Wilder wird's nicht mehr: 2021 gilt staatlich verordnete Osterruhe.
Wilder wird's nicht mehr: 2021 gilt staatlich verordnete Osterruhe.Bild: iStockphoto / Evgeniya Sheydt
Interview

Osterruhe statt Lockdown: Linguist nennt sprachlichen Trick "leicht durchschaubar"

23.03.2021, 13:5923.03.2021, 15:40

Lockdown, Nothilfe, Inzidenz – die Wörter, die während der Coronakrise fallen, sind reichlich unschön. Ganz anders klingt da doch die sogenannte "Osterruhe", die beim Bund-Länder-Gipfel am Montag verkündet wurde. Ostern mag schließlich jeder, Ruhe eigentlich auch.

Dass damit aber eigentlich harte Verschärfungen des Lockdowns, Schließungen von Geschäften und Kontaktverbote gemeint sind, stieß so manchem Bürger als Etikettenschwindel auf, was sich dann auch in den sozialen Netzwerken zeigte.

Viele schienen sich auch zu fragen: Ruhe von was eigentlich? Feiertage, Urlaube, Konzerte und Clubbesuche fielen im vergangenen Jahr doch sowieso aus, die Kollegen und Freunde sah man auch schon länger nicht mehr abseits des Bildschirms.

Was genau wollen uns die Politiker mit der sogenannten "Osterruhe" also schmackhaft machen? Und warum ging dieser Schuss so nach hinten los? Für watson fragten wir bei Thomas Niehr nach. Er ist Linguist, Universitätsprofessor an der RWTH Aachen und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft "Sprache in der Politik".

Er sagt:

"Hier wird eine höchst unpopuläre Maßnahme mit einem leicht durchschaubaren sprachlichen Trick schöngeredet."

watson: Was suggeriert der Begriff "Osterruhe"?

Thomas Niehr: Für mich klingt da so etwas wie "verdiente Ruhe nach unruhigen Zeiten" an. Zwar kann man Feiertage generell – und unabhängig von einem religiösen Bekenntnis – so auffassen. Aber in diesem Fall ist ja mit dem Ausdruck tatsächlich etwas anderes gemeint, nämlich Kontaktbeschränkungen und der Aufruf, möglichst zu Hause zu bleiben. Der traditionelle Osterausflug beziehungsweise Osterbesuch, den man ja auch mit "Osterruhe" verbinden könnte, ist also in diesem Jahr ausdrücklich nicht erwünscht und die ohnehin geltenden Beschränkungen werden auch noch verschärft.

Nun wurden Lockdown-Verschärfungen also Osterruhe genannt. Halten Sie das für eine bewusste politische Entscheidung?

Davon ist eigentlich immer auszugehen, wenn Politiker und Politikerinnen sich öffentlich äußern. "Osterruhe" klingt ja fast beschaulich. Mit anderen Worten: Hier wird eine beschönigende Wortwahl getroffen, denn es geht ja weniger um "Ruhe" als um eine Verschärfung bereits geltender Maßnahmen – wenn auch die Gründe für die Verschärfung nachvollziehbar erscheinen.

Einige Menschen in sozialen Netzwerken scheint diese Wortwahl zusätzlich zu ärgern, weil sie sie fast schon als Spott empfinden. War eine solche Reaktion zu erwarten?

Reaktionen im Netz sind nicht immer vorauszusehen. Da die Unzufriedenheit in der Bevölkerung aber ohnehin groß zu sein scheint, ist es nicht überraschend, dass solch eine Wortwahl als unpassend empfunden wird. Denn: Hier wird eine höchst unpopuläre Maßnahme mit einem leicht durchschaubaren sprachlichen Trick schöngeredet.

Kulturgenuss trotz steigender Inzidenzen: Digitale Angebote machen es möglich

Eine Horde Menschen drängelt sich vor dem Eingang der Staatsoper in Berlin. Der Altersdurchschnitt liegt in etwa bei 25 Jahren. Dieser für die altehrwürdige Staatsoper ungewohnt junge Menschenauflauf ist einer Aktion der "Freunde und Förderer der Staatsoper Unter den Linden e.V." geschuldet: Seit dem 9. Oktober bekamen unter 30-Jährige in der die Staatsoper Unter den Linden für einen Bruchteil des sonstigen Ticketpreises Ballett, Oper und Konzerte geboten. Die sechswöchige Aktion war eine von vielen, die insbesondere die jungen Leute nach einer langen Zeit der Corona-geschuldeten Abstinenz zurück in Kunst- und Kulturstätten bringen sollte.

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