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Wann hört man als Mutter auf, sich diese ständigen, quälenden Fragen zu stellen? (Symbolbild) Bild: Tetra images RF / JGI/Jamie Grill

watson-Kolumne

Fragen, die sich eine Mutter stellt: "Warum gibt es dafür keine Anleitung, die bei der Geburt mitgeliefert wird?"

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

In dem Moment, in dem ich wusste, dass ich schwanger war, habe ich angefangen, mir Gedanken zu machen. Und das wird auch nach drei Jahren kein Stück besser: Alles in meinem Leben kreist um dieses Kind. Und nein, spart euch den Verweis auf heutige Helikopter-Eltern.

Dass ich keine Mutter bin, die ihr Kind als Lebensmittelpunkt und größten Goldschatz sieht, den sie Tag und Nacht hütet, dürfte inzwischen klar sein. Es passiert einfach: Ein Kind gräbt sich in jeden Bereich deines Lebens und den Gedanken bleibt nichts anderes übrig, als sich damit zu beschäftigen – ständig. Und damit meine ich nicht mal den normalen Alltagswahnsinn, der nebenbei läuft.

Abgesehen vom durchgehenden Managen des täglichen Lebens und langen Listen, die sich im Hinterkopf befinden, sind es unterschiedliche Situationen, die mich gedanklich in Beschlag nehmen. So sehr, dass kaum Platz für Überlegungen bleibt, die mich und mein Leben als Frau, nicht als Mutter, betreffen.

Bin ich Laissez-Faire, bedürfnisorientiert oder einfach nur resigniert?

Neulich versuchte mir mein Sohn zu erklären, welches Spielzeug er auch gerne hätte. Tasse? Tasche? Nein Mama! Waaaas denn? Am Ende war es eine Kasse, um Kaufladen zu spielen. Brauche ich einen Logopäden-Termin oder wird sich das noch ändern?

"Ist das jetzt normal, dass er keine Mahlzeit einnehmen kann, ohne nach jedem Bissen, den er sich ausschließlich mit den Fingern in den Mund gestopft hat, eine Runde im Wohnzimmer zu rennen?"

Dann könnte ich auch gleich zum Ohrenarzt, weil er grundsätzlich in einer Lautstärke spricht, als würde ich mich am anderen Ende einer Turnhalle befinden. Und ist das jetzt normal, dass er keine Mahlzeit einnehmen kann, ohne nach jedem Bissen, den er sich ausschließlich mit den Fingern in den Mund gestopft hat, eine Runde im Wohnzimmer zu rennen? Und wenn wir das unkommentiert lassen, sind wir schon Laissez-Faire oder noch bedürfnisorientiert? Oder einfach nur resigniert, weil wir ehrlich gesagt ganz andere Probleme haben?

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Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich. Bild: Emmy Lupin Studio

Unsere Autorin...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Soll ich das essen, was mein Kind isst, oder koche ich mir heute ein leckeres Gericht und er hat Pech gehabt – gibt's eben Brot? Warum bringen sogenannte Mompreneurs immer nur Babymode-Kollektionen auf den Markt statt einen Onlineshop für gebrauchte fucking-überteuerte Tonies-Hörfiguren?

Wenn mein Sohn zu mir sagt "Ich schieße dich ab", muss ich das dann jedes Mal pädagogisch aufarbeiten oder ist Ignorieren auch ok? Darf ich ihn in der Notbetreuung anmelden, weil gefühlsmäßig für mich "unbedingt notwendig" zutrifft oder wäre das verantwortungslos?

Setze ich mit seinen Thermo-Winterstiefeln die Grundlage für lebenslange Schweißfüße? Wenn ich ihm jede Woche ein Kinderbuch kaufe, damit wir eine Beschäftigung haben, wird er dann verwöhnt? Welchen Sinn hat die musikalische Früherziehung per Zoom, wenn ich am Ende immer alleine mit Instrumenten vor dem Bildschirm rumhampele? Ist es umweltfreundlicher, ihm weniger Unterhosen zu kaufen und diese öfters zu waschen oder fünf weitere zu besorgen, die ihm schon bald nicht mehr passen werden?

"Drei Kinder scheinen der neue Trend um mich herum zu sein. Wie kriegen die das alle hin, ohne völlig auszurasten, oder bin ich etwa hochsensibel?"

Soll ich meinen Eltern ihren Enkelsohn verweigern, um sie vor einer Ansteckung zu schützen, oder nehme ich ihre Hilfe in Anspruch, damit nicht ich bald anderweitige Hilfe benötige? Wird die wunderschöne Kinderzimmer-Deko, die ich in aufwändiger Recherche ausgewählt habe, einen Sinn für Ästhetik in ihm wecken oder war alles umsonst? Wird mir dieses Kind beim Online-Yoga mit einem gezielten Sprung gleich einen Genickbruch verpassen oder kann ich es wagen, mich ins Shavasana zu begeben?

Drei Kinder scheinen der neue Trend um mich herum zu sein. Wie kriegen die das alle hin, ohne völlig auszurasten, oder bin ich etwa hochsensibel? Warum hat noch niemand bei der Synchronisationsfirma der Serie Peppa Wutz Rabatz gemacht, weil dieses vorlaute Schweinchen ständig "dummer Papa" sagt – und mein Sohn jetzt auch?

Wollen wir weniger schlafen, um mehr kinderfreie Zeit zu genießen?

Letztens wollte er wissen wie ein Kind entsteht. Muss ich jetzt das volle Aufklärungsprogramm auffahren – mit drei Jahren? Und warum gibt es dafür keine Anleitung, die bei der Geburt mitgeliefert wird? Ist es ignorant, klassische Kinderbücher vorzulesen, die nicht divers sind? Bleiben mein Mann und ich noch auf, um wenigstens etwas kinderfreie Zeit zu genießen, auch wenn wir die Entscheidung um 6.15 Uhr wieder zutiefst verfluchen?

"Überlebt unser Sessel, wenn er noch dreimal von der Lehne springt? Und überlebt das Kind?"

Warum werden mir tonnenschwere Wobbel-Boards von Influencern als heißer Scheiß aus Skandinavien verkauft, obwohl sie die pure Verletzungsgefahr darstellen? Verblödet mein Sohn bei der Serie "Bobo", weil dieser dreijährige Siebenschläfer die körperliche Fähigkeit eines Vierjährigen besitzt, aber das Sprachniveau eines Einjährigen? Soll ich ihn das Geschirr "abspülen" lassen und in Kauf nehmen, dass gleich das Wasser an sämtlichen Küchenschränken entlang und in Schubladen hineinlaufen wird? Überlebt unser Sessel, wenn er noch dreimal von der Lehne springt? Und überlebt das Kind?

Oh, ich vermisse die Zeiten, in denen es darum ging, den perfekten Film für Dienstagabend ausfindig zu machen, indem ich zuvor eine Stunde lang das Kinoprogramm studierte, Kritiken recherchierte und Trailer ansah. Ich freue mich auf den Tag, an dem solche Themen erneut bei mir einziehen. Statt einer Bestätigung für den "Musik für Mäuse"-Kurs lese ich dann endlich wieder im Betreff: "Deine Kinoticket-Reservierung".

Meinung

Kinder im Dauerstress: Warum die Kindheit mit dem Kita-Besuch aufhört

Ilona Böhnke ist Erzieherin in Dortmund. In ihrer 40-jährigen Laufbahn hat sie eine wichtige Beobachtung gemacht: Kinder verbringen immer mehr Zeit in Kitas, deren Alltag ist durchgetaktet. Dass Spielen nach Stundenplan und das ständige Zusammensein in der Gruppe auch Arbeit für die Kinder bedeutet, wissen viele Erwachsene nicht. Böhnke warnt nun vor möglichen Folgen.

Morgens Mathe, dann Bildungsbereich Natur bis mittags. Nach der Mittagspause Entspannung, vielleicht noch eine Runde Malen oder Singkreis und dann noch Turnen, bis es wieder nach Hause geht.

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