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Naturheilkunde in einer App: Gründerin erklärt Vorteile von Niui Nature

Chiara Mitscherlich (l.) und Kathy Wong (r.) haben gemeinsam die Naturheilkunde-App Niu Nature gegründet.
Chiara Mitscherlich (l.) und Kathy Wong (r.) haben gemeinsam die Naturheilkunde-App Niu Nature gegründet. niu nature
Interview

Von Goldman Sachs zur Naturheilkunde-App: "Am Anfang ist uns Skepsis begegnet"

Vom Hochhaus zur Heilpflanze: Chiara und Kathy arbeiteten bei Goldman Sachs – heute haben sie eine App für Naturheilkunde. Im watson-Interview erzählt Chiara, warum sie die Finanzwelt hinter sich ließ und wie ihr Vater sie zu dieser Entscheidung inspirierte.
30.11.2025, 15:0230.11.2025, 15:02

watson: Ihr habt beide bei Goldman Sachs gearbeitet – für viele das berufliche Nonplusultra. Wie kam es dazu, dass ihr euch schließlich für den Weg in die Selbstständigkeit entschieden habt?

Chiara: Kathy und ich haben uns damals bei Goldman Sachs kennengelernt – und zwar ganz zufällig an der Kaffeemaschine. Wir waren damals beide vegan und waren auf der Suche nach Sojamilch. Wir haben uns sofort gut verstanden, sind beide sehr an Gesundheit und Ernährung interessiert. Ich bin dann irgendwann zu einem KI-Unternehmen gewechselt und habe dort eine App entwickelt.

Und danach hast du dich selbstständig gemacht?

Ja, das war meine erste Erfahrung in diesem Bereich und hat mir das nötige Wissen gegeben, um später unsere eigene App zu gründen – Niu Nature. Es war also kein radikaler Bruch, sondern eher eine Weiterentwicklung. Ich hatte eine solide Basis, um zu gründen. Die Erfahrung aus der Finanzwelt hat sicher geholfen.

"Natürlich gibt es auch Vorbehalte, aber genau da sehen wir unsere Mission: aufzuzeigen, dass Naturheilkunde kein 'Hokuspokus' ist."

Wie war es für dich, als Frau zu gründen?

Ich bin sehr dankbar, dass wir großartige Investor:innen an Bord haben. Es gibt ja Studien, die zeigen, dass Frauen weniger Funding erhalten – das ist sicher ein strukturelles Problem. Ich persönlich versuche, nicht zu sehr in diesen Kategorien zu denken. Was uns am Anfang manchmal begegnet ist, war Skepsis gegenüber dem Thema Naturheilkunde. Manche sagten: "Wir investieren nur in klassische Medizin, nicht in Naturheilkunde." Das war schade – aber ich respektiere, wenn jemand eine andere Richtung einschlagen möchte.

Vom Bankwesen zur Naturheilkunde – das liegt thematisch ja sehr weit auseinander. Wie hat dein Umfeld reagiert?

Sehr positiv. Gesundheit und Naturheilkunde interessieren unglaublich viele Menschen. Natürlich gibt es auch Vorbehalte oder Skepsis, aber genau da sehen wir unsere Mission: aufzuzeigen, dass Naturheilkunde kein "Hokuspokus" ist. Wir möchten helfen, Mythen von wirksamen Ansätzen zu trennen – und Menschen zeigen, was wirklich Substanz hat und im Alltag helfen kann. Viele Freund:innen und Familienmitglieder nutzen unsere App selbst, geben Feedback oder haben Ideen – das ist total schön zu sehen.

Dich verbindet auch eine persönliche Geschichte mit der Naturheilkunde.

Ja, absolut. Mein Vater hat vor etwa zwölf Jahren entgegen ärztlicher Empfehlungen seine Arthrose selbst in den Griff bekommen – allein durch eine Ernährungskur, die heute auch Teil unserer App ist. Er konnte dadurch eine schwere Operation vermeiden und fühlt sich seitdem großartig. Ich fand es damals sehr schade, dass solche Ansätze in der Schulmedizin kaum Beachtung finden. Das war für mich ein Schlüsselmoment: Ich wollte verstehen, wie Ernährung, Ayurveda und traditionelle chinesische Medizin – also Naturheilkunde aus verschiedenen Kulturen – wirklich wirken können. Mein Ziel ist, dass solche alternativen Wege künftig als Ergänzung zur Schulmedizin gesehen werden, nicht als Gegensatz.

Mit diffusen Beschwerden wie Schlafproblemen, Verdauungsbeschwerden oder Stress fühlt man sich ja oft alleingelassen. Seht ihr euch da auch als Anlaufstelle?

Auf jeden Fall. Ich glaube, fast jeder kennt das: Man fühlt sich nicht richtig wohl, geht zum Arzt – aber die Blutwerte sind "in Ordnung". Dann steht man da und weiß nicht weiter. Genau da wollen wir ansetzen. Naturheilkunde kann helfen, Zusammenhänge zu verstehen. In Ayurveda oder TCM (Traditionelle Chinesische Medizin, Anm. der Red.) spricht man von Konstitutionstypen – also individuellen energetischen Mustern. Wenn man weiß, welcher Typ man ist, kann man gezielter ansetzen und vieles selbst ausbalancieren. Das stärkt auch das Bewusstsein für die eigene Gesundheit.

Wie geht ihr mit dem Vorurteil um, dass Naturheilkunde "nicht wissenschaftlich" sei?

Ich hatte am Anfang erwartet, dass die größte Kritik von Ärzt:innen kommen würde – aber das Gegenteil ist der Fall. Viele Ärzt:innen, mit denen wir arbeiten, wissen, dass da Substanz vorhanden ist. Skepsis kommt eher aus der breiten Bevölkerung – und ich verstehe das, weil Studien in der Naturheilkunde oft kleinere Stichproben haben oder weniger finanzielle Mittel.

Verändert sich dahingehend denn etwas?

Ja, gibt es immer mehr wissenschaftliche Belege. In unserer App weisen wir explizit auf Studien hin – etwa zu Akupressurpunkten, Meditation oder Klangtherapie – und kennzeichnen klar, was wissenschaftlich belegt ist und was eher auf Erfahrungswerten basiert. So schaffen wir Transparenz.

Wenn jemand neu einsteigt und keine Ahnung von Naturheilkunde hat – wo fängt man an?

Am Anfang unserer Programme steht ein Konstitutionstest: Wir haben sowohl einen ayurvedischen als auch einen TCM-Test, der Fragen zu Körperbau, Verdauung, Schlaf und Energielevel stellt. Darauf aufbauend empfehlen wir Einsteigerprogramme, in denen man die Grundprinzipien kennenlernt – beispielsweise, wie Krankheit aus einem Ungleichgewicht der Lebensenergie entsteht und wie man dieses Gleichgewicht wiederherstellen kann.

Und wenn man sich schon ein wenig auskennt?

Für Fortgeschrittene gibt es komplexere Programme, etwa eine sanfte ayurvedische Reinigungskur, die man auch zu Hause machen kann. Uns ist wichtig, dass dieses Wissen zugänglich ist – auch für Menschen, die sich teure Heilpraktikertermine oder Retreats nicht leisten können.

Was passiert, wenn jemand die App nutzt, aber eigentlich medizinische Hilfe bräuchte?

Wir dürfen keine medizinische Beratung geben – das ist gesetzlich klar geregelt. In der App können wir Nutzer:innen auch nicht persönlich identifizieren, was aus Datenschutzgründen richtig ist. Aber wir machen in jedem Programm deutlich, wann ärztliche Hilfe nötig ist – zum Beispiel bei hohem Fieber oder Atemnot. Langfristig wäre es schön, Heilpraktiker:innen einzubinden, die direkt über die App erreichbar sind.

Wenn du heute auf deinen Karriereweg zurückblickst – vermisst du manchmal das Bankwesen?

Nein, ich bin unglaublich froh über diesen Schritt (lacht). Natürlich war die Zeit in der Finanzwelt wichtig – aber jetzt arbeite ich an etwas, das mich auf mehreren Ebenen erfüllt. Ich liebe die Mischung aus Naturheilkunde, Technologie, Design und Schreiben. Man lernt jeden Tag dazu, trägt Verantwortung, hat direkten Kontakt zu Nutzer:innen. Das ist fordernd, aber unglaublich erfüllend.

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