Ohne Alkohol und Schlaf kann eine Hochzeit schnell zum Marathon werden.
Ohne Alkohol und Schlaf kann eine Hochzeit schnell zum Marathon werden.Bild: iStockphoto / nicoletaionescu
Mama-Kolumne

Warum manche Mütter die schlimmsten Partygäste sind

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter
30.05.2022, 07:4130.05.2022, 09:42

Nächste Woche sind wir auf einer Hochzeit eingeladen. Ich freue mich riesig, dass diese gute Freundin von mir heiratet. Und darüber, dass ich eine andere gute Freundin seit Jahren auf dieser Hochzeit wieder treffen werde. Worüber ich mich nicht freue? Dass ich noch stille. Abgepumpte Milch in der Flasche geben funktioniert bei uns leider nicht. Und genau deshalb weiß ich schon jetzt, wie diese Hochzeit für mich ablaufen wird.

Auf der letzten großen Hochzeitsfeier, die bis in die Morgenstunden ging, stillte ich ebenfalls – mit Kind Nummer 1. Und ich erinnere mich noch sehr gut, wie es mir erging. Allein die detailgenaue Erinnerung zeigt: Es ging nicht viel für mich.

Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonunglos ehrlich.
Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonunglos ehrlich.bild: emmy lupin studios
Unsere Autorin...
...wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Während um mich herum der Alkoholpegel stieg, sich die Partygäste immer lockerer zeigten und die Musik immer schlechter, aber die Stimmung immer besser wurde, saß ich stillend in einem Sessel, hielt das schlafende Kind im Arm oder schob den Kinderwagen herum.

"Für unvergessliche Momente sorgte ich lediglich, indem ich bei jedem Stillen meinen kompletten Oberkörper entblößte."

Stillen, während andere betrunken Party machen

Besonders schlimm wurde es, als betrunkene Gäste zu mir kamen und mich aufforderten, mit nach vorne zu kommen. Erst zierte ich mich, dann gab ich auf. Auf der Tanzfläche kam ich mir völlig fehl am Platz vor. Mein Körper fand nicht in die Bewegungen der seltsamen Hip-Hop-Beats. Ein krampfhaftes Lächeln im Gesicht, während um mich herum die typischen Tanz-Akrobatiken und Songtext-Grölereien begannen.

"Wenn es sich nicht gerade um Familienmitglieder oder beste Freunde handelt, wie sinnvoll ist es, mit Baby überhaupt auf einer Hochzeitsparty aufzutauchen?"

Oh, ich liebe diesen Zustand, wenn alle ausrasten und sich die Menge ihrer Alkohol-Ekstase hingibt. Als nüchterne Außenstehende ist es leider nur peinlich und anstrengend. Also hielt ich zwei Songs durch und entfernte mich bei nächster Gelegenheit, um möglichst beschäftigt an meiner Rhabarberschorle zu nuckeln.

Mit jeder weiteren Stunde wurde ich müder, das Kind unruhiger und irgendwann kam der Moment, in dem ich dachte, es würde sowieso keiner mitbekommen, wenn ich mich von meinem Sitzplatz ins Hotel verabschieden würde.

Doch kaum wollte ich aufbrechen, kam die Braut auf mich zugestürzt. "Ach, bleib doch noch!" Es fühlte sich an, als wäre mein Gehen ein Zeichen, dass die Party langweilig sei. Doch weder ich noch das Brautpaar hatten etwas davon, wenn ich bleiben würde.

Als Mutter ist man anwesend, aber nicht präsent

Ich trug nichts dazu bei, dass diese Nacht als legendäres Fest in die Geschichte einging. Und ich fragte mich im Nachhinein: Wenn es sich nicht gerade um Familienmitglieder oder beste Freunde handelt, wie sinnvoll ist es, mit Baby überhaupt auf einer Hochzeitsparty aufzutauchen? Klar bin ich anwesend, aber nicht präsent. Bei einer Hochzeit geht es darum, die Liebe zu feiern und gemeinsam einen unvergesslichen Tag zu kreieren.

Für unvergessliche Momente sorgte ich lediglich, indem ich bei jedem Stillen meinen kompletten Oberkörper entblößte. Ich hatte mich nach all den Leggings-und-Baumwollpullover-Monaten so auf einen besonderen Anlass gefreut, dass ich ein extravagantes Cocktailkleid trug, bei dem ich die Stillsituation völlig ausgeblendet hatte. Also saß ich jedes Mal halbnackt da und musste vorher und nachher jemanden bitten, den Reißverschluss am Rücken zu betätigen.

"Ich habe volles Verständnis, wenn ein Paar eine Adults-Only-Hochzeit feiern möchte."

Ich habe volles Verständnis, wenn ein Paar eine Adults-Only-Hochzeit feiern möchte. Mit genügend Vorlauf hat man als Eltern die Möglichkeit, einen Babysitter zu organisieren.

Problem sind die Stillbabys. Denn ja, bei einer solchen Einladung wäre ich raus. Vor einigen Jahren gab es die Problematik noch nicht, weil fast alle meine Freunde kinderlos waren. Inzwischen geht mein Freundeskreis auf die 40 zu und viele haben Familie. Damit ändern sich die Lebensumstände.

Partytrend für Eltern: Daydrinking

Das Hochzeitspaar der aktuellen Einladung, das selbst ein Kind hat, hat es mit Daydrinking gelöst. Die Feier endet am frühen Abend und statt einer wild durchtanzten Nacht dürfen sich auch Eltern – sitzend oder in Gruppen beinander stehend – einen kleinen Schwips antrinken. Eben genau so, dass sie es noch ins Hotel schaffen und zumindest einer der Erziehungsberechtigten in der Lage ist, die Kinder sicher ins Bett zu bringen.

"Seit ich Mutter bin, liebe ich Daydrinking, die gebremste Version des Vollrausches."

Seit ich Mutter bin, liebe ich Daydrinking, die gebremste Version des Vollrausches. So bekommt das Muttersein für ein paar Stunden eine rosarote Brille verpasst. "Eigentlich alles halb so wild"- Gedanken rauschen durch den Kopf und der Kater am nächsten Tag ist auch erträglich, wenn das erste Kind um 6.50 Uhr nach einem Müsli schreit.

Doch dieses Mal bin ich selbst beim Daydrinking raus und das ist wirklich schade.

Abgestillte Mütter sind die schlimmsten Partygäste

Was Partygäste angeht, weiß ich jedoch aus eigener Erfahrung: Noch schlimmer als stillende Mütter mit Baby sind Mütter, die gerade abgestillt haben. Nachdem ich bei meinem ersten Kind nach eineinviertel Jahren endlich das Thema Stillen beendet hatte und kurz darauf auf einer Geburtstagsparty in einem Restaurant eingeladen war, eskalierte es von Sekunde eins. Nach über zwei Jahren, in denen ich keinen Alkohol getrunken hatte, explodierten die Schnäpse direkt in meinem Blutkreislauf.

Am Ende der Nacht kam ich mit einem fremden Cape nach Hause, hatte ich kurzzeitig meine Handtasche verloren, war ich die Treppe einer Kellerbar hinaufgestürzt, weshalb ich wochenlang mit Prellungen übersät war, und kotzte mehrmals aus dem Fenster eines Taxis.

Nachmittags flehte ich meine Eltern an, ihren Babysitter-Service noch nicht zu beenden, denn mein Mann und ich waren kaum in der Lage, uns aufzurichten.

"Gibt es als Mutter nur Extreme, frage ich mich? Entweder ich muss komplett verzichten oder ich möchte jede Sekunde aufsaugen."

Gibt es als Mutter nur Extreme, frage ich mich? Entweder ich muss komplett verzichten oder ich möchte jede Sekunde aufsaugen, denn die Gelegenheiten, in denen ich kinderlos unterwegs bin, sind rar. Ganz oder gar nicht – dieses Motto hat schon immer zu mir gepasst. In diesem Fall scheinbar auch.

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Warum ich mich als Mutter in einer Dauerwarteschleife befinde
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Ich warte, dass das Baby doch bitte endlich schläft, um mich an Texte, die Wäsche und mein Mittagessen zu machen. Ich warte darauf, dass meine Eltern hoffentlich bald fragen, wann sie wieder zum Kindersitten vorbeikommen sollen. Ich warte jeden Abend, dass mein Mann endlich nach Hause kommt. Ich warte auf eine Antwort der Tagesmutter bezüglich eines Betreuungsplatzes. Ich warte, dass der Kindergarten nach einem langen Wochenende endlich wieder öffnet. Ich warte auf den nächsten Urlaub.

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