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Coaching: Aussteigerin spricht offen über dunkle Seiten der Szene

Coaching wird offensiv auf Social Media beworben. Dabei handelt sich teilweise um Life Coaches, die Menschen Beratung anbieten, zum Beispiel im Bereich Business. Ein Coach verkauft auch Ausbildung an  ...
Charlotte M. Raven war früher selbst Mitglied der Coaching-Branche. foto: privat
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Wenn Coaching gefährlich wird: Aussteigerin berichtet über die dunklen Seiten der Szene

13.04.2023, 16:48
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Dein Leben ist schlecht, du musst es optimieren: Beim Surfen im Netz ploppen ständig Coachings von selbsternannten Experten auf. Es gibt sie für jeden Lebensbereich: Sex, Fitness, Karriere, Finanzen und vor allem Spiritualität. Große Namen wie Bodo Schäfer oder Laura Marina Seiler haben Hunderttausende Follower:innen.

Nicht jede Art von Coaching ist schlecht. Und doch gibt eine "dunkle" Coaching-Szene, die Menschen in die Abhängigkeit und manchmal sogar in den finanziellen Ruin treibt.

Watson hat mit Charlotte M. Raven gesprochen, die selbst coachte, aber auch Opfer dieser Psycho-Tricks wurde. In dem Buch "Nicht noch ein Coaching-Buch: Über eine Industrie, die mit Manipulation Milliarden scheffelt, indem sie mit der Psyche von Menschen spielt" beschreibt Raven die Maschen der Anbieter.

watson: Es gibt so viele Coaching-Angebote im Internet. Wie unterscheidet man gute von schlechten?

Charlotte M. Raven: Es gibt auch wirklich gute Coaches. Das Wichtigste ist, dass der Coach verantwortungsvoll ist, er/sie eine qualifizierte Ausbildung hat und Grenzen gesetzt werden. Menschen mit psychischen Krankheiten dürfen zum Beispiel nicht behandelt und nur eingeschränkt gecoacht werden. Die Preise und Qualifikationen müssen transparent dargestellt werden: Wo hat die Ausbildung stattgefunden und ist sie abgeschlossen? Heutzutage kann jeder Kanarienvogel ein Zertifikat ausstellen. Es gibt eine Masse von Zertifikaten da draußen, das ist keine Qualitätssicherung. Und man sollte immer auch darauf achten: Wie wird formuliert, was wird als ultimativ dargestellt? Coaching soll ja Menschen dabei begleiten, ihren eigenen Weg zu finden. Das passiert nicht, indem man Versprechungen macht und Wahrheiten vorgibt.

Welche Menschen werden besonders oft Opfer der Coaching-Szene?

Leider viel zu oft Frauen, weil sie viel zu häufig vom Gesundheitssystem nicht gesehen werden. Oft sind sie psychisch belastet, und zwar nicht, weil sie Frauen sind, sondern weil Frauen von Ärzten weniger gehört werden. Ihnen werden auch seltener Medikamente verordnet. Grundsätzlich wird meist bewusst auf Menschen abgezielt, denen es psychisch und/oder finanziell nicht gut geht.

Und welche Auswirkungen hat "dunkles Coaching" auf deren Leben?

Vor allem finanzielle: Es gibt Menschen, die haben 80.000 bis 100.000 Euro in Coachings investiert und es ist nichts passiert. Im schlimmsten Fall werden diese Menschen bewusst "angetriggert": Da werden Traumata hochgeholt, um Besserung zu bringen und sie werden dann mit den Folgen alleine gelassen. Bei der kleinsten Kritik werden sie von den Anbieter:innen blockiert, teilweise noch attackiert und es wird mit Anwälten gedroht. Blockieren ist eigentlich noch das Beste, was einem passieren kann. Die Anbieter:innen haben oft selbst emotionale und psychische Probleme, die gerne verdrängt werden.

"Diese Szene wirkt fast wie eine Ersatzdroge."

Das führt dazu, dass emotionaler Missbrauch stattfindet. Es gibt Drohungen, dass die persönlichen Daten veröffentlicht werden, denn es gibt ja keine Verträge. All das habe ich auch erlebt. Sobald ich angefangen habe, offen darüber zu sprechen, wurde ich aus allen Gruppen und Kontakten hinausgeworfen. Auf einmal sind alle Menschen weg, von denen du dachtest, das sind Freunde. Eine Frau wurde so reingetrieben, dass sie in der stationären Psychiatrie gelandet ist.

Charlotte M. Raven studiert heute Psychologie.
Charlotte M. Raven studiert heute Psychologie. privat

Wie kamst du selbst in die Coaching-Szene?

Ich hatte eine Art Nahtoderlebnis. Ich habe früher viele Drogen genommen und bin da an einem Abend fast hopps gegangen. Danach ging es mir durch die Folgen so schlecht, dass ich nicht mehr leben wollte, weil ich so viele Probleme hatte. Dann kam die moderne Spiritualität in mein Leben und das Coaching und ich bin voll in diese Szene eingetaucht, die ja fast wie eine Ersatzdroge wirkt. Ich habe quasi alles, was es am Markt gibt, ausprobiert, um meine Probleme zu lösen – was schlussendlich nicht geklappt hat.

Kann Coaching denn überhaupt nichts verbessern?

Wenn man in dieses Spiritual Bypassing hineingeht, verleugnet man damit sich und seine Emotionen. Man denkt stattdessen, man muss nur noch positiv sein und gewisse Dinge machen, dann wird es einem besser gehen. Vielleicht geht es einem auch besser, weil man alles runterschluckt: Die ganzen Sorgen und Probleme werden in eine kleine Schachtel gepackt und weg sind sie.

"Sehr viele Communitys sind mittlerweile zu Sekten geworden."

Aber irgendwann geht diese Schachtel auf und dann merkt man, was man da alles weggedrückt hat. Das macht das Ganze noch schlimmer. Es ist also so eine Art Quick fix. Es ist eine schnelle Lösung und kann auch ein bisschen helfen – gerade Menschen, die nicht so starke oder keine psychischen Probleme haben. Aber für Menschen wie mich, mit psychischen Problemen, kann das sehr schnell nach hinten losgehen.

Was hat das Coaching mit dir persönlich gemacht?

Man verleugnet in Teilen die eigene Persönlichkeit und das eigene Sein. Das führt zu einer Art Dissoziation, also dem Gefühl, dass ein Teil von einem selbst abgespalten ist. Aber der lauert noch und hat trotzdem Einfluss aufs Leben. Mir erzählen das tagtäglich Menschen: Die wachen wie aus einem Albtraum auf und dann werden sie von diesen ganzen Emotionen, die hochkommen, überrannt.

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Wann bist du sozusagen "aufgewacht"?

Ich hatte mir damals eine schmerzfreie Traumgeburt mit Hypnobirthing manifestiert. Dann kam aber alles ganz anders. Und als ich da mit meinem Baby im Bett gelegen bin, das seit Wochen nicht zu schreien aufhörte, war ich so am Ende. Ich dachte mir: Diese ganze Manifestation, das ist doch alles totaler Quatsch. Und dann kam das Wieso? Es war wie ein Schneeball-Effekt: Ich habe auf einmal alles kritisch hinterfragt, was ich mir vorher erzählt habe.

Wie bist du von der Coaching-Szene losgekommen, gab es da Probleme?

Man wird so abhängig gemacht von der Energie dieser Anbieter:innen, dass man sich gar nicht traut, überhaupt noch etwas dagegen zu sagen. Sonst bekommt man sofort deren Energien und Präsenz entzogen. Das ganze Marketing wird bewusst darauf ausgerichtet. Ich hatte vor vielen Jahren eine schlimme Beziehung zu einem aggressiven Mann, der mich auf vielen Ebenen ausgenutzt hat. Aus der Coaching-Szene herauszukommen, fühlte sich ein bisschen so an, wie aus dieser gewalttätigen Beziehung herauszukommen. Zwar ist es keine körperliche, aber emotionale Gewalt. Die Leute werden konstant "gegaslightet" (Anm. der Redaktion: Manipulationstechnik, die die Betroffenen verunsichert und an sich zweifeln lässt) und man wird zu einem anderen Menschen geformt. Und das alles unter dem Deckmantel "besser, höher, weiter, spiritueller".

Das klingt alles ein bisschen nach Sektenstruktur...

Sehr viele Communitys sind – nicht bewusst, aber durch unregulierte Dynamiken – mittlerweile zu Sekten geworden. Ich habe ein ganzes Kapitel darüber geschrieben: Kult oder Community. Vier Kapitel im Buch sind komplett nur über manipulative Methoden. Wenn man sich Kulte oder Sekten anguckt, dann geht es ja darum, dass einer oben steht und die Botschaften runterpredigt. Das ist als Wahrheit für alle zu sehen und die Mitglieder sollen sich auch gegenseitig pushen, melden oder überwachen. Es gilt als Gesetz, dass alle andere Meinungen, andere Wahrnehmungen oder ähnliches komplett geblockt werden.

An welchen Warnsignalen erkennt man, dass einem das Coaching nicht guttut?

Wenn es dafür sorgt, dass sich ganz subtil das Weltbild verschiebt. Wenn man anfängt, das ganze Leben dadurch abzuändern oder das auch allen anderen aufdrängen zu wollen. Wenn man zum Beispiel sämtliche Menschen aus seinem Umfeld entfernt, weil das alles "Energie-Vampire" sind. Wenn man alles ausblendet, was eine kritische Meinung ist, man sich schuldig fühlt, Druck ausgeübt wird und man abhängig ist von den Anbieter:innen. Es wird kritisch, wenn man die Ansätze, die man gelernt bekommt, für Gesetzmäßigkeiten hält und nicht mehr als Glauben ansieht.

Narzissten: Wie ich gelernt habe, mit ihnen umzugehen
Um mich herum waren lange Zeit gefühlt ausschließlich Narzisst:innen. Immer fragte ich mich: Warum ziehe ich die so magisch an? Und warum suche ich – bewusst oder unbewusst – den Kontakt zu ihnen?

Um es gleich mal auf den Punkt zu bringen: Ich bin verdammt knapp an einer narzisstischen Störung vorbeigeschrammt. Ich hatte lange Jahre lang eine Art mentales Branding im Kopf, das mein Großvater mir eingebrannt hat. Ich erinnere mich, dass er mir schon als kleiner Junge immer und immer wieder sagte: "Wenn du erfolgreich bist, wenn du der Held bist, wenn du gut aussiehst, wenn du scheinst, wirst du geliebt. Wenn nicht, bist du in der Gesellschaft nichts wert." Ich habe das natürlich zunächst nicht verstanden, aber über die Jahre hinweg bekam ich mehr und mehr ein Gefühl dafür, was das zu bedeuten hatte.

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