Leben
Interview

Gender: Trans-Aktivist Duke erklärt – so fragt man nach den richtigen Pronomen

Duke lebt heute als Mann – und das ist für ihn selbstverständlich.
Duke lebt heute als Mann – und das ist für ihn selbstverständlich.bild: duke duong
Interview

Aktivist Duke Duong übers trans*-sein, Social Media und Pronomen

16.06.2023, 12:02
Mehr «Leben»

Wir befinden uns mitten im Pride Month – ein Grund zu feiern für Queers und Allies. Doch im Juni geht es nicht nur um Regenbogenflaggen, wilde Partys und Demonstrationen, sondern auch darum, Menschen so zu akzeptieren wie sie sind. Auch wenn sie anders sind als man selbst. Dafür setzt sich Aktivist Duke Duong unter anderem auf Instagram und Tiktok ein.

Im Interview mit watson erzählt er unter anderem, welche Rolle Social Media bei seinem Coming-out spielte und was für ihn Männlichkeit bedeutet. Außerdem gibt er Tipps, wie du Menschen nach ihren Pronomen fragst – ohne dass es unangenehm wird.

Duke musste nach seiner Transition seine eigene Definition von Männlichkeit aufstellen.
Duke musste nach seiner Transition seine eigene Definition von Männlichkeit aufstellen. bild: duke duong

Watson: Der Pride Month ist für viele queere Menschen das Highlight des Jahres, weil sie in der Öffentlichkeit sichtbar werden. Gibt es auch irgendwas, was dir Sorgen macht in diesem Monat?

Duke: Absolut. Je stärker so ein Thema in den Mittelpunkt gerückt wird, desto mehr Hass kommt zurück. Menschen sagen "Oh Gott, alles dreht sich jetzt nur um Pride! Ich sehe nur noch Regenbogenflaggen!" Das macht mir Sorgen. Ich sehe die vielen negativen Entwicklungen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Trans- und Queer-Feindlichkeit nehmen zu, durch bestimmte Narrative, die in den Medien erzeugt werden. Menschen werden angegriffen, sind Gewalt und Hass ausgesetzt. Wir müssen uns besonders im Pride Month und auf CSDs schützen.

Hass bekommt man auch im Netz zu spüren. Gleichzeitig können die Sozialen Medien Sichtbarkeit stärken. Welche Rolle haben sie bei deiner Transition gespielt?

Eine sehr große. Denn mir hat das Internet einen Zufluchtsort geboten. In Chats habe ich mich immer als Junge vorgestellt. Ich hatte einen Kanal, wo ich endlich ich sein konnte, weil ich es in Realität nicht sein konnte.

Wie hast du gemerkt, dass du trans bist?

Als ich einen anderen trans Mann kennengelernt hatte. Er hat mich gefragt, ob ich trans bin und ich wusste überhaupt nicht, was er meint. Ich kannte zwar das Wort Transgender, aber ich habe es nie auf mich bezogen. Erst als ich mich mit ihm unterhalten habe, war es für mich völlig klar.

Wie schwierig war es für dich, nach diesem Gespräch, zu dir selbst zu stehen?

Gar nicht so schwer. Ich habe schon mit 14 meine Haare kurz geschnitten. Zwei Friseursalons wollten das nicht tun, mein Dad hat das für mich getan. Ich war dann mit meiner Mom shoppen und habe mich äußerlich angepasst. So bin ich am nächsten Tag zur Schule gegangen. Alle meine Freund:innen waren geschockt, als sie mich gesehen haben. Einige dachten: "Haben wir einen neuen Schüler?"

Wie hast du deine Transitionsphase erlebt?

Du kommst in die Pubertät, entwickelst dich zur Frau und automatisch werden bestimmte gesellschaftliche Erwartungen an dich gestellt. Bei mir war es so, dass ich gemerkt habe, dass diese Erwartungen überhaupt nicht zu mir passen. Dann gab es eine Zwischenphase, in der alle mich misgendert haben und ich mich gefragt habe, wie ich eigentlich sein will. Es war eine wilde Reise, aber jetzt, nach fünf Jahren auf Testosteron, ist es für mich selbstverständlich, ein Mann zu sein. So selbstverständlich, dass ich mir manchmal der Privilegien, die ich jetzt habe, gar nicht mehr bewusst bin.

Hat sich durch deine Transition für dich etwas in deinem Umfeld verändert?

Manchmal frage ich mich: Würde ich das tun können, wenn ich eine Frau wäre? Würde ich eingeladen werden? Hätte ich diese berufliche Position? Das sind Dinge, die total selbstverständlich geworden sind. Da möchte ich mich immer wieder bewusst machen: Ich werde jetzt männlich gelesen.

Bevor ich auf Testosteron war, wurde ich immer als "harmlos" gelesen, ich wirkte verletzlich. Und jetzt, da ich als Mann gelesen werde, haben manchmal Menschen vor mir Angst. Zum Beispiel, wenn ich im Dunkeln hinter jemanden gehe, dann wechsle ich meistens die Straßenseite oder bleibe kurz stehen. Ich merke dann, wie die Person immer schneller wird oder panisch nach hinten guckt.

Du machst auf Instagram und Tiktok Aufklärungsarbeit über queere Themen – welche Reaktionen bekommst du?

Innerhalb meiner Bubble sind alle froh über das, was ich mache. Aber wenn mein Content viral geht und in andere Räume gelangt, kommen auch Hasskommentare. Eine richtige Flut von Hasskommentaren habe ich bekommen bei einer Kooperation mit "Say my name". Ich habe in einem Video zum Thema toxische Männlichkeit gesagt, dass ich selber sehr toxisch männlich war, weil ich am Anfang super krass männlich wirken wollte. Ich wollte der Starke sein, wenig Emotion zeigen. Das habe ich von mir selbst erzählt, trotzdem kamen da viele Hasskommentare, teilweise echt unter der Gürtellinie.

Was hat das mit dir gemacht?

Ein Kollege von der Arbeit hat zu mir gesagt: "An der Vielzahl der Hasskommentare siehst du, dass sich die Gesellschaft ändert. Und diese Menschen wehren sich dagegen." Das hat mir geholfen. Ich konnte diesen starken Widerstand der Menschen als ein gutes Zeichen sehen, weil man merkt, das war wahrscheinlich nicht das erste Video, was sie dazu gesehen haben.

Was glaubst du, warum sich viele Menschen dagegen wehren, für Personen aus ihrem Umfeld neue – oder keine – Pronomen zu verwenden?

Ich glaube, das hat viel mit Erziehung zu tun. Schon im Deutschunterricht wird es uns so beigebracht: "Kim ist eine Frau. Sie fährt gerne Fahrrad." Wir benutzen Pronomen, um die Satzstruktur zu verändern. Und ich glaube, diese Dinge, die wir schon so früh gelernt haben und tagtäglich nutzen, sind schwer zu verlernen. Veränderung mögen wir ja alle nicht – ich auch nicht. Denn es ist ätzend und mühselig und setzt voraus, dass man an sich selbst arbeitet. Und viele Menschen verstehen nicht, dass Pronomen nicht nur Wörter sind, sondern Teil einer Identität.

Wann sollte man seine Pronomen sagen?

Eigentlich immer, wenn man sich vorstellt. Gerade, wenn man mit vielen neuen Menschen zusammenkommt und sich in einem inklusiven Umfeld befindet. Dann muss man auch keine Angst haben, ausgelacht zu werden.

Es ist schon verrückt, dass es ein Grund ist, Menschen auszulachen, weil sie ihre Pronomen sagen.

Total absurd. Und ich glaube, es liegt daran, dass jeder denkt, man kann die Pronomen anderen Menschen ansehen. Aber das ist ja teilweise gar nicht so. Frausein oder Mannsein ist alles konstruiert. Und dieses Wort "konstruiert" ist für viele Menschen ein Triggerwort.

Neu: dein Watson-Update
Jetzt nur auf Instagram: dein watson-Update! Hier findest du unseren Broadcast-Channel, in dem wir dich mit den watson-Highlights versorgen. Und zwar nur einmal pro Tag – kein Spam und kein Blabla, versprochen! Probiert es jetzt aus. Und folgt uns natürlich gerne hier auch auf Instagram.

Weil sie sich selbst als "normal" und "natürlich" labeln.

Genau – und es ist eben nicht natürlich. Diese Rollenbilder Mann und Frau sind menschengemacht und sie verändern sich. Es geht gar nicht darum, diese beiden Rollenbilder auszulöschen. Es geht einfach darum, mehr Rollenbilder zu schaffen, weil sich nicht jede Person damit identifizieren kann.

Was würdest du Leuten empfehlen, die gern andere nach ihren Pronomen fragen wollen, aber Angst haben, dass es unangenehm ist?

Viele denken, wenn ich einer Person die Frage nach ihren Pronomen stelle, dann entsteht eine 30-minütige Unterhaltung über Geschlechtsidentitäten. Aber das stimmt ja nicht. Ich war vor Kurzem auch in einer Gruppe mit Menschen, die ich nicht kannte. Und dann kam eine Freundin dazu und ich wollte ihr erzählen, was eine Person aus der Gruppe erzählt hat – aber ich kannte nur den Namen. Also habe ich einfach gefragt: "Hey, wie sind denn deine Pronomen?" Und diese Person hat gesagt: "Gar keine." Ich habe dann einfach den Namen benutzt. Je öfter man die Frage stellt, desto mehr sinkt die Hemmschwelle. Was auch helfen kann, ist zu sagen "Ich bin Duke, meine Pronomen sind er/ihm."

Was macht man am besten, wenn man eine Person aus Versehen misgendert?

Natürlich denkt man erst: "Oh Gott, scheiße." Aber Fehler passieren, das ist menschlich. Das Wichtigste ist, sich herzlich und ernst gemeint zu entschuldigen und ab dann zu versuchen, die richtigen Pronomen zu wählen.

Österreicher macht Urlaub an der Ostsee und staunt über deutsche Preise

Denkt man an Urlaub in Deutschland, denken viele an rot-weiß-gestreifte Strandkörbe, weiße Dünen, kreischende Möwen, Fischbrötchen und durchnässte Regenjacken. Denn: Urlaub in Deutschland bedeutet oft eine Reise an die Nord- oder Ostsee.

Zur Story