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Jay wurde nach seinem Coming-Out gemobbt, auch in den sozialen Netzwerken. (Symbolbild) Bild: iStockphoto

"Du solltest dich umbringen" – Transmann spricht über Mobbing, das er nach seinem Coming-out erfuhr

"Scheiß Transe", "Du bist kein Mensch", "Dich sollte man vergewaltigen", alles Sprüche, die weder rhetorisch gewandt noch lustig sind. Sie haben nur eine Funktion: einen Menschen zu verletzen, bestenfalls zu zerstören. Und obwohl es in einer funktionierenden Gesellschaft klar sein sollte, solche Sätze eben nicht zu jemanden zu sagen, fallen sie doch recht schnell.

Jay (Name von der Redaktion geändert) hörte sie im Unterricht, auf dem Pausenhof, vor seiner Haustür. Kaum war er daheim, ging es weiter. Jedes Mal, wenn er Instagram oder Facebook öffnete, las er feindselige Kommentare. Dafür musste er lediglich ein Bild posten, etwa von einem Spaziergang oder einem Eisbecher. Das Gezeigte war egal, die Leute wollten ihn.

Der Grund: Er ist Trans. Schon als Kind fühlte Jay sich nicht wohl als Mädchen. Doch bis er seinen Eltern erzählte, dass ihre Tochter eigentlich ein Mann ist und auch eine Frau heiraten möchte, vergingen einige Jahre – voller Mobbing und dummer Sprüche.

Damals kam er damit nicht zurecht, fühlte sich unterdrückt, verletzt. Heute steht er da drüber, wirkte sogar an einer Anti-Cybermobbing-Kampagne der Deutschen Telekom mit. Der Weg dorthin war jedoch lang. Ein Gespräch über Lehrer, die wegsehen, Fremde, die grundlos beschimpfen und die Angst, nirgendwo dazuzugehören.

Wissen und verstehen

Transmänner sind Menschen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde, die sich jedoch als Mann identifizieren.

Transfrauen sind umgekehrt Menschen, die sich entgegen der anfänglichen Zuweisung des männlichen Geschlechts als Frau identifizieren.

Transsexuell ist in Deutschland ein juristischer Ausdruck, der von vielen auch im Alltag benutzt wird. Kritiker bemängeln jedoch, dass die Endung -sexuell den Eindruck entstehen lässt, dass es um die Sexualität und nicht um die Geschlechtsidentität eines Menschen geht. Der Begriff Trans ist der Versuch, einen Begriff ohne Wertung zu verwenden.

"Ich lernte, den Fehler nicht bei mir zu suchen."

Über Instagram sprichst du mit Menschen, die Probleme mit Mobbing haben. Mit dem Thema hast du eigene Erfahrungen. Wie fing das bei dir an?

Früh. Da ich mich schon als Kind nicht wohlfühlte und mein Kleidungsstil nicht dem typischen Mädchenbild entsprach, fielen bereits in der Grundschule Beleidigungen wie Mannsweib. Mitschüler und Mitschülerinnen sahen, dass ich anders bin. Auf der weiterführenden Schule wurde es noch schlimmer. Da wandten sich alle ab, bis ich allein war. Freunde hatte ich dort keine. Irgendwann beschränkten sich die Angriffe nicht mehr nur auf die Schulzeit, im Internet ging es weiter. Viele verletzende Kommentare und Nachrichten gingen bei mir ein. "Du wirst nie ein richtiger Mann sein", "Dich sollte man vergewaltigen", "Scheiß Transe", "Du bist kein Mensch", "Du solltest dich umbringen" beispielsweise.

Steckten hinter diesen Sprüchen deine Mitschüler oder auch Menschen, die du nie gesehen hast? Solche, die die Anonymität nutzen, um anderen zu schaden?

Unter anderem. Ich komm aus einem kleinen Ort in Bayern, wer dort nicht einer Norm entspricht, wird schnell zum Gesprächsthema. Übers Internet konnte man meine Profile in den sozialen Medien schnell aufspüren und loslegen, wenn man wollte. Das steigerte meinen Bekanntheitsgrad – im negativen Sinne. Die Leute erkannten mich auf der Straße und riefen mir Beschimpfungen hinterher. Manche drohten mir sogar Gewalt an.

Das bedeutet, dass du nicht eine Minute Ruhe vor den Angriffen hattest.

Und genau das ist das Problem am Internet, es verfolgt einen den ganzen Tag. Ein Blick aufs Handy reichte, um zu sehen, dass mich wieder jemand beschimpft hat. Einfach ausmachen und gut war da nicht. Das ist heutzutage wahnsinnig schwer.

Jetzt gibt es auch Menschen, die raten, einfach den Rechner auszumachen, dann höre das schon auf. Musstest du dir den Satz auch anhören? Wie hast du ihn empfunden?

Den habe ich auch mal gehört. Der Spruch ist neunmalklug – und völliger Quatsch. Man müsste sich vollständig abkapseln, damit das aufhört. Das nimmt noch mehr Lebensqualität. Man weiß nie, wo die Grenze bei einem Menschen ist. Was für den einen nicht schlimm ist, kann den anderen aufs übelste verletzen. Es wird zu häufig unterschätzt, was vermeintlich harmlose Sätze anrichten können.

Bis dahin wusste noch niemand, dass du Trans bist.

Mein Coming-out kam eine Weile später. Nach der zehnten Klasse wollte ich mein Abi an einer anderen Schule machen, das wollte ich als Möglichkeit nutzen. Ich saß an dem Tag zu Hause und schrieb meinen Eltern einen Brief. Ihnen das persönlich erzählen, konnte ich nicht. Danach lief ich zum Friseur und schnitt meine Haare ab, es war wahnsinnig befreiend. So sehr, dass ich kurz bereute, es nicht früher gemacht zu haben.

"Meine Familie, Partnerin und ein paar Freunde betonten immer wieder, dass mich die Kommentierenden nicht kennen."

Was sagten deine Eltern zu dem Brief?

Zuerst hatte ich Angst, nach Hause zu kommen. Nachdem ich ihnen den Brief hingelegt hatte, war ich den restlichen Tag unterwegs. Irgendwann musste ich mich ihnen stellen. Ich weiß noch, dass ich zitternd in die Wohnung kam und meinen Eltern erklärte, ihr kleines Mädchen ist eigentlich ein Mann und möchte eine Frau heiraten. Darauf kamen sie auf mich zu und versprachen mir, mich immer zu unterstützen. Das taten sie auch. Bis heute helfen sie mir, meine Anträge zu schreiben, haben ein offenes Ohr für mich, begleiten mich zu meinen Operationen. Selbstverständlich hatten sie etliche Fragen, aber ich habe gelernt: Umso offener man mit allem umgeht, umso offener sind auch die Reaktionen. Im Grunde war alles wunderbar – und dann fing die Schule wieder an.

Die Geschichte hat sich quasi wiederholt?

Genau, auch da beleidigten mich meine Mitschüler. Doch nicht nur die, auch die Lehrer mischten mit, machten Andeutungen, fragten, wieso ich meine Haare abschnitt, weil es vorher doch so hübsch aussah. Manchmal zwangen sie mich, das Damen-WC zu benutzen. Irgendwann vermied ich, auf die Toilette zu gehen. Gerade zu Anfang war das schlimm für mich. Sobald ich versuchte, ich selbst zu sein, warfen mich die Kommentare wieder aus der Bahn. Das hat mich wahnsinnig verunsichert, weshalb ich mich isolierte. Ich brach die Schule nach dem ersten Halbjahr ab, es war für mich die einzige Möglichkeit, das Chaos zu ordnen, das die Menschen anrichteten. Zwei Monate lebte ich in Isolation, bekam nichts mehr mit. Natürlich konnte das nicht ewig so weitergehen. Die Menschen hatten zu viel Macht über mich, was ich irgendwann nicht mehr zulassen wollte.

Beschimpfungen lassen sich nicht einfach ausblenden, besonders nach so langer Zeit. Wie konntest du das verarbeiten?

Einfach war das nicht. 16 Jahre meines Lebens habe ich an diese Leute verschwendet. Meine Familie, Partnerin und ein paar Freunde betonten immer wieder, dass mich die Kommentierenden nicht kennen. Ihre Worte haben entsprechend kein Gewicht. Zusätzlich lernte ich, Fehler nicht bei mir zu suchen. Wenn mich Menschen grundlos beschimpfen, liegt es nicht an mir. Es dauerte einige Zeit, aber irgendwann schaffte ich, das zu verinnerlichen.

Wie ging es für dich weiter?

Ich habe dann eine schulische Ausbildung gemacht und lasse mich derzeit zum Erzieher ausbilden. Die Beschimpfungen nahmen mit der Zeit ab. Vielleicht wurden die Menschen einfach älter oder haben das Interesse verloren.

"Der Beleidigende ist das Problem."

Hat sich denn jemand im Nachhinein bei dir entschuldigt?

Es gibt viele Leute, die anfangs komisch auf mich reagiert haben und mit der Zeit merkten, dass ich auch ein ganz normaler Mensch bin. Manche haben sich auch hinterfragt, etwa, warum sie das nicht sofort akzeptieren konnten. Die Entschuldigungen habe ich dann angenommen, weil es nichts bringt, da langfristig einen Groll zu haben.

Mittlerweile klärst du auf Instagram Menschen in einer ähnlichen Situation auf, versuchst ihnen zu helfen. Wie hat das angefangen?

Ich nahm mir vor, meine Reichweite zu nutzen, um Menschen in einer ähnlichen Situation zu helfen. Mir ging es in erster Linie darum, ihnen zu zeigen: Wenn ich es schon schaffe, mich von dieser Situation zu lösen, schafft ihr das auch. Daher gehe ich mit dem Thema Transsexualität sehr offen um, erzähle von einzelnen Schritten, etwa den Operationen. Damit habe ich viele Menschen mit der Zeit erreichen können und bin aktiv drangeblieben. Mit Instagram habe ich angefangen und dann auch YouTube und TikTok genutzt. Ich wollte einfach, dass so viele Menschen wie möglich sehen, dass man alles erreichen kann, und viele dazu motivieren, nicht aufzugeben.

Wie sieht denn ein typisches Gespräch mit einem Betroffenen aus?

Ich rede mit ihm drüber, frage, warum er glaubt, diese Kommentare abzubekommen. Dadurch soll ihm bewusst werden, dass es eigentlich keinen Grund gibt – zumindest hoffe ich das. Wichtig ist, dass die Person lernt, dass sie selbst nicht schuld an den Beleidigungen ist. Vielmehr ist der Beleidigende das Problem.

Hast du denn mittlerweile deine Ruhe?

Nein, es gibt immer wieder Leute, die mich beleidigen. Trotzdem ist es viel weniger geworden. Ich denke, mein offener Umgang hat auch dabei geholfen, dass die Leute das Interesse verloren haben.

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