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Fastenzeit Ostern und Ramadan: Pfarrer und Imam sprechen über die Bedeutung

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"Eid Mubarak" ist ein gängiger Gruß zum "Fest des Fastenbrechens" nach dem Ramadan.bild: pexels /rodnae productions
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Imam und Pfarrer sprechen über religiöses Fasten: "Brücke zwischen den Religionen"

31.03.2023, 08:28
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Der islamische Fastenmonat Ramadan und die 40 Tage christliche Fastenzeit vor Ostern überschneiden sich dieses Jahr. Der Ramadan begann am 22. März und dauert noch bis zum 21. April. Die katholische Fastenzeit vor Ostern dauert von Aschermittwoch, den 22. Februar, bis Karsamstag am 8. April.

Watson hat die Gelegenheit der gemeinsamen Fastenzeit zum Anlass genommen, um mit einem Imam und einem katholischen Pfarrer zu sprechen: Über das Fasten als große Gemeinsamkeit in Islam und Christentum und warum die jungen Muslime wesentlich mehr am religiösen Fasten interessiert sind, als junge Katholiken.

Pfarrer Rainer Maria Schießler ist Autor mehrerer Bücher, hatte im Bayerischen Rundfunk bereits eine eigene Talkshow und ist durch seine unkonventionelle Art der Seelsorge bekannt geworden.

Benjamin Idriz ist als Imam Vorsitzender des Münchner Forums für Islam. Er setzt sich für die Gleichberechtigung von Frauen im Islam ein und ist bekannt für sein Engagement im interreligiösen Dialog.

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Watson: Herr Idriz, ist die Fastenzeit trotz aller Herausforderungen auch eine frohe Zeit?

Imam Benjamin Idriz: Der Ramadan ist eine intensive Zeit, in der wir nicht nur auf Essen und Trinken, sondern auch auf andere Dinge verzichten. Wir versuchen, ein guter Mensch zu sein, auf böse Wörter, Absichten oder Taten zu verzichten. Somit "erziehen" wir unsere Seele, unser Ego und versuchen, humaner zu sein und solidarisch mit anderen Menschen umzugehen. Muslime freuen sich auf diese besondere Zeit. Das Fasten ist etwas, was uns mit Christen und Juden verbindet.

Herr Schießler, sehen Sie das verbindende Element der Fastenzeit auch so?

Pfarrer Rainer Maria Schießler: Ja, das ist wirklich ein wichtiges Statement, dass das Fasten eine Brücke zwischen den drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Islam und Christentum ist. Die äußerliche Gemeinsamkeit ist die Konzentration auf sich selbst. Bei uns ist das die Vorbereitung aufs Osterfest, aber das ist kein Wettbewerb. Da geht es nicht darum, dass du der Sieger auf der Waage bist, sondern dass du die Erfahrung machst, wie wenig du wirklich brauchst, um sinnvoll zu leben.

Pfarrer Rainer Maria Schiessler in der katholischen Kirche St. Maximilan Muenchen Narrhalla Faschings Gottesdienst
Pfarrer Rainer M. Schießler in seiner Kirche St. Maximilian in München. bild: IMAGO / Lindenthaler

Also eher eine Art innere Bewusstwerdung?

Schießler: Fasten heißt, sich nach drei Seiten auszustrecken. Das ist die Parallele zum Dreiklang des Liebesgebotes: Ich, der Nächste und Gott. Sich zu sich selbst ausstrecken heißt, eine Reise nach Innen antreten – wer bin ich und was brauche ich wirklich für mein Leben? Mich zu meinem Nächsten ausstrecken – das heißt, Almosen geben. Gemeinschaft kann nur funktionieren, wenn der Stärkere den Schwächeren stützt. Und das Ausstrecken nach Gott: Er ist der Geber allen Lebens. Nicht die Äußerlichkeiten, die schönsten Fastengebete oder Gottesdienste machen mich fromm, sondern, wie ich mein ganzes Leben umkremple, neu justiere und konzentriere. Das soll nicht wehtun, sondern mich befreien. Die Fastenzeit ist eine gehaltvolle, fröhliche Zeit, die im Jubel des Osterfestes seine Vollendung findet.

Im Grunde ist das Fasten also etwas, dass in beiden Religionen die Gemeinschaft betont?

Schießler: Herr Idriz hat es richtig angesprochen: Die Familie rückt zusammen. Die Glaubensfamilie, wenn es um die Gebetszeiten geht. Die Lebensfamilie, wenn es darum geht, in dieser Zeit anders zu leben, auf bestimmte Dinge zu verzichten, zum Beispiel auf Süßigkeiten. Die Ostereier, die wir an Ostern verteilen, sind aus der Fastenzeit heraus entstanden: Weil es neben dem Fleisch- auch das Eierfasten gab, hatte man bis Ostern viele Eier übrig. Also hat man sie gekocht, damit sie haltbar sind. So kam es zum Osterei, dem man einen theologischen Hintergrund gegeben hat als das Grab, aus dem das Leben entspringt.

"Ostern und Ramadan nutzen, um die Botschaft der Einheit zu senden."
Imam Benjamin Idriz

Ich finde diese Zeit wahnsinnig spannend, weil so viel Symbolik drinsteckt. Und diese Symbolik möchte ich teilen mit Christen, mit Muslimen, mit Juden. Die Vielfalt macht es doch aus. Ich weiß gar nicht, wie man Angst vor anderen Religionen oder Andersgläubigen haben kann. Darüber freue ich mich, dass die Vielfalt des Lebens dadurch noch mehr bereichert wird.

Idriz: Der Ramadan ist nicht nur eine besondere Zeit für uns Muslime, sondern auch für die Gesamtgesellschaft. In einer Zeit, wo Angst und Krieg herrschen, ist es gerade jetzt die Aufgabe von Religionsgemeinschaften, Gelegenheiten wie Ostern und Ramadan zu nutzen, um die Botschaft der Einheit zu senden. Der Sinn des Ramadans ist es, sowohl in der muslimischen Welt als auch in den interreligiösen oder mitmenschlichen den Dialog zu stärken.

Imam Benjamin Idriz, Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Penzberg e.V. in seiner Moschee im oberbayerischen Penzberg.
Steht für interreligiösen Dialog: Imam Benjamin Idriz, Vorsitzender der Islamischen Gemeinde Penzberg.bild: IMAGO / Friedrich Stark

Wenn wir das nicht tun, haben wir nicht verstanden, dass wir das Abendmahl mit allen Menschen teilen. Wenn Gott über den Ramadan spricht, dann sagt er: Ich brauche nicht Verzicht, sondern ich brauche eure Demut, eure Frömmigkeit, eure Mitmenschlichkeit und Solidarität. Das ist das, was zu Gott kommt, nicht, dass jemand einfach 15 oder 16 Stunden ohne Essen ausharrt.

Schießler: Auch Christus sagt: Barmherzigkeit will ich, nicht Schlachtopfer, nicht Brandopfer. Ich brauche ein offenes Herz, den Menschen, der sich dem anderen gegenüber öffnet. Das ist das größte Manko, was wir gerade in der Welt haben, dass die Religionen viel zu sehr noch das Trennende unterstreichen und suchen, anstatt das Gemeinsame hervorzuheben.

Wie viele junge Menschen kommen in Ihren Gemeinden zu den Gebeten und Messen während der Fastenzeit?

Idriz: Das Fasten im Ramadan wird, im Vergleich zu anderen Geboten wie das fünfmalige Gebet, sehr geachtet. Der Wille dazu ist groß und es bietet eine Identifikation, vor allem in einer Gesellschaft wie in Deutschland, in der die Muslime in einer Minderheit leben. Die Muslime versuchen so, sich mit der Religion auseinanderzusetzen und sich zu identifizieren. Der Ramadan ist ein guter Anlass, zu sagen: "Ich bin Muslim, ich bin stolz auf meine Religion."

"Der Gründonnerstag ist sozusagen die Chance, Gott auf Hühneraugenhöhe zu begegnen."
Pfarrer Rainer Maria Schießler

Schießler: Also das kann ich von meiner "Firma" so leider nicht sagen, aber der Unterschied ist mir bewusst. Wir haben diesen gesellschaftlichen Sinn der christlichen Fastenzeit nicht mehr präsent. Aber die Gottesdienste werden zur Heiligen Woche auch von jungen Menschen sehr gut besucht. Die Palmsonntagsprozession ist ein Magnet, mit einer Menge an Familien und Kindern. Der Gründonnerstag ist eine sehr besinnliche Stunde mit dem Gestus der Fußwaschung: die Hingabe und sozusagen die Chance, Gott auf Hühneraugenhöhe zu begegnen. Ich erlebe zwar eine Bewusstmachung bei denen, die mitfeiern, aber nicht diese Fastenorientierung wie bei den Muslimen. Ich wünsche Euch, dass es so bleibt. Aber wir haben da viel verloren, muss ich ehrlich zugeben.

Herr Idriz, hätten Sie vielleicht Tipps: Wie kriegen die Katholiken die Jungen wieder?

Idriz: Ich bin wirklich nicht in der Lage, einen Ratschlag zu geben, geschweige denn, zu belehren. Aber es kann sein, dass der Druck in der Gesellschaft, den manche Muslime spüren, die hier oder dort Rassismus erleben oder auch Islamfeindlichkeit, einen Rechtfertigungsdruck, oder auch das Minderheitsgefühl, Faktoren sind, warum manche Muslime sich stärker mit dem Islam identifizieren.

Schießler: Jede Religionsausübung besitzt eine ganz andere politische und gesellschaftliche Komponente. Die Ampelregierung in Berlin fängt jetzt an, über die strikte Trennung von Staat und Kirche zu diskutieren. Das würde die Isolierung der Kirche durch den Staat bedeuten, nicht nur finanziell, auch ideologisch. Was Sie, Herr Idriz, gesagt haben, ist absolut richtig: Die Diskussion über Islam und Terrorismus, und dass man sich als Muslim in der Minderheit fühlt, das schweißt natürlich zusammen.

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