Aufräumen für den Besuch von Freunden? Zu viel Stress! Da bleibt unsere Autorin lieber alleine.
Aufräumen für den Besuch von Freunden? Zu viel Stress! Da bleibt unsere Autorin lieber alleine.Bild: iStockphoto / LightFieldStudios
watson-Kolumne

Warum mich mein Sozialleben stresst – obwohl ich es mir als Mutter so sehr wünsche

20.02.2022, 13:5021.02.2022, 07:55

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Wie oft sitze ich nachmittags mit zwei Kindern zu Hause, während ich das Bloß-keine-Anstrengung-Programm fahre. Heißt: keine Verabredungen, keine Unternehmungen. Einfach nur der normale Wahnsinn. Heißt auch: keine Vorbereitungen. Nicht putzen müssen, nichts Besonderes einkaufen müssen. Und während ich zwischen Zahlen-Dino, Babyrassel und Tony T-Rex sitze, wünsche ich mir nichts mehr, als eine Gleichgesinnte neben mir zu haben, mit der ich zumindest zwischendurch zwei Erwachsenen-Sätze reden kann. Oder die den Milchschaum schlägt, während ich die Kinder in Schach halte.

Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonunglos ehrlich.
Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonunglos ehrlich.bild: emmy lupin studios
Unsere Autorin...
...wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Das Paradoxe ist: Stehen keine Termine oder Verabredungen für den heutigen Tag an, ist es für mich am entspanntesten. Und gleichzeitig bin ich frustriert. Natürlich würde ich endlich mal gerne diese eine nette Kindergarten-Mutter mit Sohn einladen, um den Nachmittag gemeinsam zu verbringen. Was mich daran hindert? Die Vorstellung, den chaotischen Frühstückstisch, das mit Spielsachen und Spucktüchern überladene Wohnzimmer und den Dreck der Schuhe im Flur im Laufe des Vormittags in den Griff zu bekommen.

"Ich weiß selbst, dass ich mich bei Fremden unwohl fühle, wenn die Bude einem Messie-Haushalt gleicht."

Natürlich weiß ich, dass diese Mutter sagen würde: 'Bloß nicht!', sie störe das überhaupt nicht. Mich aber. Weil ich so nicht gepolt bin und meine Ansprüche nicht ablegen kann. Ich weiß selbst, dass ich mich bei Fremden unwohl fühle, wenn die Bude einem Messie-Haushalt gleicht. Irgendetwas sagt es immer über den Menschen aus. Auch wenn ich mit einem Vierjährigen und einem drei Monate alten Baby gerade allen Grund hätte, einen unaufgeräumten Haushalt und ein ungeputztes Haus vorzuweisen, stresst mich der Gedanke. Also lasse ich das Treffen lieber sein.

Freunde einzuladen, bedeutet zu viel Stress

Früher habe ich es geliebt, Freunde zum Frühstück einzuladen. Ich suchte nach außergewöhnlichen Breakfast-Bowl-Rezepten, zauberte pochierte Eier auf fancy Avocadobrot-Kreationen, presste frische Säfte, sorgte für eine hübsche Tischdecke oder zumindest einen Strauß Blumen am Tisch. Zur Geburt meiner Tochter wollten ein paar Freundinnen vormittags vorbeikommen, um sie kennenzulernen. Nach Wochen der Isolation und dem elenden Wochenbett freute ich mich wirklich sehr, sie zu sehen.

Und gleichzeitig stieg mit der Zusage mein Puls, wenn ich an die damit verbundenen To Dos dachte: zumindest ein nettes Rezept heraussuchen, Spezial-Zutaten besorgen, einen Teil davon am Abend vorher zubereiten. Und dann die größte Herausforderung meistern, am nächsten Morgen zwischen Kindergarten-Abgabe und vereinbartem Zeitpunkt den Tisch schön decken, Kaffee kochen und gleichzeitig das Baby wuppen, das genau jetzt nicht im Hochstuhl angegurtet sein möchte.

"In meinem Kopf rattert die Planung oder besser gesagt, der Mental Load."

Natürlich erwartet niemand auch nur einen Teil davon. Ich könnte einen Laib Brot mit Messer auf den Tisch stellen, dazu die Butter und ein angebrochenes Glas Marmelade. Kaffee bitte selbst kochen oder in der Zwischenzeit das Kind halten. Keiner meiner engen Freunde würde daran etwas bemängeln, keiner würde mich dafür verurteilen, jeder hätte Verständnis. Aber ich möchte das nicht. Weil ein lecker zubereitetes Frühstück Wertschätzung bedeutet. Somit ist mein Overnight-Porridge Ausdruck meiner Freude, dass uns jemand besucht, uns beschenkt – nicht nur mit Geschenken zur Geburt, sondern auch mit seiner Zeit.

Seit der Pandemie habe ich kaum Besuch von Freunden empfangen, die über Nacht blieben. Wenn doch mal jemand anreist, freue ich mich riesig. Mein Alltag mit Kindern bekommt so neuen Input, ein Schnuppern in frühere Lebenswelten, ein sich Auseinandersetzen mit anderen Themenbereichen, ein Updaten – Erwachsenengespräche. Und gleichzeitig bekomme ich Stress. In meinem Kopf rattert die Planung oder besser gesagt, der Mental Load. Denn es sind nicht die offensichtlichen Dinge wie das Gästezimmer vorbereiten, das sowieso unsere Haushaltshilfe erledigt.

Es geht um die vielen Kleinigkeiten, die im Hintergrund laufen und die dazu beitragen, dass sich hoffentlich alle wohlfühlen: Mahlzeiten planen, Kühlschrank füllen, Unternehmungen überlegen und ja, mein Erscheinungsbild planen, denn ich möchte ungern mit abgeranzter Leggings, fettigen Haaren und vollgespucktem Pulli erscheinen, wie es ohne Besuch aus Zeitgründen definitiv der Fall wäre. Also Haare waschen einplanen und rechtzeitig Wäsche waschen.

Der Weg des geringsten Widerstands

Das Ganze lässt sich auch umdrehen: Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn wir spontan übers Wochenende Freunde oder Familie besuchen würden. Auto beladen, losfahren und einfach mal raus. Was mich abhält? Packen für mich und beide Kinder, Stausituationen mit brüllendem Baby und Wann-sind-wir-endlich-da-Endlosschleifen sowie der Gedanke des Versuchs, mit zwei Kindern und Hund eine fremde Wohnung möglichst nicht zu verwüsten oder wahlweise zu viert in einem zu kleinen Hotelbett zu schlafen, ohne dass einer dabei zu Schaden kommt. Also lassen wir es mal wieder bleiben, wählen den Weg des geringsten Widerstands und ärgern uns, dass wir seit Monaten nur noch zu Hause herumhängen.

"Ich glaube, ich tendiere zu einem Leben, in dem ich mich entweder mit meiner Familie beschäftige oder Zeit mit meinen Freunden verbringe – ohne Anhang."

Ja, es ist widersprüchlich. Denn ich wünsche mir gerade als Mutter mehr Kontakt, mehr Gemeinschaft, mehr Erlebnisse, mehr Erwachsenen-Kommunikation. Und gleichzeitig sehne ich mich danach, durch die Tage zu gleiten, ohne auch nur einen mehr als nötigen Funken Energie aufwenden zu müssen.

Das Ergebnis? Isolation, fehlende Highlights und Frust. Stattdessen warte ich ein weiteres Mal auf die Zeit, in der ich alleine mit Freundinnen verreisen, abends ohne Kind ein Restaurant besuchen und mich zum Frühstücken verabreden kann, nachdem ich die Kinder im Kindergarten abgeliefert habe. So schön die Vorstellung eines unkomplizierten Grillsonntags bei uns im Garten mit Freunden und ihren zig Trillionen Kindern klingt, ich glaube, ich tendiere zu einem Leben, in dem ich mich entweder mit meiner Familie beschäftige oder Zeit mit meinen Freunden verbringe – ohne Anhang.

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