Der Bundesfreiwilligendienstleistende Dorian Schnabel betreut in der Marianne-Cohn-Schule, einem sonderpaedagogischen Foerderzentrum, ein Kind. Berlin, 18.12.2013. Berlin Deutschland PUBLICATIONxINxGE ...
Mehr Zeit für Care, für alle, ohne finanzielle oder berufliche Einbußen: So sieht die Erziehungswissenschaftlerin Barbara Thiessen das Arbeitsmodell der Zukunft.Bild: www.imago-images.de / Thomas Trutschel/photothek.net
Interview

Care-Arbeit für alle ermöglichen: Erziehungswissenschaftlerin fordert "atmende Lebensläufe" statt Soziales Pflichtjahr

22.06.2022, 15:2522.06.2022, 20:54

Als vergangene Woche der Vorschlag von Bundespräsident Steinmeier zu einem Sozialen Pflichtjahr für junge Menschen kontrovers diskutiert wurde, meldete sich Prof. Barbara Thiessen zu Wort. Ihre Forderung: Man müsse grundsätzlich über die Ausgestaltung von Arbeit in unserer Gesellschaft nachdenken.

Thiessen kennt sich aus beim Thema Care: Die ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit forscht zu Care-Theorien, Familienleben, Beratung, Organisationen und Geschlecht in Sozialer Arbeit und hat die länderübergreifende Wissenschaftler-Initiative Care.Macht.Mehr.com mitbegründet.

Ihr favorisierter Gegenvorschlag zu einem mehr oder weniger unfreiwilligen Dienstjahr für Jugendliche nennt sich "Optionszeitenmodell" und ist von der Soziologin Karin Jurczyk vom Deutschen Jugendinstitut und der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik und Ulrich Mückenberger von der Universität Bremen zusammen erarbeitet worden. Hinter dem etwas abstrakten Begriff versteckt sich nichts weniger, als eine revolutionäre Neugestaltung der klassischen Erwerbsarbeit vom Ende der Ausbildung bis zur Rente.

Watson hat mit ihr über ihre Kritik am Sozialen Pflichtjahr und ihren Vorschlag zum "Arbeiten 4.0" gesprochen. Sie fordert:

"Statt dieser Pflichtjahr-Debatte mal grundsätzlich über notwendige Arbeit in der Gesellschaft nachzudenken und zu fragen: Was braucht es eigentlich, damit eine Gesellschaft in all ihren Verästelungen funktioniert?"
Prof. Barbara Thiessen lehrt an der Hochschule Landshut Gender Studies in Sozialer Arbeit. Ab September wird sie an der Universität Bielefeld die Professur für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt B ...
Prof. Barbara Thiessen lehrt an der Hochschule Landshut Gender Studies in Sozialer Arbeit. Ab September wird sie an der Universität Bielefeld die Professur für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Beratung und Geschlechterverhältnisse übernehmen. bild: Uta Kellermann

watson: Bundespräsident Steinmeiers Vorschlag, dass junge Leute mit einem Pflichtjahr ihr soziales Engagement zeigen können: Warum regt Sie das so auf?

Prof. Barbara Thiessen: Ich meine, dass der Vorschlag für ein verpflichtendes Dienstjahr auf dem Vorurteil beruht, Jugendliche wären selbstbezogen, würden sich nur in der eigenen Blase bewegen, und würden sich zu wenig für andere engagieren. In diesem Vorschlag und vielen anderen ähnlich gelagerten Vorschlägen schwingt das mit und das stimmt eben nicht mit den wissenschaftlichen Befunden über bürgerschaftliches Engagement überein.

Bundesfreiwilligendienst im Krankenhaus Bundesfreiwilligendienst im Krankenhaus, BuFDi Christopher Broecker am Computer,

in Hospital in Hospital Christopher Broecker at Computer
Bundesfreiwilligendienst im Krankenhaus: Bewerbermangel gibt es hier nicht.Bild: imago stock&people / ecomedia/robert fishman

Auf welche Befunde beziehen Sie sich?

Die Engagementberichte zeigen, dass gerade junge Menschen in besonderer Weise engagiert sind. 42 Prozent der jungen Menschen sind regelmäßig bürgerschaftlich engagiert, im Bevölkerungsdurchschnitt sind es dagegen 39 Prozent. Zudem sind das Soziale Jahr, der Bundesfreiwilligendienst, das Ökologische Jahr und weitere Angebote tatsächlich sehr beliebt bei jungen Menschen. Da gibt es keine Not an Bewerbungen. Also insofern läuft die Pflichtjahrdebatte ein bisschen ins Leere.

Ein Punkt, den Sie in Ihrer Kritik genannt haben, ist die Trivialisierung der sozialen Arbeit und Pflege. Darf man denn die Debatte um mehr bürgerschaftliches Engagement überhaupt so auffassen, dass jemand die professionellen Kräfte ersetzen soll?

Ich habe gar keine Sorge, dass Fachkräfte ersetzt werden würden, weil es keine anderen Berufsgruppen gibt, die derzeit so gesucht werden, wie Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Pflegekräfte und auch Erziehungsfachkräfte. Ich finde, dass eine deutliche Unterschätzung von vielen Arbeitsfeldern in Sozialer Arbeit stattfindet, die nicht geeignet sind für ungelernte Kräfte. Als wäre das eine Tätigkeit, wo man einfach kommt und dann sofort helfen kann. Was auch immer "helfen" bedeutet, und das ist die Trivialisierung. Wenn, dann können Hilfsarbeiten übernommen werden, ergänzende Angebote. Die müssten aber natürlich supervisiert und angeleitet werden. Es bedeutet einen erheblichen Aufwand, damit die Hilfe im Sinne der zu Betreuenden vonstatten gehen kann.

"Wir wissen, dass bereits Kinder und Jugendliche in ihren Familien sehr viel Care-Arbeit, also Fürsorge und Versorgung und auch psychische Stabilisierung und Pflegeleistungen erbringen."

Also profitieren die Adressaten von sozialer Arbeit gar nicht?

Man muss andersherum denken. Eben nicht, was brauchen Jugendliche oder was könnte für die Gesellschaft gut sein? Sondern in allererster Linie: Was brauchen die Adressatinnen und Adressaten von Sozialer Arbeit? Und da kann ein ergänzendes Angebot in bestimmten Einrichtungen tatsächlich in deren Sinne sein. Die Annahme, dass Jugendliche und junge Erwachsene sich bislang noch nie um jemanden gekümmert hätten, ist nicht die Befundlage. Wir wissen, dass bereits Kinder und Jugendliche in ihren Familien sehr viel Care-Arbeit, also Fürsorge und Versorgung und auch psychische Stabilisierung und Pflegeleistungen erbringen.

Zum Beispiel?

Das können Eltern sein, die psychisch erkrankt sind, die beispielsweise Suchterkrankungen haben. Das können Geschwister mit Behinderung sein. Da wissen wir, dass Kinder und Jugendliche oft sehr stark eingebunden sind. Jugendliche Carer werden sie auch genannt. Und für die wäre vielleicht mal wichtig, wenn sie den Schulabschluss haben, erst einmal nichts mehr mit Care zu tun zu haben, sondern sich um sich selbst kümmern zu können. Und was gar nicht eingepreist wird: Frauen leisten im Laufe ihres Lebens doppelt so viel Care-Arbeit wie Männer. Und dann sollen sie ein soziales Pflichtjahr noch obendrauf kriegen. Auch nicht so eine wirklich geschlechtergerechte Idee.

Wäre es dann nicht geschlechtergerecht, dass Männer wenigstens am Anfang ihres Erwerbslebens ein Jahr soziale Arbeit machen sollten, um das auszugleichen?

(lacht) Das möchte ich sehen, wie das im Grundgesetz umgesetzt werden wird. Dann haben wir Menschen in professionellen sozialen und pflegerischen Kontexten, die da gar nicht hinwollten und das Problem der Qualität von Care im Hinblick auf die Bedürfnisse der Adressaten. Deshalb finde ich, es wäre doch gut, statt dieser Pflichtjahr-Debatte mal grundsätzlich über notwendige Arbeit in der Gesellschaft nachzudenken und zu fragen: Was braucht es eigentlich, damit eine Gesellschaft in all ihren Verästelungen funktioniert?

"Das ganze Volumen der geleisteten Arbeit ist nur zur Hälfte bezahlte, also beruflich erbrachte Arbeit. Und der ganze Rest ist Care-Arbeit oder bürgerschaftliches Engagement."

Ohne unbezahlte Arbeit würde unsere Gesellschaft also gar nicht funktionieren?

Die Zeitbudget-Studien des Bundesamtes für Statistik zeigen tatsächlich, dass das ganze Volumen der geleisteten Arbeit ungefähr nur zur Hälfte bezahlte, also beruflich erbrachte Arbeit, ist. Und der ganze Rest ist Care-Arbeit oder bürgerschaftliches Engagement. Das betrifft die Arbeit in technischen Hilfsdiensten, Freiwilliger Feuerwehr, in Vereinen usw. Da gibt es sehr, sehr viel, was geleistet wird, auch um eine Zivilgesellschaft lebendig zu machen. Wir sehen, dass Frauen ungefähr ein Drittel ihrer Zeit für Erwerbsarbeit verbringen und zwei Drittel für unbezahlte Arbeit. Und bei Männern ist es genau umgekehrt. Die leisten zwei Drittel ihrer Zeit für Erwerbsarbeit und ein Drittel für Familie und bürgerschaftliches Engagement. Deshalb müssen die Rahmenbedingungen so gestaltet sein, dass wir nicht ausschließlich von einem normalen Lebenslauf und einer Normalbiografie ausgehen, die auf Ausbildung, Erwerbsarbeit und dann die Rente orientiert, sondern "atmende Lebensläufe" ermöglicht.

Das hört sich interessant an. Wie meinen Sie das?

Also dass wir Zeiten für Care-Arbeit zum Normalfall erklären und nicht mehr zum Sonderfall, der irgendwie 'vereinbart' werden muss. Und dieser neue Normalfall im Lebenslauf ist im sogenannten "Optionszeitenmodell" mal durchgerechnet worden. Wenn ich die Idee kurz erläutern darf: Das neue Normal wären dann nicht mehr 45 Jahre ununterbrochene Erwerbsarbeit für das Erreichen der Rentenpunkte. Die Idee des Optionszeitenmodells ist, dass jedem ein Konto für Optionszeiten von neun Jahren eröffnet werden kann. Von den neun Jahren kann man sechs Jahre für familiäre Care-Arbeit, nachbarschaftliches und/oder bürgerschaftliches Engagement nutzen, zwei Jahre für Weiterbildung und ein Jahr für ein Sabbatical. Und das kann ich frei in meinen Lebenslauf, in meinen Beruf, in meine Biographie einstreuen.

Bundesfreiwilligendienst Weltwaerts Nord-Süd Bundesfreiwillige Maikely Hudiel dâÄÖAvila (Nicaragua) arbeitet mit Kindern in der Kindertagesstätte Mehlhausen des Deutschen Roten Kreuzes in Bielefeld, 1 ...
Bundesfreiwillige in einer Kita: Care wird derzeit noch überwiegend von Frauen übernommen.Bild: imago stock&people / ecomedia/robert fishman

Und wer bezahlt in dieser Zeit mein Gehalt?

Das wird unterschiedlich finanziert, je nachdem, wer davon profitiert. Die Gesellschaft profitiert davon, dass Kinder geboren werden, dass Alte gepflegt werden, dass Nachbarschaften unterstützt werden, dass es freiwillige Feuerwehren gibt. Und deshalb wird die finanzielle Absicherung dieser Care-Arbeit über Steuern geregelt. Die Weiterbildung würden die Unternehmen tragen. Und das Sabbatical müsste ich selbst finanziell tragen. Da muss ich ein bisschen was zurücklegen, um mich dann auch mal aus allem rausziehen zu können und was ganz Anderes zu machen. Das ist die Idee.

Und weiter?

Wir sagen, wir setzen mal die Pflichtbeitragsjahre für Erwerbsarbeit entsprechend runter und erhöhen dafür das Potenzial von Care und bürgerschaftlichem Engagement. Das bedeutet dann, dass man die Rentenpunkte nicht ausschließlich über Erwerbsarbeit generieren kann, sondern man muss auch vom eigenen Optionszeitenkonto einen relevanten Anteil nutzen.

Kann der Staat sich das leisten, den Bürger so zu entlohnen, dass der Lebensstandard gehalten werden kann?

Im Moment steigen Frauen fast alleine für Care-Arbeit aus. Und in der Regel wird ja auch innerfamiliär nicht umverteilt, dass man sagt: Gut, wir profitieren dann vom Ehegattensplitting und dann legen wir dieses Geld an und damit wird ein Rentenausfall finanziert. Macht ja niemand, oder? Also müsste das ähnlich wie beim Erziehungs- oder Pflegegeld, das es ja jetzt schon gibt und aus Steuermitteln finanziert wird, geregelt werden. Der Gesellschaft liegt daran, dass Menschen Kinder bekommen, Alte versorgen und kranke Familienangehörige pflegen. Hier sollte die carebedingte Reduktion staatlich kompensiert und zugleich die Möglichkeit geschaffen werden, in der Zeit Rentenpunkte, also Rentenanwartschaften, zu generieren und die Care-Arbeit auch damit zu honorieren.

"Geld ist da, es wird nur in der Logik verteilt, die eben nicht geschlechtergerecht ist."

Wie realistisch ist es, dass wir in unserer kapitalistisch geprägten Marktwirtschaft oder Gesellschaft so ein Modell verwirklichen?

Es ist nicht die Frage, ob überhaupt, sondern wie. Im Moment lässt sich die Gesellschaft das schon viel kosten, dass es das Modell nicht gibt. Das sind Milliarden, die pro Jahr zum Beispiel für Ehegattensplitting ausgegeben werden. Ein Modell, dass nur darauf beruht, dass ein Partner nichts oder ganz wenig verdient und der andere möglichst viel. Und davon profitieren nicht die unteren Einkommensgruppen oder die, die gleich viel verdienen. Das heißt: Geld ist da, es wird nur in der Logik verteilt, die eben nicht geschlechtergerecht ist. Wenn Frauen dann als Berufsrückkehrerinnen in prekäre Beschäftigungsverhältnisse zurückgehen, entstehen erhebliche Kosten wie die Entwertung von Bildungsabschlüssen oder Altersarmut bei Frauen, die eben dann auch wieder sozialisiert werden. Das Problem lautet also nicht: Gibt es ausreichend Steuermittel, sondern an welchen Stellen werden Steuern eingesetzt und welche Effekte haben dann diese Leistungen?

"Wenn alle irgendwann aussteigen, ist es für Arbeitgeber ein allgemeines Risiko, das man nicht mehr einer bestimmten Gruppe zuschreiben kann."

Wäre es dann nicht einfacher, die jetzt unbezahlte, private Care-Arbeit einfach zu entlohnen?

Ich finde es keine gute Idee, Care-Arbeit zu entlohnen. Da bewegen wir uns dann in einer anderen Systematik. Wenn jemand die Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen vernachlässigt, wird der Lohn dann gestrichen? Wer kontrolliert das? Das führt zu einer Logik, die nicht angemessen ist für das Familienleben. Ich finde, es braucht eine eigenständige Existenzabsicherung für Care-Zeiten oder Zeiten für bürgerschaftliches Engagement. Zudem sollten solche Auszeiten keine negativen Auswirkungen in der beruflichen Entwicklung mehr sein. Wenn alle irgendwann aussteigen, ist es für Arbeitgeber ein allgemeines Risiko, das man nicht mehr einer bestimmten Gruppe zuschreiben kann. Wir hätten dann eine neue "Normalbiografie" mit selbstbestimmten Optionszeiten.

Handel ächzt wegen Kaufflaute: Diese Produkte meiden Verbraucher besonders

Die Inflationsrate ist in den letzten Monaten immer weiter gestiegen. Im Oktober stieg sie auf 10,4 Prozent und damit auf den höchsten Wert seit 1951 – seit mehr als 70 Jahren. Vergangene Woche veröffentlichte das Statistische Bundesamt den vorläufigen Inflationswert für den November. Der liegt bei plus 10 Prozent. Dass das Folgen hat, ist mittlerweile keine Neuigkeit mehr. Die Preise sind drastisch gestiegen. Die Deutschen sparen, wo sie können.

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