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Sexistische Scheiße

EM 2024: Moderatorin Laura Wontorra bringt mich zur Weißglut

Fußball Frauen
Frauen im Fußball gibt es inzwischen mehr. Aber noch nicht genug, findet watson-Autorin Ronja Brier.Bild: Ideogram / KI
Sexistische Scheiße

EM 2024: Ich interessiere mich nicht für Fußball – aber daran bin ich nicht allein schuld

08.07.2024, 07:4508.07.2024, 10:46
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Was soll ich sagen? Ich bin kein großer Fußball-Fan. Ich habe keinen Lieblingsverein, hatte ich noch nie. Und ich kann mich auch sonst nicht besonders für den Sport begeistern, der aufgrund der EM 2024 gerade die halbe Welt in Atem hält.

Es ist leider so. Aber daran bin ich nicht alleine schuld.

Denn wo soll meine große Leidenschaft für Fußball denn herkommen? Es gibt nicht viele Gründe, warum sich Frauen für Fußball interessieren sollten.

Vielleicht vorab: Jetzt zur EM schaue auch ich Fußball. Aber ich mache das aus journalistischem Interesse. Nicht aus Leidenschaft. Natürlich weiß ich, dass es Frauen gibt, denen es anders geht. Es sind gar nicht wenige, die glühende Fans sind. Und ich finde das toll. Aber ich halte es nicht für selbstverständlich.

Ich will versuchen, zu erklären, warum mehr bei mir nicht drin ist.

Fußball gucken
Zur EM mache ich es auch. Aber generell gibt es für mich Schöneres als Fußball im TV zu sehen.Bild: Unsplash / obayda
Über "Sexistische Scheiße"
Ronja Brier schreibt in dieser Kolumne über Alltags-Sexismus, den wir alle kennen, selbst erfahren oder in der Öffentlichkeit wahrnehmen. Der trotzdem oft genug kleingeredet wird oder über den hinweggesehen wird. Unsere stellvertretende Chefredakteurin hat genug davon! In ihren Texten will sie informieren, widersprechen oder sich einfach mal über sexistische Scheiße auslassen.

Das erste, woran ich beim Thema Fußball denke, ist das BVB-Federmäppchen eines guten Freundes von zu Hause. Es gab in meiner Klasse früher auch Jungs, die hatten Stifte mit Schalke-Schriftzug. Und ein paar wenige trugen im Sportunterricht Bayern-Trikots. Aber ich erinnere mich an kein einziges Mädchen in meiner Schulzeit, das irgendwann ein Trikot getragen hätte.

In einer Kindheit in Ostwestfalen in den 90ern gab es viele Klischees. Die zeigten sich nicht nur im Fußball – aber da doch besonders deutlich. Jungs redeten in der Pause vor allem über die Bundesliga, während Mädchen seilspringen waren. Es hat mich zwar niemand daran gehindert, mich mehr mit Fußball zu beschäftigen. Aber ich bin aufgewachsen in einem Frauenhaushalt mit meiner Schwester, meiner Mutter, meiner Oma, von denen sich ebenfalls niemand für Fußball interessierte. Es war das Gegenteil von Nick Hornbys Fußball-Roman "Fever Pitch", in der ein Vater seinen Sohn mit ins Stadion nimmt. Ganz von allein entwickeln sich solche Vorlieben selten.

Vor allem, wenn es kaum weibliche Vorbilder gibt.

Fußball Kindheit
Die klassische Sozialisation im Ostwestfalen der 90er: Fußball war für Jungs.Bild: Pexels / campus

Es gibt viel zu wenige Frauen im Fußball, die als Vorbilder dienen

Es geht doch nie nur um den Sport! Es geht immer auch darum, sich mit einem Verein, einem bestimmten Spieler zu identifizieren. Nur dann kann man mitfiebern, mithoffen und schimpfen über andere. Nur dann macht Fußball wirklich Spaß. Aber es gab und gibt im Fußball immer noch zu wenig weibliche Vorbilder, mit denen sich Mädchen identifizieren könnten:

Fußballerinnen sind weniger bekannt als ihre männlichen Kollegen. Sie verdienen weniger: Das Handelsblatt beziffert das durchschnittliche Jahresgehalt der Frauen in der Bundesliga auf 42.000 Euro brutto. Das von männlichen Bundesliga-Profis liegt bei 1,5 bis 2 Millionen.

Und das Schlimmste ist: So einfach lässt sich das nicht ändern. Die Umsätze sind im Männer-Fußball ganz andere. Auch wenn es mich ärgert, ist es nachvollziehbar, warum die männlichen Spieler deshalb mehr verdienen können.

Das eigentliche Problem ist: Es interessieren sich leider weniger Menschen für Fußball, wenn er von Frauen gespielt wird. 10 Millionen haben bei einem WM-Spiel der Frauen 2023 maximal zugesehen. Das ist viel. Aber schon beim diesjährigen EM-Vorrundenspiel der Männer gegen die Schweiz waren es viel mehr, nämlich 25 Millionen.

Was mir dennoch Hoffnung macht, ist die Generation junger deutscher Fußballerinnen: Lena Oberdorf, Laura Freigang, Jule Brand, Giulia Gwinn. Sie sind cool, sie sind selbstbewusst, sie haben eine große Social-Media-Öffentlichkeit. Sie spielen zwar vor weniger Zuschauer:innen, aber sie werden wahrgenommen. Und werden sowohl sportlich als auch menschlich zu Vorbildern für Frauen im Fußball. Vorbilder, die es in meiner Kindheit noch nicht gab.

Dennoch: Wenn ich an die WM der Frauen denke, dann denke ich nicht an Fußball. Dann denke ich an Luis Rubiales, den ehemaligen Präsidenten des spanischen Fußballverbandes, der für einen Skandal sorgte, als er die spanische Nationalspielerin Jennifer Hermoso vor laufenden Kameras auf den Mund geküsst hat. Gegen ihren Willen. Völlig zu Recht war der Aufschrei groß und Rubiales droht nun Haft (unter anderem deshalb).

Aber ein Einzelfall ist das nicht. Die Zahl der Frauen, die in der Fußballbranche sexistisches Verhalten und Diskriminierung erleben, steigt. Dies zeigt eine Umfrage des Netzwerks Women in Football.

So macht Fußball für Frauen einfach keinen Spaß.

Schiedsrichterinnen und Trainerinnen gibt es viel zu wenige

Was ist mit anderen Frauen im Fußball, die Vorbilder sein könnten – Kommentatorinnen, Schiedsrichterinnen, Trainerinnen? Die gibt es. Vereinzelt: Der DFB zählt 22-mal so viele Männer wie Frauen, die als Schiedsrichter:innen arbeiten. Cheftrainerinnen gibt es genau eine im deutschen Profi-Fußball (Sabrina Wittmann beim Drittligisten FC Ingolstadt). Und das auch erst seit diesem Jahr.

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Moderatorin Laura Wontorra: Sie hat keine schlechten Erfahrungen gemacht im Fußball.Bild: dpa / Robert Michael

Besonders präsent sind Frauen im Fußball noch als Sportmoderatorinnen im TV. Jana Wosnitza, Laura Wontorra und Laura Papendick haben vor der EM im "Stern" zwar geschlossen behauptet, sie könnten die Frage wirklich nicht mehr hören, ob es im Fußball weiterhin Vorbehalte gegen weibliche Reporterinnen gebe. (Spoiler: Sie hätten das noch nie erlebt.)

Ich muss sagen: Es fällt mir sehr schwer, das zu glauben – und es macht mich wütend, wenn Frauen über die Probleme, die es gibt, einfach hinweggehen statt sie zumindest klar zu benennen. MagentaTV-Kommentatorin Christina Rann hingegen erinnert sich noch gut an Zeiten, in denen es auf dem Trainingsgelände keine Frauen gab: "Da wurde ich beäugt und gefragt 'Wer bist Du denn eigentlich?'", erzählt sie.

Dann fällt mir noch die "Playboy"-Umfrage zur schönsten Sportmoderatorin ein. Die soll wirklich gar nicht sexistisch sein?

Fußball Frau stadion
Ein Drittel der Menschen im Fußballstadion sind Frauen.Bild: Pexels / el gringo

Das Fantum im Fußballstadion ist männlich geprägt

Auch im Stadion sind Frauen als Fans inzwischen keine Seltenheit mehr. Ein Drittel der Stadiongäste beim Männerfußball ist weiblich. Das ist gar nicht wenig, finde ich. Und dennoch ist das Stadion eine eigene Welt, die man als Frau auch als abschreckend empfinden kann. Jedenfalls ging es mir so, als ich zum ersten Mal ein Spiel live angesehen habe.

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St. Pauli hat im Millerntor gespielt. Ich erinnere mich wirklich nicht mehr daran, gegen wen. Oder wie viele Tore gefallen sind. Wohl auch, weil meine Schwester und ich schon in der Halbzeitpause wieder gegangen sind.

Nicht mal wegen des Spruchs am Bierstand über uns "zwei Süßen". Es war etwas anderes, was uns störte. Da meine Schwester damals in Hamburg lebte, waren wir für St. Pauli. Dennoch waren wir im Fanblock wahrscheinlich die einzigen, die keine echten Fans waren. Die folglich auch nicht laut mitgegrölt haben beim Fangesang. Immer wieder flogen Plastikbecher die Ränge runter, denen wir versuchten auszuweichen. Die Stimmung fanden wir aggressiv. Uns ging es ähnlich: An dem Besuch hatten wir beide wenig Freude.

Die Autorin Almut Sülzle hat sich in ihrer Untersuchung "Titten unterwegs" näher mit Frauen im Fantum beschäftigt. Auch sie beschreibt darin, wie "hartnäckig und unausweichlich Männlichkeit im Fußball hergestellt wird". Das Fantum im Stadion ist von Männern geprägt. Und Frauen müssen sich da anpassen, wenn sie dabei sein wollen. Meine Schwester und ich haben das auf St. Pauli nicht oder zu wenig getan. Deshalb haben wir es als so unangenehm empfunden: Weil wir kein Teil davon waren, wirkte es auf uns bedrohlich.

Fußball ist vielleicht keine Männerdomäne mehr. Aber nach wie vor sehr männlich.

Ein Auftritt von DFB-Direktor Rudi Völler während der EM 2024 zeigt ganz gut, wo wir aktuell stehen. "Danke, Männer! Bis dann", sagte er, als er sich von einer Pressekonferenz verabschieden wollte, bemerkte dann aber: Er hatte da noch was vergessen.

"Und Mädels", schob er hinterher. Dann war er weg.

Handy laden: Warum sollte das Smartphone dabei nicht im Bett liegen?

Es gibt Dinge, die wir in dem vollen Bewusstsein machen, dass sie uns nicht guttun. Dazu gehört unter anderem, direkt vor dem Schlafengehen noch in einem Rabbithole auf Instagram, Tiktok oder X zu verschwinden: nicht gut und trotzdem eine regelmäßige Abendroutine für die meisten von uns.

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