Alle Jahre wieder... werden zu Weihnachten nicht nur Geschenke, sondern auch Vorwürfe zwischen den Liebsten ausgetauscht.
Alle Jahre wieder... werden zu Weihnachten nicht nur Geschenke, sondern auch Vorwürfe zwischen den Liebsten ausgetauscht. Bild: iStockphoto / AaronAmat
Interview

Familienzoff an Weihnachten? Warum wir an den Feiertagen in die immer gleichen Gefühlsmuster zurückfallen

26.12.2021, 15:3227.12.2021, 18:01

Es ist ein Phänomen: Der alljährliche Weihnachtsbesuch beginnt allzu oft mit euphorischem "Wie schön, dass wir uns endlich alle mal wieder sehen!", geht über in kleine Sticheleien und endet spätestens am zweiten Weihnachtsfeiertag in einem gewaltigen Zoff, der schon fast so traditionell ist, wie das Rezept von Omas Weihnachtsklößen.

Aber warum werden so viele Erwachsene wieder zu bockigen Kleinkindern, sobald sie zwei, drei Nächte in ihrem alten Kinderzimmer verbracht haben? Und wieso kramen Papa und Mama – oder auch die Geschwister – die immer selben Streitthemen wieder aus, die sich doch ohnehin nie klären lassen?!

Watson sprach darüber mit Claudia Hesse. Sie ist Psychologische Psychotherapeutin in Köln und kennt die Fallstricke der immergleichen Debatten unter den Liebsten, enttäuschten Weihnachts-Erwartungen und Lagerkoller auf engem Raum...

Verhaltenstherapeutin Claudia Hesse.
Verhaltenstherapeutin Claudia Hesse.Bild: privat / Chris Feith

watson: Man denkt, man sei erwachsen. Doch kaum ist Weihnachten, springen alle Familienmitglieder in alte Gefühls-Muster zurück. Warum?

Claudia Hesse: Gerade an Weihnachten ist die Gefahr tatsächlich recht hoch, dass man in diese alten Rollen zurück verfällt und wieder zum Kind wird, auch wenn man selbst möglicherweise schon Vater oder Mutter ist. Da schaltet sich ein Autopilot an: Die Geschwister nerven wieder, der Vater ist beispielsweise wieder ein Besserwisser und die Mutter so herrisch wie eh und je. Man rutscht in genau die Rolle hinein, die man im Laufe der kindlichen und jugendlichen Biografie gelernt hat und die einem vertraut ist. Dieses Vertraute ist uns immer sehr nahe – leider auch, wenn es eigentlich ungesund ist.

Woraus nährt sich dieser Autopilot?

Unter anderem aus frustrierten Grundbedürfnissen unserer Kindheit und Jugend. Auch die Konfliktfähigkeit und Kompromissfähigkeit wird in der Familie gelernt. Die Eltern bestimmen den Verlauf von Konflikten und leben vor, wie sie gelöst werden – Kinder übernehmen dieses vorgelebte Verhalten schon im Kleinkindalter und reproduzieren sie dann ebenfalls.

Und wann wird das problematisch?

Es kann beispielsweise sein, dass Eltern über alles bestimmen wollen und Kinder sich vollständig unterordnen. Das erschwert die Entwicklung von Kompromissfähigkeit. Genauso gibt es Familien, bei denen sich immer alles um die Kinder dreht – da entwickelt sich dann oft eine fehlende Konfliktfähigkeit. Das sind zwar zwei Extreme, die aber gut zeigen, wie sich die entscheidenden Faktoren Konfliktfähigkeit und Kompromissfähigkeit ausbilden. Das familiäre Umfeld muss uns lehren, Konflikte auszutragen und Kompromisse zu finden. Wird das nicht ausreichend gelehrt, tragen wir das Problem auch als Erwachsene mit uns herum.

"Das Zusammentreffen der Familie an Weihnachten birgt ein hohes Enttäuschungspotential, denn die Feiertage sind kulturell überhöht."

Und dann kracht es später immer wieder an denselben Stellen?

Es ist zumindest sehr viel schwerer, als Erwachsener aus diesen Mustern herauszukommen. Und so kommt es dann auch, dass sich Familien mit guten Vorsätzen an den Weihnachtstisch setzen und am Ende doch wieder allesamt in ihre Konfliktmuster verfallen.

Weihnachten scheint allerdings besonders prädestiniert für Ärger zu sein. Warum?

Das Zusammentreffen der Familie an Weihnachten birgt ein hohes Enttäuschungspotential, denn die Feiertage sind kulturell überhöht. Wir alle wurden von einem romantischen Ideal von Weihnachten geprägt. Da soll die Familie glücklich sein, zusammenstehen in Harmonie und sich miteinander freuen. Alles, was im Alltag zu kurz kommt, soll an Weihnachten gelingen. Wir wünschen uns Überraschungen, mit denen wir den Anderen erfreuen. Wir möchten liebevolle Gesten und eine wunderschöne Zeit. Das sind sehr hohe Erwartungen, die in eine umso größere Enttäuschung umschlagen können.

Und dann wird man doppelt traurig?

Zumindest ist man verletzlicher. Und wenn dann ein Familienmitglied einen wunden Punkt erwischt, ist auch diese Hoffnung auf Harmonie schwer verletzt. Es gibt aber noch einen anderen Punkt, der für Familienstreit an Weihnachten aus meiner Sicht elementar ist, nämlich: Die unterschiedlichen Altersgruppen, die da zusammenkommen.

Warum ist Streit wahrscheinlicher, wenn mehrere Generationen aufeinander treffen?

Es zeigt sich, dass gerade in den vergangenen Jahren die Generationen verstärkt an ihren jeweiligen Meinungen festhalten. Es findet relativ wenig Austausch statt. Umso schwieriger ist es, über unterschiedliche Generationen hinweg – also vom Enkel bis zur Uroma – Perspektivwechsel vorzunehmen. Die Perspektive des Anderen anzunehmen ist aber nötig, um einen kooperativen und konstruktiven Austausch zu ermöglichen. Das Problem kennt man aus dem Freundeskreis eher nicht, da dort zumeist Menschen zusammenkommen, die ohnehin schon ähnliche Ansichten und Interessen haben.

"Wenn wir als Kind beispielsweise schon das Gefühl hatten, nie wirklich Anerkennung für unsere Leistung bekommen zu haben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Desinteresse an unserem neuen Job uns wütend macht, relativ hoch."

Oft gelingt es Weihnachtsgesellschaften aber durchaus, den ersten Abend noch fröhlich über die Bühne zu bringen. Erst an Tag Zwei oder Drei kommt der alte Groll wieder hoch. Warum so zeitverzögert?

Als Erwachsener kann man sich meist eine Zeit noch ganz gut am Riemen reißen oder ein Auge zudrücken, wenn einen das Verhalten der Eltern nervt. Aber je mehr wir runterschlucken, desto größer wird der Wunsch nach einem Ventil. Und so kommt es dann nach einem gewissen Zeitraum in Familien mit mangelnder Konfliktfähigkeit oder dem Wunsch nach "Zwangsharmonie" eben doch zur Explosion.

Worum geht es in diesen Streitereien unter Familien?

Im Kern geht es um verletzte Grundbedürfnisse, die einen schon in der Kindheit und Jugend frustriert haben. Das kann zu wenig Anerkennung durch die Eltern sein, zu wenig Solidarität oder auch ein Bedürfnis nach Autonomie, das nie ernst genommen wurde. Wenn wir als Kind beispielsweise schon das Gefühl hatten, nie wirklich Anerkennung für unsere Leistung bekommen zu haben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Desinteresse an unserem neuen Job uns wütend macht, relativ hoch. Das liegt eben daran, dass dieser eine psychologische Grundkonflikt nicht gelöst wurde.

Kann man sich denn irgendwie gegen den Weihnachtsstreit wappnen?

Wer feststellt, dass er permanent in immer gleiche Muster fällt und darunter leidet, zum Beispiel in Konfliktsituationen, für den kann sich eine Therapie lohnen. Aber wenn es vor allem um Weihnachten geht, kann man natürlich auch im Vorfeld schon ein paar Vorbereitungen treffen. Wenn zum Beispiel klar ist, dass irgendein konkretes Thema regelmäßig für Streit sorgt, kann es durchaus sinnvoll sein, schon im Vorfeld mit der Familie abzumachen, dass die entsprechende Debatte an Weihnachten Tabu ist. Und dass man das Recht hat, sich bei Aufkommen des Themas auszuklinken oder einzugreifen.

Interessant. Weitere Tipps?

Es macht Sinn, schon vor Weihnachten in sich zu gehen, welche Kränkungen einen erwarten könnten und wie man sich dagegen wappnet. Dann reagiert man in der Situation entspannter und gerät nicht sofort in diesen Kindheits-Strudel, indem man unter Umständen unüberlegt zurück provoziert. Es ist auch gut, sich zu überlegen: Welches positiv besetzte Thema gibt es eigentlich in meiner Familie? Worüber freuen wir uns alle? Dann kann man in einem kritischen Moment dahin ablenken – oder ein von allen geliebtes Brettspiel als Joker hervorzaubern und statt dem Streit einen gemeinsamen Moment schaffen, der sich für alle gut und vertraut anfühlt.

Weihnachten ist ja aber selbst dann anstrengend, wenn man sich gar nicht streitet.

Das ist ein weiterer Punkt, an dem man schon gut eingreifen kann, indem man externe Stressfaktoren reduziert. Die Weihnachtsaufgaben sollten gerecht untereinander aufgeteilt werden, jeder sollte hier Verantwortung übernehmen. Man kann auch auf einen Teil des aufwendigen Gänge-Menüs oder der Deko verzichten. Sich vom Perfektionismus zu lösen, kann die Stimmung schon entscheidend verbessern. Oft kommt es auch zu Enttäuschungen, weil ein Geschenk nicht den gewünschten Effekt hatte, den sich der Schenker versprochen hat. Die Lösung ist oft sich einfach im Vorfeld über die wahren Geschenkwünsche abzusprechen.

"Zur Konfliktlösung gehört es ebenso, eine Entschuldigung annehmen zu können und nicht bockig zu reagieren."

Und wenn einem die Familie trotzdem irgendwann zu viel wird?

Dann ist es oft sinnvoller, sich mal kurz zu entfernen und um den Block zu gehen, als abzuwarten, bis man immer wütender wird. Es gibt ja auch Menschen, die im Laufe ihres Lebens gelernt haben, dass sie sehr gerne alleine sind und dieses ungewohnte Zusammensein im größeren Familienkreis dann als zu beengt und stressig empfinden. Dann wäre es gut, im Vorfeld schon klar anzukündigen: "Ich freue mich auf Weihnachten und bin sehr gerne dabei. Aber nehmt es mir nicht übel, wenn ich mich zwischendurch immer mal wieder zurückziehe." Dann wissen alle Bescheid.

Was, wenn es bereits gekracht hat?

Wenn man eine Äußerung getätigt hat, die beim Gegenüber falsch angekommen ist oder man ihn vielleicht sogar absichtlich provoziert hat, sollte man sich darin üben, sich zu entschuldigen. Das fällt oft viel schwerer als man denkt. Zur Konfliktlösung gehört es ebenso, eine Entschuldigung annehmen zu können und nicht bockig zu reagieren. Das sind Dinge, die jeder erst lernen muss. Gelingt eine solche Kommunikation ist aber schon viel geschafft. Streit an sich ist ja generell nichts Problematisches. Im Gegenteil: Wenn die entsprechende Konflikt- und Kompromissfähigkeit da ist, kann er auch heilsam sein.

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