Zwei Doulas wollen zeigen, warum die Phase der Mutterwerdung so wichtig ist.
Zwei Doulas wollen zeigen, warum die Phase der Mutterwerdung so wichtig ist. privat
Interview

Zweite Pubertät? Doulas erklären das Phänomen der "Muttertät"

09.05.2022, 17:4918.05.2022, 10:11

Coole Mütter sind die, denen man gar nicht anmerkt, dass sie Kinder haben – so suggeriert es die Gesellschaft oft. Sie hören ihren Freundinnen genauso aufmerksam zu, arbeiten genauso hart und sehen so sexy aus wie früher. Ein Ideal, das unmöglich zu erreichen ist, denn: Ein Kind zu bekommen ändert nicht nur den gesamten Alltag radikal, sondern oft auch die Person selbst. "Muttertät" nennen Natalia Lamotte und Sarah Galan dieses Phänomen, in Anlehnung an die Entwicklungsphase der Pubertät.

Die Schwestern kommen aus Süddeutschland. Beide sind selbst Mütter und hatten ursprünglich BWL studiert. Während der Corona-Pandemie haben sie beschlossen, ihre Karriere zu ändern und eine Ausbildung zur Doula zu machen. Als "Schwesterherzen-Doulas" wollen sie Frauen während der Schwangerschaft und danach unterstützen – bei ihrer Muttertät. Warum die Gesellschaft Mütter viel mehr unterstützen muss, erklären sie im Interview mit watson.

Vor ihrer Doula-Ausbildung studierten die beiden Schwestern BWL.
Vor ihrer Doula-Ausbildung studierten die beiden Schwestern BWL.privat

watson: Ihr habt den Begriff der "Muttertät" erfunden, der ja erst mal recht sperrig klingt. Wie kamt ihr auf den Begriff und was bedeutet er?

Natalia und Sarah: Wir sind zufällig auf den englischen Begriff "maternesence" im Internet gestoßen und wurden neugierig, was das ist. Wir haben festgestellt, dass es hier leider in Deutschland total unbekannt und kein Begriff ist. Das Englische ist angepasst an "adolescence", also die Adoleszenz, die Phase der Jugend und Pubertät. Man könnte diese Phase der Mutterwerdung also auch Matreszenz nennen, wenn man beim lateinischen Fachausdruck bleiben will.

"Wenn ich das Muttersein jetzt nicht nur super schlimm finde oder nur happy bin, was bin ich dann?"

Und warum habt ihr euch für einen anderen Namen entschieden?

Wir hatten zuerst mit Matreszenz angefangen und dann gemerkt, dass es eine Blockade gab, das auszusprechen und sich das Wort auch niemand gemerkt hat. Dann haben wir das Muttertät genannt, in Anlehnung an die Pubertät. Zwar klingt das nicht so sexy und die Pubertät hat auch nicht so einen guten Ruf. Aber letztendlich ist der Begriff recht selbsterklärend und er hilft, deutlich zu machen, dass es um körperlich, psychisch und soziale Veränderungen geht. Dass es eine Phase ist und nicht einfach ein paar Tage dauert, sondern eine längere Zeit. Ein paar Monate auf jeden Fall.

Ist die Muttertät also eine Art Selbstfindung einer Frau als Mutter?

Man hat so die Erwartung, du bist Mutter und weißt dann genau, wie es läuft und da sind genau die richtigen Gefühle: mit einem Knopfdruck funktioniert alles. Aber tatsächlich spüren die meisten, dass es ein Werden ist. Man wartet immer darauf, bis wieder alles so wird wie früher, aber so wie früher wird es einfach nie mehr. So wie ein Kind, wenn die Pubertät abgeschlossen ist, nie wieder zum Kind wird. Es gibt ja nichts, was irgendwie reversibel ist.

Welche Gefühle begleiten Mütter in der Muttertät?

Es gibt in der gesellschaftlichen Vorstellung nur Extreme: Die Depression, wenn man Mutter wird oder Regretting Motherhood, also dass man dauerhaft bereut, Mutter geworden zu sein. Oder dieses Mantra, dass man 24 Stunden am Tag dankbar und glücklich ist, dass man endlich das Glück und den Sinn seines Lebens gefunden hat und dieses Kind einen einfach erfüllt, nonstop. Das ist auch so ein Narrativ. Dazwischen fehlt es an Möglichkeiten, sich zu artikulieren. Wenn ich das Muttersein jetzt nicht nur super schlimm finde oder nur happy bin, was bin ich dann?

Also widersprüchliche Gefühle?

Ja. Das war etwas, was bei mir oft ein schlechtes Gewissen hervorgerufen hat, weil ich dachte: Wie kann ich in einer Sekunde denken, ich werde wahnsinnig vor Wut und in der nächsten Sekunde empfinde ich eine Liebe wie noch nie zuvor? Ich erinnere mich, wie ich einmal fröhlich zum Kindergarten ging, ich habe mich auf die Kinder gefreut und schon fünf Minuten nach dem Abholen habe ich mir gewünscht, sie wieder in die Kita zu geben, weil es schon in diesen paar Minuten so anstrengend war, dass ich eine Pause brauchte. Da dachte ich: Was bist du für eine Mutter? Du hast dich eben noch auf sie gefreut und jetzt sind sie dir schon zu anstrengend. Eine Erklärung dafür zu haben, die nicht pathologisch ist, für den schnellen Wechsel all dieser widersprüchlichen Gefühle, hilft.

"Wenn du etwas benennen kannst, dann kannst du es auch beherrschen."

Macht die konkrete Benennung es einfacher, diesen Zustand zu akzeptieren?

Auf jeden Fall. Man hat mehr Verständnis für sich selbst. Das erleichtert das Sprechen darüber. Man sagt ja, wenn du etwas benennen kannst, dann kannst du es auch beherrschen. Früher bei Jugendlichen, bevor diese Entwicklungsphase offiziell von der Psychologie als Pubertät bezeichnet wurde, hieß es, die sind durchgedreht. Man hat den Kindern ein großes Geschenk gemacht, als man ihnen diese Entwicklungsphase zugestanden hat, das benannt und dann gesagt hat, es ist okay.

Warum?

Dann erst konnten die Jugendlichen für sich selbst eine Art Mitgefühl oder besseres Verständnis haben, aber auch von ihrer Umgebung. Wir hoffen, wenn es für diese Entwicklungsphase der Mütter einen festen Begriff gibt, dann gibt es auch von der Gesellschaft mehr Empathie und Verständnis, Nachsicht und Unterstützung. Um bei dem Vergleich zur Pubertät zu bleiben: Du gehst ähnliche Veränderungen durch, aber du hast dazu noch ein Kind. Du kannst dich jetzt nicht nur auf dich fokussieren und erst mal klarkommen mit dieser Sturm- und Drang-Phase, sondern bist nebenbei bis zu 24 Stunden zuständig für jemanden.

"Diese Veränderung ist so stark, dass sogar Scans von Gehirn erkennen können: Ist sie eine Mutter oder keine Mutter?"

Wie tiefgehend sind diese Änderungen in der Muttertät denn?

Die Forschung konnte in den letzten sechs Jahren zeigen, dass durch die Veränderungen der Hormone in der Schwangerschaft und Geburt tatsächlich auch das Gehirn verändert wird. Die Struktur der grauen Masse wird verändert, es entstehen neue Verbindungen dadurch, dass die erst erhöhte Hormonkonzentration nach der Geburt so stark und rapide abfällt. Verbindungen, die nicht gebraucht werden, fallen raus und die, die jetzt notwendig sind, werden verstärkt. Und das gibt es sonst im Leben tatsächlich nur in der Pubertät. Diese Veränderung ist so stark, dass sogar Scans von Gehirn erkennen können: Ist sie eine Mutter oder keine Mutter?

Eine beeindruckender Beweis dafür, wie man sich als Mutter verändert. Gibt es noch andere Ebenen der Veränderung?

Wir sprechen von fünf Ebenen: Da ist die körperliche Ebene, die die Veränderung des eigenen Körpers mit Schwangerschaft und Geburt umfasst. Die Beziehungsebene, also die Beziehung zum Partner oder Partnerin, Geschwistern, Eltern und Freunden. Dann gibt es die Persönlichkeitsebene, die auch die emotionale Veränderung beinhaltet. Die Gefühlsskala wird erweitert, die Hochs werden höher und die Tiefs tiefer. Außerdem die Weltanschauungsebene, also z.B. das Umweltbewusstsein, der Glaube oder das politische Wahlverhalten kann sich verändern. Und die fünfte Ebene ist die berufliche, denn man bekommt einen anderen sozialen Status in der Gesellschaft, wenn man Mutter wird. Es kann beobachtet werden, dass Mütter häufig neu gründen, weil sie auf einmal den Drang verspüren, sich beruflich zu verändern, um ihrer Arbeit einen anderen Sinn zu geben oder sie haben plötzlich ganz andere Prioritäten und reduzieren ihre Arbeitszeit.

Und diese Veränderung passiert bei jeder Geburt oder nur bei der ersten?

Jedes Mal aufs Neue. Man sieht auch Veränderungen vor oder nach weiteren Schwangerschaften und Geburten. Aber die stärkste Veränderung in der Gehirn-Struktur ist beim ersten Mal. Was wir wissen, ist, dass diese Änderung stärker gespürt wird oder intensiver ist, wenn man sich dagegen wehrt. Und das ist ja das, was dieser Leistungsdruck auf Mamas in der westlichen Gesellschaft macht.

Meinst du einen Leistungsdruck auf das Muttersein oder den Druck, trotz Muttersein zu performen?

Der Anspruch ist: Wenn du Mutter bist, arbeite so, dass man es dir nicht anmerkt und sieh so aus, dass man es dir nicht anmerkt. Und auf dem Spielplatz darf man dir wiederum die Arbeit nicht ansehen, du solltest auch nicht so schön angezogen sein, sonst heißt es: "Also wenn die Zeit hat, sich so herzurichten für den Spielplatz, dann wissen wir ja, dass das Kind zu Hause überhaupt nicht beachtet wird." Das ist ein krasser Druck, dass man die Veränderung nicht anmerken darf. Aber je länger oder je stärker man versucht, sich gegen Veränderung zu wehren, umso intensiver wird sie.

"Das ist ein krasses Event, das du da erlebst und man soll es dir nicht anmerken, das ist schon schwierig. Du bist eine coole Mutter, wenn man dir nichts anmerkt."

Erschweren diese gesellschaftlichen Ansprüche an Mütter die Muttertät?

Je nachdem, in welcher Kultur du lebst, ist die Erwartung hoch, dass du nach der Geburt genauso weitermachst, als wäre nichts passiert. Das ist ein krasses Event, das du da erlebst und man soll es dir nicht anmerken, das ist schon schwierig. Du bist eine coole Mutter, wenn man dir nichts anmerkt. Wenn ich das schon höre: "Da merkt man gar nicht an, dass sie drei Kinder hat." Ist das positiv gemeint oder wie sollte ich denn sein, wenn ich drei Kinder habe? Wie sollte ich mich denn verhalten, damit ich wie eine dreifache Mutter wirke?

"Spätestens wenn das Kind da ist, rückst du gesellschaftlich aus dem Fokus."

Was passiert, wenn man keine Unterstützung in der Muttertät bekommt?

Diese Phase, diese ersten Wochen oder Monate nach der Geburt, sind sehr anfällig für psychische Krankheiten oder Depressionen. Es gibt eine 34 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, dass Mütter eine postnatale Depression bekommen, wenn sie wenig Unterstützung in dieser Zeit haben. In der Schwangerschaft ist man ja eigentlich wegen des Kindes die ganze Zeit bei Untersuchungen. Aber spätestens, wenn das Kind da ist, rückst du gesellschaftlich aus dem Fokus. Geburts-Geschenke gibt es nicht für die Mutter, es gibt nur was fürs Kind. Es gibt es sechs Wochen nach der Geburt einen Termin beim Frauenarzt und das war's. Mit dem Kind bist du quasi permanent beim Kinderarzt. Aber nimmt der Mutter nach der Geburt irgendwer Blut ab und schaut, wie schaut es aus mit ihren Vitaminen, wie gut hat sie sich erholt?

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