Bild

Oft fühlt man sich dem Elternteil näher, das ähnlich tickt. Bild: iStockphoto / RobertoDavid

Interview

"Ein Tabu": Psychologin über das heimliche Gefühl, ein Lieblings-Elternteil zu haben

Bist du ein Papa- oder Mama-Kind? Manchmal ist das selbst für Außenstehende deutlich erkennbar: Wenn auf jedem alten Familienfoto die Tochter auf dem Arm des Vaters hängt, zum Beispiel. Oder bis ins Erwachsenenalter eine Standleitung zu Mutti besteht. Nur zugeben will das eigentlich keiner. Wann entwickelt sich die Nähe zu einem "Lieblingselternteil" überhaupt? Verletzt das die Eltern? Und lässt sich fehlende Nähe im Erwachsenenalter nachholen?

Sandra Konrad arbeitet als promovierte Psychologin und Familientherapeutin in Hamburg und ist Autorin des Sachbuchs "Das bleibt in der Familie". Sie sagt, das Thema "geht tiefer, als man auf den ersten Blick denken würde". Für watson sprachen wir mit ihr darüber.

Sandra Konrad, Familienpschologin aus HamburgSandra Konrad, Familienpschologin aus HamburgSandra Konrad, Familienpschologin aus HamburgSandra Konrad, Familienpschologin aus Hamburg

Bild: Montage / Kirsten Nijhof/Piper Verlag

watson: Die meisten Menschen fühlen sich einem Elternteil näher als dem anderen. Woran liegt das?

Sandra Konrad: Oft daran, dass man sich von diesem Elternteil besser verstanden fühlt. Vielleicht, weil man ähnlicher tickt. Oder gleiche Interessen und weniger Konflikte hat.

Man schämt sich aber, diese Tatsache offen auszusprechen. Warum eigentlich?

Weil man niemanden verletzen möchte. Das ist besonders für Eltern ein Tabu, wenn sie sich einem Kind näher fühlen, als dem anderen. Auch deshalb, weil Harmonie manchmal mit Liebe verwechselt wird.

"Ich kann jemanden lieben, obwohl er mir in einigen Punkten sehr fremd bleibt und ich mich anstrengen muss, ihn zu verstehen."

Kann man seine Eltern denn gleichermaßen lieben und sich dennoch einem Elternteil näher fühlen?

Absolut. Liebe ist ja ein kompliziertes Gefühl – ich kann jemanden lieben, obwohl er mir in einigen Punkten sehr fremd bleibt und ich mich anstrengen muss, ihn zu verstehen. Da kann ja auch viel Sehnsucht nach mehr Nähe entstehen und großes Glück, wenn die Sehnsucht erfüllt wird.

Kann Nähe auch belasten?

Ja, denn andererseits entwickeln Kinder oft aus Liebe und zu starker Loyalität zu den Eltern auch Schuldgefühle, wenn sie die Eltern und deren Erwartungen enttäuschen. Da wird die Nähe dann wiederum als verpflichtend und beschwerend erlebt und der Elternteil, der einem mehr Freiheit schenkt, kann unbeschwerter geliebt werden.

Wie entsteht Nähe überhaupt?

Nähe heißt, einander vertraut zu sein. Zu wissen, dass man bei den Eltern Geborgenheit, Sicherheit und Trost findet. Das findet sehr früh, also bereits in der vorsprachlichen Säuglingszeit statt. Wir sind von Geburt an auf Bindung und Kontakt programmiert und schaffen diese Nähe über Berührungen, Augenkontakt und verbale Kommunikation, später auch über gemeinsame Aktivitäten. Wir brauchen andere Menschen, mit denen wir uns verbunden fühlen, und zwar unser gesamtes Leben lang.

Lässt sich Nähe auch im Erwachsenenalter noch aufbauen oder ist der Zug irgendwann abgefahren?

Nähe lässt sich unabhängig vom Alter aufbauen. Aber es ist dann eine andere Nähe, als wenn man mit den Eltern aufgewachsen ist und auf frühe Erfahrungen mit ihnen zurückgreifen kann. Wenn Kinder ohne ihre Eltern aufwachsen, entwickeln sie oft eine große Sehnsucht nach ihnen.

Wie ist das bei Adoptivkindern?

Für Adoptivkinder ist es im Rahmen ihrer Identitäts- und Spurensuche oft sehr wichtig, die leiblichen Eltern irgendwann kennenzulernen, um eine Lücke in ihrer Geschichte zu schließen. Ob und wie viel Nähe dann entsteht, ist von allen Beteiligten abhängig – wie sehr sich die Eltern um ihre Kinder bemühen und ob die Kinder den Eltern die langjährige Entfremdung verzeihen können.

"Häufig scheitern Annäherungsversuche zwischen Eltern und Kindern, weil sie zu starre Erwartungen haben und dann schnell voneinander enttäuscht sind."

Vorausgesetzt, Eltern und Kind wünschen sich mehr Nähe: Wie schafft man diese Schritte aufeinander zu?

Indem echtes Interesse besteht und dies auch signalisiert wird. Es geht ja darum, den anderen wirklich kennenzulernen. Häufig scheitern Annäherungsversuche zwischen Eltern und Kindern, weil sie zu starre Erwartungen haben und dann schnell voneinander enttäuscht sind.

Woran liegt das?

Oft wird zu wenig über die Gründe dafür gesprochen, warum überhaupt so wenig Nähe da war. Die alten Verletzungen sollten aber Raum bekommen und angesprochen werden, denn wer sich nicht gesehen und nicht sicher fühlt, wird sich nicht öffnen. Wir schaffen Nähe, indem wir achtsam miteinander umgehen und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen: Indem wir unser Verhalten reflektieren und uns entschuldigen, wenn wir jemanden verletzt haben. Und indem wir uns dazu entscheiden, zu verzeihen. Auch dies ist ein wichtiger Schritt, um sich einander wieder anzunähern.

Wie sieht das bei Scheidungskindern aus? Erzwingt die Trennung der Eltern eine Entscheidung, wer emotional "wichtiger" ist?

Nein, es gibt emotional reife Eltern, die das Wohl ihrer Kinder über die eigene Kränkung stellen. Sie funktionieren auch nach der Trennung noch gut als Elternteam und würden ihr Kind nie vor eine Entscheidung stellen à la: "Wen hast du lieber?" Eine Entfremdung kann dann entstehen, wenn Kinder in einen Loyalitätskonflikt verwickelt werden. Das ist allerdings für alle Beteiligten sehr gefährlich, denn nicht selten dreht sich die Loyalität zu einem späteren Zeitpunkt, wenn das Kind schließlich erkennt, dass es instrumentalisiert und gegen den anderen Elternteil aufgehetzt wurde. Wenn Eltern möchten, dass ihre Kinder möglichst wenig unter der Trennung leiden, tun sie alles dafür, dass der Kontakt zu beiden Eltern intensiv beibehalten wird.

Führt die Nähe zu einem Elternteil zu Eifersucht beim Anderen?

Je unreifer und bindungsunsicherer Eltern sind, desto gefährlicher kann eine gute Bindung zum anderen Elternteil auf sie wirken. Die Angst, weniger wichtig für das Kind zu sein oder weniger geliebt zu werden, ist aber viel früher entstanden – nämlich in der eigenen Kindheit, in der man sich der Liebe der Eltern nicht sicher war. Die gute Nachricht ist: Kinder lieben ihre Eltern zunächst einmal bedingungslos, auch wenn sie phasenweise mehr nach Mama rufen oder mehr bei Papa auf dem Schoß sitzen wollen. Diese Kränkung auszuhalten, ist etwas, was Eltern lernen müssen, um die Beziehung zu ihrem Kind nicht auf Dauer zu belasten.

Wenn man sich jemandem erst nahe fühlt, ist es oft viel leichter, weitere Nähe zu schaffen. Man ruft lieber an, führt tiefere Gespräche. Ist Nähe also selbstverstärkend?

Ja, denn je wohler wir uns fühlen, desto mehr Kontakt suchen wir. Aber es schafft auch sehr viel Vertrauen und Nähe, wenn es uns einmal gelungen ist, einen schwierigen Konflikt miteinander zu bewältigen. Nähe zeigt sich besonders auch in Krisensituationen, wenn wir uns fragen: Wer kann mich jetzt halten, wer kann mich trösten, bei wem kann ich mich so zeigen, wie ich wirklich bin? Das ist am Ende mehr wert als eine Schön-Wetter-Beziehung.

Meinung

Kinder im Dauerstress: Warum die Kindheit mit dem Kita-Besuch aufhört

Ilona Böhnke ist Erzieherin in Dortmund. In ihrer 40-jährigen Laufbahn hat sie eine wichtige Beobachtung gemacht: Kinder verbringen immer mehr Zeit in Kitas, deren Alltag ist durchgetaktet. Dass Spielen nach Stundenplan und das ständige Zusammensein in der Gruppe auch Arbeit für die Kinder bedeutet, wissen viele Erwachsene nicht. Böhnke warnt nun vor möglichen Folgen.

Morgens Mathe, dann Bildungsbereich Natur bis mittags. Nach der Mittagspause Entspannung, vielleicht noch eine Runde Malen oder Singkreis und dann noch Turnen, bis es wieder nach Hause geht.

Was auf den ersten Blick wie der Alltag von mindestens einem Grundschüler wirkt, ist tatsächlich ein ganz normaler Tag für ein Klein- oder Vorschulkind in der Kita. Zeit für freies Spielen? Bleibt da eigentlich gar nicht.

Viele der Probleme, die in deutschen Kitas vorherrschen, sind zwar immer noch nicht …

Artikel lesen
Link zum Artikel