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Credit: Joseph Strauch

"Ich kann mich zwingen, kreativ zu sein" – Christian 'Pokerbeats' Huber im Interview

Christian Huber ist das Paradebeispiel für alternative Karriere-Modelle. Der gebürtige Regensburger hat unter dem Namen 'Pokerbeats' HipHop-Beats für Casper oder KC Rebell produziert. Irgendwann fing er an, zu twittern und wurde mit seinen selbstironischen Alltagsbeobachtungen zu einer der ersten bekannten Twitter-Persönlichkeiten.

Jan Böhmermann fragte ihn, ob er nicht Gags für seine Sendung Neo Magazin Royale schreiben wolle. Er wollte. Ein Buchverlag fragte ihn, ob er ein Buch schreiben wollte. Das wollte er auch. 2015 veröffentlichte er seinen Erstling "Fruchtfliegendompteur". 

Irgendwann war Huber hauptberuflich Autor. Heute lebt der 34-Jährige in Köln, ist fester Teil des Autoren-Stamms beim Neo Magazin Royale und sein drittes Buch erscheint beim Rowohlt-Verlag.

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"Alle anderen können einpacken" ist die Fortsetzung von "7 Kilo in 3 Tagen" und beschreibt den Wahnsinn, der einem an Weihnachten bei der Familie begegnet. Das Buch funktioniert auch, wenn man das erste nicht gelesen hat. Viel wichtiger aber: Es ist überaus lustig geworden – sicher auch, weil Huber durch seine Autoren-Tätigkeit beim Neo Magazin nochmal einen Satz nach vorne gemacht hat. Von Twitter zum Gag-Schreiber und Bestsellerautor.

Die Charaktere und Dialoge fühlen sich echt an und sind im gesellschaftspolitischen Hier und Jetzt angesiedelt. Das Tempo ist sehr zügig. Beeindruckend, dass man von ehemals 140 Zeichen auf knapp 200 Seiten so einen Sprung machen kann.

watson hat mit Huber über Disziplin, Jan Böhmermann und Trettmann gesprochen

watson: Wie ist es eigentlich ein Weihnachts-Buch im Sommer zu schreiben?
Christian Huber: Du hast den gleichen Sommer erlebt wie ich. Es war gefühlt 50 Grad und ich wohne in einer Dachgeschoss-Wohnung. Ich bin in meinem Schreibtisch-Sessel aus Leder in meinem Schweiß fast ertrunken.

Und wie macht man sich da Stimmung für die Weihnachtstage?
Ich habe mir einfach Weihnachtsmusik auf die Ohren gemacht. Ich habe gemerkt, dass ich eine ganz gute Vorstellungskraft habe. Und ich bilde mir ein, dass mir dadurch ein bisschen weniger heiß wurde.

Was ist deine Erwartung an Weihnachten, wenn du dafür in deinen Heimatort fährst?
Ich habe das Gefühl, dass ich mich mal um nichts kümmern muss, wenn ich nach Hause komme. Die Familie einigt sich auch darauf, sich nicht zu stressen. Man beschäftigt sich höchstens mit den Problemen in der Familie. Dieser vorgegaukelte Frieden tut gut, um durchschnaufen zu können.

Du hast mir mal erzählt, dass du kurz vor der Abgabe deines ersten Buches "Fruchtfliegendompteur" in Fötushaltung auf dem Sofa lagst und dir überhaupt nicht sicher warst, ob das Buch gut wird. Warst du jetzt bei deinem dritten Buch entspannter?
Eigentlich war es dieses Mal noch schlimmer. Ich hatte weniger Zeit und habe bei der Mitte des Buches einen Denkfehler bemerkt. Der Protagonist spricht dort mit seinen Eltern und ich habe vergessen, dass andere Familienmitglieder auch am Tisch saßen. Ich musste deswegen die komplette erste Hälfte umschreiben. Also habe ich in meiner bekannten Fötushaltung 17 Stunden am Tag durchgeschrieben.

Wie passiert denn so ein "Plot Hole"?
Ich habe einfach nicht aufgepasst. Vielleicht, weil nebenbei im Fernsehen Frankreich gegen Argentinien bei der WM lief. Ich war wahrscheinlich zu tief im Handlungsstrang drin, sodass ich es nicht mehr hinterfragt habe.

Bereust du es in solchen Momenten, Buchautor zu sein?
Nein, es war trotzdem wie beim ersten Buch: Auch wenn in dem Moment die Hölle ist – genau das will ich machen. Dafür macht es zu viel Spaß und fordert mich geistig so sehr.

Du twitterst noch viel, schreibst Bücher, hattest eine Zeitungskolumne und arbeitest als Autor für das Neo Magazin Royale. Welche Disziplin geht dir am einfachsten von der Hand?
Die Sachen, die ich fürs Neo Magazin mache, sind ja relativ breit gefächert. Seien es One-Liner für den Stand Up am Anfang, Einspieler oder Studio-Nummern. Was ich auf Knopfdruck immer kann, sind One-Liner. Wenn es heißt: Wir brauchen noch 5 Gags zu dem Thema, dann kann ich mich zwingen, auf Knopfdruck kreativ zu sein. Es gibt aber nichts, was ich davon am liebsten mache.

Du hast in dem Buch die Zeile “Friede dem Wellblech, Krieg den Palästen” aus dem Trettmann- und GZUZ-Song "Knöcheltief" drin. Wie kamst du darauf?
Dass es jemand gemerkt hat, finde ich schon unfassbar geil. Ich mag in Filmen oder Büchern Anspielungen auf zeitgenössische Popkultur. Ich finde es immer schön, wenn ein Autor Sachen kennt, die ich auch kenne. Da fühlt man sich als Leser zum einen etwas erhaben und auch verstanden. Ich beschäftige mich tagtäglich mit urbaner Popkultur. Ich habe auch nicht umsonst im Buch eine Zimmernummer 187 und einen Songtitel von Bonez MC und Raf Camora gewählt.

Trettmann feat. GZUZ: "Knöcheltief"

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Video: YouTube/SoulForce Records

Zum anderen macht Trettmann eine politisch linke Aussage zu Eigen und benutzt statt "Hütten" diesen metaphorisch schönen Begriff “Wellblech”. “Knöcheltief" ist echt einer der besten Rapsongs, die jemals geschrieben wurden.

Du hast vorher HipHop-Beats produziert, jetzt bist du Autor. Gibt es mittlerweile jemanden, dessen Rap-Texte du besonders empfehlen kannst?
Ich höre gerade wirklich RAF Camora und 187 Straßenbande rauf und runter. Ich feier jetzt nicht jede einzelne Zeile, aber ich mag das Gefühl, das sie vermitteln. Gerade RAF schafft es in Kombination mit Musik und pathetischem Wortlaut dieses Euphorie-Gefühl zu erzeugen. Ich mag einfach Popcorn-Kino und so mag ich auch Popcorn-Musik.

Ich bin auch gespannt, was Dendemann auf seinem neuen Album macht, weil es keinen in Deutschland gibt, der Reime und Inhalt gemeinsam auf so einem Niveau bringt.

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Christian 'Pokerbeats' Huber. Credit: Joseph Strauch

Was hast du aus deiner Zeit als Musik-Produzent für deinen jetzigen Beruf als Autor mitgenommen?
Einfach Disziplin. Ich bin nicht der beste Autor und mit Abstand nicht der beste Produzent. Sowas muss man mit Fleiß wett machen. Ich meine auch Disziplin in Kommunikation und Vertragsverhandlungen: Wenn man weiß, wie man seinen Wert einzuschätzen hat, dann kann man besser für sich Sachen verhandeln. Aber auch Professionalität in PR-Geschichten. Ich weiß mittlerweile auch, wann ich nochmal nachfragen muss.

Hilft dir deine Erfahrung als Beats-Produzent jetzt manchmal, dich in Jan Böhmermann hinein zu versetzen, wenn du Gags für ihn schreibst?
Ich glaube schon, dass ich da so eine Empathie aus der Produzentenzeit mitbringe. Wenn wir im Team Gags für Jan schreiben, sollten wir es erst mal selber lustig finden. Dann müssen wir wissen, was Jan lustig findet und worüber das Publikum lacht. Ich brauche also eine doppelte Empathie.

Christian Huber im Autorenteam des Neo Magazins:

Witz Squad. Foto: @neo_magazin_royale

Ein Beitrag geteilt von christian huber (@pokerbeats) am

Ist deine neue Heimat Köln tatsächlich die Comedy-Hauptstadt Deutschlands?
Hier sind eben viele Produktionsfirmen, und hier wird auch viel Comedy gemacht, die nicht so meins ist. In Berlin entwickelt sich dafür eine riesige Stand-Up-Szene. Da ist Köln noch etwas hinterher.

Und wenn du dich umschaust, gibt es mehr Beobachtungspotenzial, aus dem man lustiges ziehen kann?
Die Leute hier sind komplett anders. Sie sehen anders aus und reden auch anders. Hier ist nicht wichtig, ob du auf der Gästeliste einer Aftershow-Party im "Prince Charles" in Berlin-Kreuzberg stehst. Köln ist direkter und ein bisschen stumpfer, was ich aber cool finde.

Stumpfer im Sinne von?
Es ist hier alles nicht so meta-meta-meta. Die Leute sind geradeaus und lockerer. Dafür ist hier im Stadtleben alles reglementiert. Du könntest jetzt vor einem Büdchen, also den Kölner “Spätis”, keine Bierbank hinstellen. Sowas fehlt mir an Berlin. Ich muss auch zugeben, dass ich Berlin schon sehr vermisse.

Du hast eben erzählt, dass die Stand-Up-Szene immer größer wird. Stimmt es, dass der amerikanische Ansatz sich durchsetzt: Weg von der Gimmick-Comedy, mehr zur Beobachtung, die auch für den Witz politisch inkorrekt sein kann?
Ich finde es gut, dass die Leute Witze probieren, die nicht 100 Prozent politisch korrekt sind. Da muss auch das deutsche Publikum lernen, sich ein wenig den Stock aus dem Arsch zu ziehen. Es wird aber schwierig, wenn das Publikum nicht weiß, wer der Absender ist, was die Haltung des Comedians ist und dass alles im Kontext gesehen werden muss. Da fehlt uns in Deutschland echt noch viel im Gegensatz zu den Amis. Aber es geht langsam in die richtige Richtung.

Einige deiner Autoren-Kollegen suchen ja auch den Weg auf die Bühne oder vor die Kamera. Spielst du auch mit dem Gedanken?
Ne. Dafür bin ich auf der Bühne nicht stark genug. Es gibt Menschen, die sind dafür gemacht und nehmen den ganzen Raum ein, wenn sie auf die Bühne steigen. Das bin ich nicht. Lesungen sind ok, das kann ich mich hinter meinem Buch verstecken, zwischendrin ein paar Anekdoten erzählen und dann 5 Kapitel lesen. Aber mehr will ich auch niemandem zumuten.

Friseurnamen vorgelesen bekommen und dabei nicht lachen

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Video: watson/Marius Notter, Elisabeth Kochan

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