nach einer Impfung mit Moderna oder Biontech und sagen, 'ich habe Herzklopfen, ich bekomme nicht richtig Luft, ich glaube, ich habe eine Myokarditis' – keiner dieser Patienten hatte eine Myokarditis. Das ist die psychologische Wirkung daraus, dass die Leute wissen, es gibt diese Nebenwirkung – dann spüren sie die Symptome. Um wirklich festzustellen, ob eine Myokarditis vorliegt, muss man ein EKG oder eine Ultraschalluntersuchung machen. Die echten Symptome einer Myokarditis sind sehr unspezifisch. Wenn man geimpft wird, geht das durch den Kopf. Eine Impfung ist nicht wie die Einnahme eines Medikaments. Bei einer Impfung gibt man vorbeugend etwas für den Fall einer Erkrankung. Die besondere psychologische Komponente einer Impfung kann dazu führen, dass man danach Symptome wahrnimmt, die man so auch hätte, die aber dann auf die Impfung bezogen werden.

"Alles, was das Herz betrifft, hat bei Patienten psychologisch einen besonderen Stellenwert."

Wenn eine Myokarditis auftreten würde, in welchem Zeitraum nach der Impfung wäre das möglich?

Bis maximal zehn Tage danach, meist nach der zweiten Impfung. Und bei jungen Männern häufiger als bei jungen Frauen. Die absolute Häufigkeit absolut liegt etwa bei 1,5 Fällen auf 100.000 Impfungen, bei jungen Leuten bei 5 von 100.000 – enorm selten also. Die Nebenwirkung der Sinusvenenthrombose beim Impfstoff von Astrazeneca war sehr viel schwerwiegender im Einzelfall. Aber alles was das Herz betrifft, hat bei Patienten psychologisch einen besonderen Stellenwert.

Warum trifft es bei der Nebenwirkung der Myokarditis überhaupt eher die jungen Gesunden und nicht die Älteren oder Vorerkrankten, bei denen man eher eine Anfälligkeit beim Herz vermuten würde?

Wer das rausfindet, wäre nobelpreisverdächtig. Möglicherweise hängt das mit der stärkeren Immunreaktion bei jungen Menschen zusammen. Bei den 50- oder 60-Jährigen treten diese Nebenwirkungen fast gar nicht mehr auf. Nur genau so häufig, wie eine Myokarditis in dieser Altersgruppe ohne Impfung auftreten würde. Je stärker die immunologische Antwort, desto eher auch die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Myo- oder Perikarditis.

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