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Scham-Thema Haarentfernung: Warum Körperhaare politisch sind

Franziska Setare Koohestani bezeichnet sich selbst als "Hairy Queen".
Franziska Setare Koohestani bezeichnet sich selbst als "Hairy Queen".bild: Tizian Stromp Zargari
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"Hairy Queen" Franziska ist stark behaart und hat keine Lust mehr, sich dafür zu schämen

27.02.2024, 07:15
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Na, wann hast du dich das letzte Mal rasiert? Als Mann ist das im Gesicht oder am Rücken, als Frau – fast überall am Körper. Wir alle sind bestimmten Geschlechter-Normen unterworfen, wenn es um Körperhaare geht.

Warum sie das nicht länger hinnehmen will, verrät Franziska Setare Koohestani in watson. Die freie Journalistin und Buchautorin bezeichnet sich selbst als "Hairy Queen".

Im gleichnamigen Buch (Ullstein, 288 Seiten, 12,99 Euro), das am 29. Februar erscheint, schreibt Koohestani darüber, warum Körperbehaarung politisch ist. Sie zeigt auf, wie Körperbehaarung mit Diskriminierung, Migration, Aktivismus, Subkultur – und mit Schönheitsnormen zusammenhängt.

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watson: Körperhaare beschäftigen irgendwie jeden, ob Mann oder Frau: Was war der Moment, wo du gesagt hast: Ich bin eine "Hairy Queen"?

Franziska Setare Koohestani: Ich habe damals einen Text darüber geschrieben und wollte nicht die ganze Zeit schreiben: "Ich bin eine stark behaarte Frau." Um das ein bisschen umzudeuten, hab ich mich dann Hairy Queen genannt.

Was genau ist eine Hairy Queen für dich?

Nach meiner Definition bedeutet erst mal, einen selbstbewussten Titel zu finden für das größte Scham-Thema in meinem Leben. Ich nutze den Titel auch für andere Personen in dem Buch, weil ich dieses Scham-Thema umdeuten und daraus eine gesellschaftskritische Position entwickeln will. Außerdem will ich zeigen: Wenn man von den Normen abweicht, erhält man einen besonderen Blick auf genau diese Norm.

Inwiefern?

Man kann dann besser erkennen, was noch über das eigene Empfinden hinaus dafür verantwortlich ist, dass man sich schämt. Es sind ja oft Dinge, für man eigentlich gar nichts kann, nämlich zum Beispiel stark behaart zu sein. Die Bezeichnung Hairy Queen ist deshalb auch angelehnt an die Sprache der Drag-Kultur. Denn auch Drag-Performances haben das Potenzial, herrschende Normen infrage zu stellen. Weil sie zeigen: Alles ist konstruiert, sogar die Idee von 'natürlichen Körpern' ist fake. So auch die Idee der haarlosen Frau.

"Ich habe ein Buch über Körperbehaarung geschrieben und ich rasiere mir immer noch mehr oder weniger regelmäßig die Beine."

Wie stehst du heute zu deiner Körperbehaarung?

Der Unterschied ist, dass ich vor allem in meiner Teenagerzeit immer dachte, dass mit mir irgendwas nicht stimmt, dass ich unnormal bin, weil ich stärker behaart bin als die meisten Frauen – und manche Männer. Ich hatte immer versucht, das zu verstecken und mit allen möglichen Enthaarungsmethoden dagegen zu arbeiten. Das ist seit einigen Jahren nicht mehr so. Im Studium setzte ich mich mit feministischer Theorie auseinander und habe gemerkt: Es ist vielleicht gar nicht an mir etwas falsch, sondern an den gesellschaftlichen Strukturen.

Entfernst du trotzdem noch Körperhaare oder lässt du jetzt einfach alles wachsen?

Jetzt kommt der Schocker: Ich habe ein Buch über Körperbehaarung geschrieben und ich rasiere mir immer noch mehr oder weniger regelmäßig die Beine. Das kann vielleicht irritierend sein. Mein Argument ist aber, dass Körperbehaarung politisch ist.

Warum sind Körperhaare politisch?

Das hat zwei Seiten: Einerseits wird man politisch, im Sinne von rassistisch und sexistisch beeinflusst. Und auch der Kapitalismus profitiert davon. Es gibt viele gute Gründe dafür, alle Haare wachsen zu lassen und dagegen Widerstand zu leisten, auch mit seinen individuellen Enthaarungsentscheidungen. Gleichzeitig gab es schon vor dem Kapitalismus Haarentfernungspraktiken. Menschliche Kultur ist immer auch Körpergestaltungskultur gewesen.

Hast du beim Rasieren ein schlechtes Gewissen?

Ich würde es nicht schlechtes Gewissen nennen, aber ich würde es jetzt auch nicht als widerspruchsfrei bezeichnen, dass ich mich enthaare und trotzdem den Enthaarungszwang kritisiere. Aber meine eigenen Widersprüche stehen ja im Verhältnis zu ganz vielen existierenden Widersprüchen in der Gesellschaft.

"Es gibt zum Beispiel Menschen auf Social Media, die ihre Körperbehaarung mit Gel formen oder die Achselhaare pink färben."

Welche Widersprüche meinst du?

Gesellschaftlich gibt es eine Reihe von so gut wie unerreichbaren Schönheitsnormen und denen sollst du entsprechen. Aber wenn du es zu sehr versucht, ist es peinlich und übertrieben. Dann gibt es noch den Widerspruch, den ich im Gender-Kapitel beschreibe: Dass man als Frau einen jugendlichen Körper haben, sich aber immer schon erwachsen verhalten soll. Man kann eigentlich nichts wirklich richtig machen in diesem System. Deshalb möchte ich niemanden verurteilen für seine Körperenthaarung.

Du schreibst im Buch, man solle kreativer mit seiner Körperbehaarung umgehen. Wie meinst du das?

Es ist eher eine Wunschvorstellung, dass man spielerischer mit Körperbehaarung umgeht. Weil ich natürlich weiß, dass es dieses System und all diese politischen Einflüsse gibt. Aber es wäre schön, wenn es mehr Vielfalt in der Gestaltung der Körper geben dürfte. Es gibt zum Beispiel Menschen auf Social Media, die ihre Körperbehaarung mit Gel formen oder die Achselhaare pink färben. Das muss nicht heißen, dass man immer total extravagant damit umgehen muss. Aber es wäre schön, wenn Körperbehaarung einfach eine persönliche Style-Entscheidung wäre.

Und so ist es nicht?

Nein. Es herrscht leider noch das Bild von einer natürlichen Ordnung im Hinblick auf Körperbehaarung: Ein gewisses Maß an Behaarung sei geschlechterübergreifend akzeptabel und wenn das überschritten wird, sei es eklig und ungesund. Und Frauen müssen weniger behaart sein als Männer, am besten sogar glatt. Dabei gibt es körperlich einfach genbedingt eine große Vielfalt an Beharrungssituationen. Das ist gar nicht so klar geschlechtsbinär aufgeteilt, wie man denken würde.

Warum war für dich als Frau mit Migrationshintergrund das Thema Körperbehaarung besonders schwierig?

Ich habe mehr Behaarung als viele Frauen und Mädchen, mit denen ich aufgewachsen bin und mich verglichen habe. Und ich habe mich gefragt: Ist es für mich besonders schwer, meine Behaarung wachsen zu lassen? Weil ich glaube, darauf angewiesen zu sein, in so vielen Punkten wie möglich akzeptiert zu werden? Weil ich verinnerlicht habe, nur wertvoll zu sein, wenn ich versuche, wie weiße Erst-im-Sonnenlicht-Behaarte auszusehen?

Warum ist das so?

Als nicht-weiße Person ist man sowieso schon marginalisiert und wird als das gesellschaftlich 'Andere' positioniert. Die Frage ist: Was steht eigentlich für wen auf dem Spiel, wenn man Körper- oder Schönheitsnormen bricht? Ich glaube, es gibt da unterschiedliche Voraussetzungen für unterschiedliche Menschen. Bei dem Rassismus-Aspekt spielt auch eine geschichtliche Komponente eine Rolle.

Geschichtlich? Inwiefern?

Körperbehaarung galt historisch als Marker für Rassifizierung und das ist heute noch spürbar. Sie spielte bereits in den Rassentheorien im 19. Jahrhundert eine Rolle. Es gab die Idee, dass Menschengruppen, bei denen der größte körperliche Unterschied zwischen Mann und Frau herrscht, am weitesten entwickelt sind. Die Norm war also: Männer haarig, Frauen glatt. Je mehr dieser Unterschied verschwimmt, desto weniger zivilisiert und desto affen- oder tierähnlicher seien diese Menschengruppen. Und damit auch menschlich wertloser. Die Rassentheorie diente dazu, bestimmte Menschengruppen zu entmenschlichen und deren Ausbeutung und Unterdrückung zu legitimieren.

"'Du siehst aus wie ein Affe.' Das hat auf jeden Fall eine rassistische Bedeutung."

Solche veralteten Vorstellungen haben wir heutzutage aber doch hoffentlich überwunden, oder?

Ich glaube, dass diese Assoziation mit Wildheit und Tierähnlichkeit immer noch ein bisschen präsent ist in der Art und Weise, wie wir Körper anschauen, wie wir Menschen wahrnehmen und bewerten. Zum Beispiel hören stark behaarte Frauen oft als Beleidigung: "Du siehst aus wie ein Affe." Das hat auf jeden Fall eine rassistische Bedeutung.

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