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Lea-Sophie Cramer: Sie verkauft Dildos, Vibratoren und andere Sextoys.

Lea-Sophie Cramer: Sie verkauft Dildos, Vibratoren und andere Sextoys. Bild: Amorelie

"Beim Thema Anal-Toys wurde ich immer rot": Amorelie-Gründerin über das Erotik-Geschäft

claudia hamburger/ t-online.de

Lea-Sophie Cramer verdient ihr Geld mit Sextoys. 2013 gründete sie das Start-Up Amorelie und revolutionierte den von Männern dominierten Markt. Die Gründerin erzählt, was sich auf dem Erotikmarkt verändert hat, welche Sexspielzeuge sie heute noch verlegen machen und ob es einfacher ist, ein Unternehmen oder eine Familie zu führen.

Wir haben die 31-Jährige in ihrem Büro in Berlin getroffen. In dem modernen Loft hängen noch Geburtstagsgirlanden von der Decke. Amorelie ist Ende Januar sechs Jahre alt geworden.

t-online.de: Gerade hat Amorelie den sechsten Geburtstag gefeiert. Was hat sich auf dem Erotikmarkt in dieser Zeit verändert?

Lea-Sophie Cramer: Sehr viel. Erstens sind Frauen mehr in den Mittelpunkt gerückt – das wurde früher einfach unterschätzt, da der Mann eher als Zielgruppe und als Käufer gesehen wurde. Zweitens redet man heute viel offener über Sex und Lovetoys. Wir machen jedes Jahr Umfragen und erstellen daraus einen Sex-Report: Als wir gestartet sind, haben zwölf Prozent der Leute angegeben, dass das Sexleben nicht in die Öffentlichkeit gehöre und noch ein Tabu sei; mittlerweile sind es nur noch sieben Prozent. Das stelle ich auch in meinem Umfeld fest. Natürlich wissen alle, was ich mache. Aber nun rede ich auch mit Leuten darüber, bei denen ich vorher nicht damit gerechnet hätte, dass sie mit diesen Themen an ganz normalen Dinnerabenden offen umgehen können. Vor sechs Jahren sah es anders aus: Da habe ich noch neue Mitarbeiter gefragt, ob sie mit ihren Eltern darüber gesprochen haben, dass sie bei uns anfangen. Früher waren das eher die Mutigen, die sich getraut haben, bei uns zu starten – heute sind wir ein normaler Arbeitgeber.

Haben Sie denn schon immer offen über Sex und Sextoys geredet?

Nein. Mir hat anfangs niemand geglaubt, dass ich dieses Unternehmen wirklich gründen würde. Alle haben sich gewundert: "Du? Wirklich!?" Ich habe vorher BWL studiert, war dann in einer Unternehmensberatung und bei Rocket Internet, ich war mich also mit dem Start-up-Umfeld vertraut. Aber ich kam überhaupt nicht aus der Branche. Und genau das fand ich spannend: mit der Kundenbrille an das Thema ranzugehen. Ich habe mir die Frage gestellt: Warum sprechen mich Branche und Produkte nicht an? Einfach, weil die falschen Produkte mit einem falschen Marketing falsch vertrieben werden. Und dann haben wir es eben ein bisschen anders gemacht.

Klingt ganz einfach.

Ich musste mich schon ein bisschen überwinden. Am Anfang haben wir zum Beispiel keine Dildos angeboten, weil das Wort negativ besetzt ist und mit Schmuddel assoziiert wird. Mir was es zum Beispiel auch unangenehm, über das Thema Analtoys zu sprechen – ich bin immer ein bisschen rot geworden. Jetzt habe ich jeden Tag mit unserem kompletten Sortiment zu tun. Ich war und bin nicht die Sexexpertin, aber das hier ist mein Geschäft, meine Berufung. Wir haben etwa 20.000 Produkte im Portfolio und ich habe meine Berührungsängste über die Zeit abgebaut. Ich glaube, dass es meinen Mitarbeitern ähnlich ging.

Macht Sie heute trotzdem noch ein Produkt verlegen?

Es gibt schon noch Kategorien, die ich nicht anbieten möchte. Gummipuppen zum Beispiel – ich finde sie nicht schön und kann mir nicht vorstellen, dass sie die Paarbeziehung bereichern. Ich finde sie vom Aussehen und von der Funktion her nicht wirklich ansprechend.

Gibt es noch etwas?

Ja, den ganzen Schmerz- und Fetischbereich. Der lässt mich nicht unbedingt verlegen werden, aber das ist etwas, womit ich persönlich nicht viel anfangen kann und bei dem wir als Firma auch wenig Expertise haben. Es ist nicht so, dass ich das verabscheue: Alle Arten der Sexualität haben eine Berechtigung. Trotzdem finde ich, dass man sich als Firma positionieren sollte. Wir gehen nicht in die Nischen, sondern stehen eher für Anfänger und besitzen eine totale Massenpositionierung. Der extreme Fetischbereich passt nicht zu uns.

Wie schwierig war es für Sie als Frau, sich in der Branche durchzusetzen?

Es ist schon so, dass diese eine sehr männerdominierte Branche und Industrie ist. Dementsprechend wurde ich am Anfang als junge, blonde Frau unter den ganzen Wettbewerbern, die oftmals aus der Pornobranche kamen, sehr unterschätzt. Ich habe das aber nicht angenommen und habe an mich und an Amorelie geglaubt. Das war auf jeden Fall ungewohnt am Anfang, ich musste ein bisschen kämpfen.

Nur bei der Konkurrenz, oder auch bei den Investoren?

Teilweise auch bei Investoren. Ich habe einen Mitgründer, wir haben also zu zweit gegründet. Bei manchen Meetings wurde mehr mit ihm gesprochen oder er wurde mehr angeschaut – als wäre ich nur das Aushängeschild für die PR-Arbeit. Ich habe aber diese Themen immer offen angesprochen und erklärt, dass wir das Unternehmen zu zweit führen und zwar nicht als PR-Maßnahme, sondern in echt. Damit bin ich immer ganz gut gefahren. Ansonsten hatte ich eigentlich nie so richtig Gegenwind von der Industrie. Es gab am Anfang eher ein bisschen Desinteresse.

Weil man nicht an Sie und Ihre Idee geglaubt hat?

Genau – nicht an die Idee, nicht an die Positionierung, nicht an Paare oder Frauen als Zielgruppe. Und auch nicht daran, die Produkte anders zu vermarkten. Das lief eher so: Wir kennen uns hier seit Jahrzehnten aus und wissen genau, wie der Markt funktioniert und welche die Bestseller sind. Es hat einfach niemand erkannt, dass es eine Zielgruppe gab, die die Industrie damals einfach komplett negiert und vernachlässigt hat. Und das waren wir Frauen.

In der TV-Jury

Lea-Sophie Cramer ist seit dem 19. Februar in der Prosieben-Sendung "Das Ding des Jahres" zu sehen, bei dem Erfinder ihre Produkte vorstellen. Zusammen mit Lena Gercke und Joko Winterscheidt und Rewe-Einkaufschef Hans-Jürgen Moog sitzt sie in der Jury.

Sie sind erfolgreiche Unternehmerin, Mutter von zwei Kindern und sitzen nun auch noch nebenbei in der TV-Sendung "Das Ding des Jahres" in der Jury. Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?

Mit ganz viel Organisation und starker Priorisierung. Ich habe dieses Jahr zum Beispiel nur eine einzige Einladung als Key-Note Speaker auf einer Konferenz angenommen und bestimmt etwa 50 abgesagt. Ich wusste, dass die TV-Show noch kommt und ich eine Zeit lang in Köln sein werde und nicht im Büro. Man muss lernen, nein zu sagen – obwohl es mir auch immer leid tut, wenn man dabei Leute enttäuscht.

Worauf waren Sie besser vorbereitet: ein eigenes Unternehmen zu gründen oder Mutter zu werden?

Definitiv auf das Unternehmengründen. Mutter zu werden war die spannendste Erfahrung meines Lebens, selbst mit den Höhen und Tiefen und allem, was dazugehört. Ich bin sowohl an das Mutterwerden als auch an die Gründung etwas naiv herangegangen. Bei beidem habe ich gedacht: So schwer kann es ja nicht sein. Ich frage mich immer gern: Was kann im schlimmsten Fall passieren? Hätte das Unternehmen nicht funktioniert, wäre ich wieder in ein Angestelltenverhältnis gegangen. Die Investoren wussten auch, worauf sie sich einlassen. Heute haben wir natürlich mehr Mitarbeiter, sodass ich mehr Verantwortung fühle und übernehme. Aber die ersten Gründerjahre waren sehr unbedarft. Anders ist es, wenn man Kinder bekommt. Das ist einfach eine Entscheidung fürs ganze Leben.

Hat sich Ihr Muttersein auch auf Ihre Arbeitsweise ausgewirkt?

Ja, sehr. Ich habe durch den Zeitmangel gelernt: Ich kann einfach nichts auf später als 18 Uhr schieben, weil ich um Punkt 18 Uhr aus dem Büro gehe.

Klappt das immer?

Es klappt fast immer, ich bin da sehr streng geworden. Ich verbringe den Abend lieber mit meinen Kindern, die noch klein sind und früh ins Bett gehen. Sie haben Priorität. Ich habe also gelernt, Meetings oder Calls zu verschieben. Und ich habe das Gefühl, dass ich besser führe, seitdem ich Kinder habe: Ich delegiere mehr. Früher habe ich viele Aufgaben selbst übernommen, wenn ich mit dem Ergebnis von anderen Mitarbeitern oder Kollegen nicht zufrieden war. Jetzt versuche ich, meinen Teams und den Führungskräften beizubringen, wie ich darüber nachdenken und was ich machen würde.

Sie waren bei Ihrem ersten Kind drei Monate, beim zweiten zwei Monate in Mutterschutz und haben Ihren Nachwuchs im Anschluss mit ins Büro genommen. Haben Sie dafür auch Kritik bekommen?

In Form von anonymen Kommentaren, ja. Aber diese lese ich mir nicht mehr durch. Wenn jemand diskutieren möchte, dann gerne persönlich. Es ist noch ein sehr ungewöhnliches Modell, was ich lebe. Obwohl ich jetzt von zwei Bekannten gehört habe, dass sie sich auch für ein "Lea-Modell" entschieden haben und ihr Baby mit zur Arbeit nehmen. Und zwar nicht als Geschäftsführerin, sondern als Angestellte. Ihre – übrigens männlichen – Chefs haben jeweils sofort gesagt: "Ich räume mein Büro, das kannst du ab morgen haben." Wenn man das möchte und ein wenig dafür kämpft, ist das möglich.

Worauf achten Sie bei "Das Ding des Jahres"? Eher auf die Erfindung oder spielt der Erfinder für Sie auch eine Rolle?

Es waren bei mir genau die beiden Teile. Zum einen habe ich mir die Frage gestellt: Löst die Erfindung ein echtes Problem? Ist es eine Verbesserung zu dem, was es da draußen bereits gibt? Da waren auf jeden Fall ein paar Erfindungen dabei, auf die das hundertprozentig zutrifft. Ich finde es aber auch in Ordnung, wenn es nicht unbedingt um eine Verbesserung geht, sondern um eine Verschönerung. Wir hatten zum Beispiel ein Taschenlabel mit einem besonderen Kniff und einem tollen Design: Das kann ich dann auch wertschätzen. Das zweite sind auf jeden Fall die Erfinder, die dahinterstehen. Ich finde es einfach schön, wenn Leute einen Antrieb und einen Grund haben, warum sie etwas tun.

Gab es unter den vorgestellten Erfindungen etwas Besonderes oder Abgefahrenes, das Ihnen im Gedächtnis geblieben ist?

Es gab echt viel "Abgefahrenes" und vieles, was aus meiner Sicht noch nicht marktfähig ist. Besonders interessant fand ich einen Fahrradschlauch mit zwei Enden: Den legt man in den Mantel und dann kommen die zwei Enden zusammen, so dass ein Rad entsteht. Wenn man ein Loch im Reifen hast, muss man normalerweise den kompletten Reifen entnehmen. Mit dieser Erfindung kann man einfach den Mantel abnehmen, den Reifen rausnehmen und ohne Werkzeuge wechseln. Da habe ich gedacht: Das Rad kann man doch eigentlich nicht neu erfinden – aber genau das haben die Erfinder quasi getan.

Ihre Gründeridee war zwar kein einzelnes Produkt. Aber was glauben Sie, hätten die anderen Jurymitglieder zu Ihnen gesagt, wenn Sie Ihre Idee, mit stylishen Vibratoren Geld zu verdienen, in der Sendung vorgestellt hätten?

Ich glaube, es wäre der Spaß unseres Lebens geworden. Gerade mit Joko Winterscheidt in der Jury hätten wir die Sendungslänge weit überzogen. Wir hätten auf jeden Fall sehr viel gelacht und ich kann mir auch vorstellen, dass sie gesagt hätten: "Ja, das machen wir". Bei den Dreharbeiten waren zumindest alle sehr interessiert an meinen Produkten. Ich habe einige verschenkt, wir haben das ganze Team ausgestattet. Deshalb glaube ich schon, dass das gut angekommen wäre.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Cramer.

Das Interview erschien zuerst auf t-online.de

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