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Manche Kinder merken früh, dass ihr äußeres Geschlecht nicht mit ihrem inneren Empfinden übereinstimmt. Bild: iStockphoto / IURII KRASILNIKOV
Gesundheit & Psyche

Pubertätsblocker-Debatte: Warum sie trotz Nebenwirkungen wichtig sind

15.10.2022, 10:1715.10.2022, 11:20

Sich in seinem eigenen Körper, der nach primären Geschlechtsorganen zugewiesenen Rolle, nicht wohl zu fühlen, das ist eine psychisch belastende und ernst zu nehmende Situation für Kinder und Jugendliche.

Das Thema Transgender hat durch den jahrzehntelangen Kampf von Trans-Persönlichkeiten wie der Grünen-Politikerin Tessa Ganserer, weltweite Pride-Paraden, aber auch durch Prominente wie Caitlyn Jenner in den sozialen Medien inzwischen eine bemerkenswerte gesamtgesellschaftliche Relevanz und Aufmerksamkeit erreicht.

Auch die Bundesregierung trägt dem Rechnung und hat mit der Aufklärungsseite "Regenbogenportal" eine Informationsstelle für Betroffene geschaffen, für die das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) redaktionell verantwortlich ist.

Doch nun gibt es Aufruhr um eine Empfehlung, die auf diesem Portal unter dem Kapitel "Jung und trans*" zu finden ist. Im Text heißt es, bezüglich der Veränderungen der sekundären Geschlechtsmerkmale, die mit der einsetzenden Pubertät im Körper stattfinden und das Geschlecht auch äußerlich verstärkt sichtbar machen:

"Wie kann ich meinen Körper an mein Gefühl anpassen?

Mit 'Pubertätsblockern' kann man verhindern, dass der Körper sich in eine Richtung verändert, die man nicht möchte. So hat man erst mal eine Atempause, um sich über den eigenen Weg klar zu werden: Vielleicht findest du die Entwicklung, die dein Körper von sich aus nimmt, später doch passend. Dann reicht es, die 'Pubertätsblocker' nicht mehr zu nehmen (sprich das aber mit einer_m Ärzt_in ab!)."
Regenbogenportal.de Bundesministerium für familie, senioren, frauen und jugend (bmfsfj)

Die genannten "Pubertätsblocker" werden als Medikament in der Therapie bei Trans-Jugendlichen und Kindern angewandt, um die Pubertät hormonell zu unterdrücken. Diese sind jedoch inzwischen aufgrund ihrer erheblichen Risiken, Nebenwirkungen und Folgen nicht mehr unumstritten.

Über diese Empfehlung hat sich die ehemalige Bundesfamilienministerin Julia Klöckner im Kurznachrichtendienst Twitter kürzlich empört – darauf folgende Reaktionen, unter anderem vom Queer-Beauftragten der Bundesregierung, Sven Lehmann, inklusive:

Auf Twitter kursiert als Antwort auf Klöckners Tweet zudem eine Aufnahme der "Way Back Machine", einem digitalen Archiv des Internets, die zeigt, dass der umstrittene Text bereits im August 2020 auf dem Portal zu finden war. Klöckner war zu dieser Zeit zwar nicht Familien-, aber als Landwirtschaftsministerin Teil der Regierung.

Unabhängig von der Twitter-Debatte: Was genau bewirken diese Pubertätsblocker und wie ist eine Empfehlung dieser Medikamente durch das BMFSFJ einzuordnen?

Die Psychotherapeutin Dr. Rafaela Wingen behandelt Kinder und Jugendliche, die sich fremd in ihrem Körper fühlen.
Die Psychotherapeutin Dr. Rafaela Wingen behandelt Kinder und Jugendliche, die sich fremd in ihrem Körper fühlen.bild: privat / Dr.Rafaela Wingen

Watson hat die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Rafaela Wingen gefragt, welche therapeutischen Methoden empfehlenswert sind.

watson: Pubertätsblocker werden auf der Webseite "Regenbogenportal" als Möglichkeit genannt, die Pubertät und für Trans-Kinder damit verbundene, schwierige Entwicklungen des Körpers zu stoppen. Was halten Sie davon?

Rafaela Wingen: Grundsätzlich haben die Pubertätsblocker bei der sogenannten Pubertas Praecox, der vorzeitigen Pubertät durchaus ihren Sinn. Teilweise sind die betroffenen Kinder erst vier oder fünf Jahre alt. Ohne die medikamentöse Gabe der hormonähnlichen Substanz der Pubertätsblocker würde bei diesen Kindern enormer Leidensdruck entstehen. Die Gabe bei transgeschlechtlichen Jugendlichen ist eine Abwägungsfrage von Geschlechtsdysphorie (Anm. d. Red. Transsexualität) und Nebenwirkungen.

Was genau wäre denn die Abwägung?

Die Persönlichkeitsentwicklung ist erst mit 16 Jahren, also nach der Pubertät vollständig abgeschlossen. Eine Diagnose wie "Persönlichkeitsstörung" darf in der Psychologie beispielsweise daher auch erst ab einem Alter von 16 Jahren vergeben werden, weil sich bis dahin die Persönlichkeit formiert und erst dann ausgereift ist.

"Die Libido wird durch die medikamentöse Gabe unterdrückt. Die Patienten sind nicht in der Lage, sich mit ihren sexuellen Begierden auseinanderzusetzen."

Die geschlechtliche Identität bildet sich deutlich früher. Eine Geschlechtsdysphorie aber meist später als die Identität und häufig in Abhängigkeit zur Persönlichkeitsentwicklung in der Pubertät. Das Gefühl, sich im falschen Körper zu befinden, entsteht, wenn sich der Körper gefühlt falsch und nicht zum eigentlichen Identitätserleben passend entwickelt. Wenn die körperliche Entwicklung gestoppt wird, wird auch die transgeschlechtliche Entwicklung gestoppt. Die weitreichende Entscheidung, die eigene sexuelle Entwicklung zu unterbrechen, kann erst jemand treffen, dessen Persönlichkeitsentwicklung mit 16 Jahren vollständig abgeschlossen ist. Mit 16 Jahren wäre es aber für die Gabe von Pubertätsblockern zu spät.

Was passiert genau nach der Einnahme der Blocker?

Die Libido wird durch die medikamentöse Gabe unterdrückt. Das bedeutet, dass die Patienten nicht in der Lage sind, sich mit ihren sexuellen Begierden auseinanderzusetzen.

Sind Pubertätsblocker tatsächlich so unbedenklich, wie es im "Regenbogenportal" suggeriert wird? Welche Erkenntnisse über Neben- oder Langzeitwirkungen gibt es?

Unbedenklich sind sie nicht. Es gibt Studien, die bei längerer Einnahme einen Rückgang der kognitiven Leistungsfähigkeit nachweisen, der bei Absetzen des Medikamentes nicht reversibel ist. Tierexperimente haben gezeigt, dass es zu einer Verschlechterung der räumlichen Orientierung und der Emotions- und Verhaltenskontrolle kam. Zudem gibt es Hinweise auf eine Veränderung der Knochendichte. Auch eine vollständige Wiederherstellung der Libido nach Absetzen der Blocker ist nicht gesichert.

"Meine Empfehlung ist, vor Abschluss der Persönlichkeitsentwicklung andere Möglichkeiten eingehend zu prüfen."

Und die Pubertät setzt wieder ein, sobald man die Blocker absetzt?

Ja, nach Absetzen des Medikamentes wird die Pubertät wieder in Gang gesetzt.

Welche therapeutischen Alternativen zu Pubertätsblockern gibt es?

Eine Pubertät medikamentös zu arretieren, bedarf einer sehr eingehenden Prüfung. Meine Empfehlung ist, vor Abschluss der Persönlichkeitsentwicklung andere Möglichkeiten eingehend zu prüfen. Beispielsweise eine Psychotherapie, die das Identitätserleben geeignet hinterfragt und die möglichen verborgenen, sexualisierten Wünsche einer Geschlechtsdysphorie aufdeckt.

"Die Entwicklung in der Gesellschaft im Hinblick zu mehr Akzeptanz führte zu einem rasanten Anstieg der transgeschlechtlichen Personenzahl."

Die Entwicklung in der Gesellschaft im Hinblick zu mehr Akzeptanz und Aufklärung, die größere Aktualität des Themas durch die geplante Änderung des Transsexuellengesetzes führte in den letzten Jahren zu einem rasanten Anstieg der transgeschlechtlichen Personenzahl. Das Aufgreifen des gesamtgesellschaftlichen Trends, dass immer mehr Jugendliche ein Identitätserleben haben, das nicht im Einklang mit ihren körperlichen Geschlechtsmerkmalen steht, muss in der Überlegung einer medikamentösen Gabe eine Rolle spielen. Zudem muss die Verarbeitung erfahrener Traumata und eine damit einhergehende Abwehr dessen durch transgeschlechtliches Verhalten erkannt werden.

Geplante Änderung des Transsexuellengesetzes

Transgeschlechtliche Menschen müssen nach aktuell geltendem Gesetz, zwei psychiatrische Gutachten vorlegen, um ihren Personenstand im Pass ändern zu dürfen.

In den zusätzlich auszufüllenden Fragebögen für die Begutachtung tauchen unter anderem Fragen wie diese auf: Wie oft masturbieren Sie durchschnittlich innerhalb eines Monats? Falls Sie das Erscheinungsbild eines Mannes haben, tragen Sie dann weibliche Unterwäsche, um sich zu stimulieren? Abgefragt werden auch gelebte Sexualität und sexuelle Fantasien.

Seit vielen Jahren kämpfen Betroffene und die queere Community für die Abschaffung des diskriminierenden Transsexuellengesetzes (TSG) zugunsten eines modernen Selbstbestimmungsgesetzes. Die Ampelkoalition möchte dies nun umsetzen.

Corona-Regeln: Wo die Maske fällt und wo man sie noch braucht

Der Februar hatte es als Monat die letzten Jahre in sich – zumindest gefühlt: Zwar begann die Corona-Pandemie offiziell erst am 11. März 2020, als die Einstufung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als solche folgte. Doch die meisten dürften den Februar als Beginn der Pandemie abgespeichert haben, als in Deutschland die ersten Infektionscluster während des Karnevals in den Landkreisen Göppingen (Baden-Württemberg) und Heinsberg (Nordrhein-Westfalen) festgestellt wurden.

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