"Should I stay or should I go"? Die Kirche macht es jungen Menschen nicht immer leicht, sie zu lieben. Das rächt sich seit ein paar Jahren.
"Should I stay or should I go"? Die Kirche macht es jungen Menschen nicht immer leicht, sie zu lieben. Das rächt sich seit ein paar Jahren. Bild: iStockphoto / Capuski
Meinung

Pünktlich zu Ostern: Wie ich als Kirchenmitglied plötzlich zur "Minderheit" gehörte

17.04.2022, 11:0217.04.2022, 12:20

Unmittelbar vor dem Osterfest tickerte eine Nachricht auf mein Smartphone: "Kirchenmitglieder sind nur noch eine Minderheit in Deutschland" – die Anzahl der katholischen und evangelischen Kirchenmitglieder in Deutschland sei demnach zum ersten Mal auf unter 50 Prozent gefallen. Von einer "historischen Zäsur" spricht ein Experte in dem dazugehörigen Spiegel-Artikel.

Tatsächlich wage ich zu behaupten: In meinem privaten Umfeld ist dieser Zustand schon lange Realität. Und ich, als Christin, zunehmend allein auf weiter Flur.

"Mein Vater hält Glauben für Hokuspokus und die christliche Kirche für eine Verbrecherinstitution."

Nun ist mir klar, dass es in vielen Regionen des Landes immer noch üblich ist, Babys taufen zu lassen, christliche Jugendfreizeiten mitzumachen und – natürlich – in der Kirche zu heiraten. In meinem norddeutschen Dunstkreis allerdings war Atheismus schon immer Normalität. Und wie es aussieht, gilt das in Zukunft auch für ganz Deutschland.

Ich ging heimlich zum Konfirmationsunterricht

Ich wurde nicht getauft. Mein Vater hält Glauben für Hokuspokus und die christliche Kirche für eine Verbrecherinstitution. Als später 68er, mit gewaltigem Punk-Einschlag, versteht er bis heute nicht, warum man sich als, zumeist vernunftgetriebener Mensch, einem Gott zuwenden kann, der weder durchgehend gütig ist, noch bewiesen existent.

Daher ging ich zwei Jahre lang heimlich zum Konfirmationsunterricht. Meine Mutter wusste Bescheid, mein Vater aber fiel fast hintenüber, als ich ihm mit 16 Jahren sagte: "Ich lass mich nächstes Wochenende taufen und direkt im Anschluss konfirmieren. Ich würde mich freuen, wenn du kommst."

Er kam. Und schenkte mir eine Biografie der Sängerin Madonna.

Für mich – als christlich nicht vorbelastetes Mädchen – war die evangelische Kirche in unserem ruhigen Bezirk jedoch ein bunter Ort, an dem Obdachlose neue Schlafsäcke bekamen und Flüchtlinge eine Anlaufstelle zum Essen und Duschen hatten. Der Pastor referierte anhand von Filmen wie "Notting Hill" und aktuellen Ereignissen, welche Verantwortung jeder von uns für die Welt trüge. An Weihnachten ballerte er eine so gewaltige Konsumkritik von der Kanzel, dass mein minimalistisch geprägtes Herz einen begeisterten Hüpfer machte.

Es war eine Gemeinde, deren Teil ich sein wollte, weil mich ihr aktives Handeln beeindruckte. Die Gesellschaft schien ihnen nicht "egal" und es passte zu dem, was ich im Neuen Testament (extra aus der Bücherei geliehen, muss man sich mal vorstellen) gelesen hatte: Alle Menschen sind gleich. Liebe deinen Nächsten. Armut spielt keine Rolle vor Gott. Reiche auch – oder sogar ganz besonders – deinem Feind die Hand.

Die meisten empfinden das als verstaubt, ich fand es radikal. Antikapitalistisch und zeitlos in seiner Allgemeingültigkeit.

Nächstenliebe: Warum sollte das altbacken sein?

Doch wenn ich den Mitgliederschwund beobachte, frage ich mich doch: Warum zur Hölle gelingt es so vielen Kirchenvertretern nicht mehr, dieses – im Kern so gefällige – Produkt an den Mensch zu bringen?

Die Ausstiegsgründe sind laut einer aktuellen Studie gar nicht so sehr die vielfältigen Skandale, die insbesondere die katholische Kirche regelmäßig erschüttern, sondern vor allem das Gefühl der "persönlichen Irrelevanz" der Religion fürs eigene Leben, gepaart mit der Unlust, Kirchensteuer zu zahlen.

"Der Wunsch nach gesellschaftlichem Aufbruch und persönlichem Seelenfrieden ist ja weiter da, sonst gäbe es keine FFF-Demos und keine 'Achtsamkeits'-Workshops."

Gut, die Kirchensteuer beläuft sich bei mir auf sieben Euro im Monat, das lässt sich verkraften. Aber mich irritiert es schon: Seit wann ist Nächstenliebe so irrelevant? Und wer feiert denn nicht gerne Weihnachten? Habe ich hier alles verpennt?

Der Wunsch nach gesellschaftlichem Aufbruch und persönlichem Seelenfrieden ist ja weiter da, sonst gäbe es keine FFF-Demos und keine "Achtsamkeits"-Workshops. Doch bedient wird er heute von politischen Aktivisten und Lifestyle-Coaches. Nicht mehr von einer Institution mit 2000-jähriger Erfahrung.

Es scheint, als ob die Kirche sich in eine seltsame Abwarte-Haltung manövriert hätte. Sie müsste sich modernisieren, um lebendig zu bleiben, sich trauen, offen ihre Position zur LGBTQ+-Community zu überdenken, sich zur Klimakrise und Rassismus äußern. Doch sie wagt es nicht, um ihre älteren Mitglieder nicht vor den Kopf zu stoßen und noch größeren Schwund zu erzeugen. So blutet sie von innen aus. Nicht schnell zwar, aber doch beständig.

2021 feierten 125 Mitarbeiter der katholischen Kirche öffentlich ihr Coming-Out. Kirchen hissten zu diesem Tag Regenbogenfahnen.
2021 feierten 125 Mitarbeiter der katholischen Kirche öffentlich ihr Coming-Out. Kirchen hissten zu diesem Tag Regenbogenfahnen.Bild: picture alliance / Winfried Rothermel

Sich als Christ zu outen, scheint fast schon skandalös

Auch ich spüre diesen Kontaktverlust in meinem Alltag, in dem der Beziehungsstatus zur Kirche von "frisch verliebt" zu "es ist kompliziert" wanderte und gehe heute, wie die meisten Deutschen, nur noch selten zur Predigt.

Das Hauptproblem ist ausreichend profan: Ich bin ein Partymensch. Und Gottesdienste beginnen sonntags um 10 Uhr morgens. Es ärgert mich enorm, denn wenn ich es mal dorthin schaffe, tut es mir gut. Es sortiert mein geistiges Wirrwarr und erinnert mich regelmäßig daran, dass ich nicht das Zentrum der Welt bin – es ist ein Moment der Stille in meinem lauten Alltag.

Andere hören Meditations-Podcasts, legen ein Sabbatjahr ein und Kristalle in ihrer Wohnung aus. Mir reicht eine Kirchenbank. Doch wie ich feststellen musste, wirkte das auf viele Großstädter sehr viel abgedrehter, als Polygamie oder rhythmische Einreibungen beim Heilpraktiker.

Der Einzige, der das nicht seltsam fand, war mein jetziger Freund, der aus einer Pastorenfamilie kommt und – wie kann es anders sein – selbst schon lange aus der Kirche ausgetreten ist. Sein Grund: Die Kirchensteuer.

Nicht mehr Mitglied sein wollen, aber doch noch alle Feste feiern...

Er war es allerdings auch, der unsere Kinder taufen lassen wollte. Es entbrannte ein Streit, der noch nicht beendet ist (denn getauft wurden sie nie), in dem ich sagte, die Kinder sollen selbst entscheiden. Während er, als Nicht-Mehr-Christ fand, dass es schön sein, dieser uralten Tradition zu folgen.

"Andere hören Meditations-Podcasts, legen ein Sabbatjahr ein und Kristalle in ihrer Wohnung aus. Mir reicht eine Kirchenbank."

Mit dieser Haltung ist er nicht alleine. "Eigentlich würde ich gern aus der Kirche austreten, aber ich will schon noch in Weiß getraut werden", hört man gar nicht so selten. Interessant, dass gerade die Menschen, die der Kirche vorwerfen, mehr Form als Inhalte zu liefern, auf ebenjene Form nicht verzichten wollen. Nicht auf die Hochzeit mit Segen. Nicht auf Weihnachten. Und auch nicht auf Ostern.

Einige wollen die Kirche ohne Glauben. Andere wiederum wollen Glauben ohne Kirche.

"Ich brauche keine Institution, um zu Gott zu beten", sagen viele. Und natürlich stimmt das. So wie man auch ohne Friedhof trauern kann, ohne Fitnesstrainer Workout macht oder per Online-Lektionen eine Sprache erlernt. Leichter ist es aber nicht, so ganz ohne Ort und ohne Ansprechpartner. Nimmt man sich wirklich bewusst Zeit im Alltag für Selbstreflexion und soziales Engagement? Mir zumindest hilft die Zwangspause an Sonntagen, das Innehalten an Weihnachten, an Ostern. Es hat einen Zweck.

Ich bin noch nicht bereit, mich scheiden zu lassen

Wäre ich Paartherapeutin und hätte Deutschland und die Kirche auf der Couch, würde ich sagen:

"Ich denke, Sie beide sind sich über die Jahre fremd geworden. Sie haben das Gefühl, der andere würde sich nur noch an Ihnen bereichern. Sie haben verlernt, einander zuzuhören."

Manchmal ist eine Trennung in solchen Fällen tatsächlich das Beste. Und ich verstehe jeden, der sagt: "Ich will gehen. Diese Beziehung ist am Ende."

Ich selbst aber werde Mitglied bleiben, auch wenn es mich zur Lachnummer auf Partys macht. Noch halte ich fest an meiner Beziehung, die nicht ohne Auf und Ab auskommt (Hey, welche langjährige Beziehung tut das schon?).

Aber liebe Kirche, damit das auch in Zukunft läuft, wünsche ich mir von dir, dass du dich wieder mehr traust und dich nicht hinter Traditionen verschanzt, dass du deine Fehler eingestehst und deine Chancen ergreifst. Ich halte dafür am viel zitierten Glauben, Lieben und der Hoffnung fest, dass deine Message auch heute noch kein Stück irrelevant ist.

"Wäre ich Paartherapeutin und hätte Deutschland und die Kirche auf der Couch, würde ich sagen: 'Sie haben verlernt, einander zuzuhören.'"

Wenn ich Nachrichten schaue, denke ich: Gerade jetzt brauchen wir die Gemeinden, die ukrainische Flüchtlinge aufnehmen. Die Spenden sammeln gegen eine, durch hohe Weizen-Preise ausgelöste, Hungersnot. Und die auch den Leuten Ängste nehmen, die in Gedanken an einen Dritten Weltkrieg gerade völlig ausflippen.

Ich werde am Wochenende zumindest mal wieder den Insta-Feed verlassen und dafür auf der Kirchenbank Platz nehmen, neben all den anderen unserer aussterbenden Art.

Es ist schließlich Ostern.

Herrgottnochmal!

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