Worried woman working at home and holding her crying little son

Manchmal hat man als Mutter schon am frühen Morgen keine Energie mehr. Bild: E+ / aluxum

watson-Kolumne

Seit ich Mutter bin, habe ich nur noch einen einzigen Wunsch zum Geburtstag

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Es gibt Tage, an denen bin ich völlig erschöpft, ausgelaugt, am Ende. Die komplette Energie, die mein Körper für diesen Tag zur Verfügung stellt, ist aufgebraucht – um 8.30 Uhr.

Ich habe meinen Sohn im Kindergarten abgegeben und möchte am liebsten zurück ins Bett, durchschlafen bis zum nächsten Tag, bitteschön. Hinter mir liegt nämlich ein Morgen mit nicht-aufstehen-wollen, nicht-anziehen-wollen, nicht-frühstücken-wollen, schon-gar-nicht-Zähne-putzen-wollen, nicht-diese-Schuhe-tragen-wollen, nicht-ins-Auto-einsteigen-wollen, nicht-aus-dem-Auto-aussteigen-wollen, nicht-in-den-Kindergarten-gehen-wollen. Dazwischen ich, mit Erklärungsversuchen, mit lauter werden, mit Geschrei, mit am Arm packen, mit Gebrüll.

Als ich ihn halb in den Kindergarten zerre, ruft mir eine Mutter verschwörerisch "Tief durchatmen" zu. Mein Energielevel reicht heute eigentlich nur noch für ein einziges Wort:

"Fresse"

Stattdessen lächle ich gequält. An Tagen wie diesen wünsche ich mir nur eines: das berühmte Dorf, das es braucht, ein Kind großzuziehen. Ich würde ihn mittags zu meinen Eltern rüberschieben, um durchzuschnaufen, bis das nicht minder anstrengende Abendprogramm startet. Selbst an Tagen, an denen sich die Trotzphase/der Entwicklungsschub/der "starke Charakter" ausnahmsweise im Zaum halten, gibt es so viele Situationen, in denen ich Hilfe gebrauchen könnte.

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Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich. Bild: Emmy Lupin Studio

Unsere Autorin...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Wenn mein Mann und ich etwas ohne Kind machen wollen, geht das nie spontan

Dabei geht es gar nicht immer um lange Auszeiten, sondern um kleine Momente im Alltag: Mal eben eine Besorgung alleine erledigen, für eine Stunde weiterarbeiten, um die kreative Phase zu nutzen, nach fünf schlimmen Nächten einen Sonntagmorgen ausschlafen dürfen. Ein Schwager, der ihn mit auf den Spielplatz nimmt. Eine befreundete Nachbarin, die in dieser stressigen Woche für mich mit einkauft. Ein Opa, der mittwochs die Kinderturnstunde wuppt. Cousins ums Eck, bei denen ich ihn für einen Nachmittag parken kann, weil die Jungs zusammen ein Selbstläufer sind.

Ich kann mich gut erinnern, wie ich als junges Mädchen bei Freunden meiner Eltern auf die Kinder aufgepasst habe. Mal nachmittags, mal abends, mal am Wochenende. Die Jungs waren wie Geschwister für mich, ein paar Mark gab's auch dafür und am tollsten fand ich, wenn sie mich ab und zu zum Pizzaessen eingeladen haben. Oder auf ein Eis. Alles war unkompliziert und oft spontan.

Nur noch ein einziger Wunsch zum Geburtstag

"Ich wünsche mir ausschließlich Babysitter-Gutscheine von meinen Geschwistern und freie Wochenenden von meiner Schwiegermutter, damit ich entfernte Freunde besuchen kann."

Wenn mein Mann und ich ins Kino gehen möchten, ist alles durchgeplant. Dann kostet uns ein solcher Abend mit Babysitterin – wenn wir es mit Popcorn und Getränk so richtig knallen lassen – fast 80 Euro. Sogar das wäre es mir wert. Doch die Babysitterin, die unser Sohn jetzt kennt und meistens akzeptiert, muss Zeit haben, weil sie selbst Mutter von drei älteren Kindern ist.

So sehr ich immer unabhängig sein und in den Metropolen dieser Welt leben wollte, so sehr verstehe ich jetzt das Prinzip Großfamilie und die Struktur einer Dorfgemeinschaft. Ich habe sogar eine ziemlich große Familie, doch diese ist über fünf Bundesländer verteilt. Inzwischen sehne ich Feiertage und Feste herbei, wenn alle zusammenkommen. Kündigt sich meine Schwester für ein Wochenende an, freue ich mich Tage vorher darauf. Ich wünsche mir ausschließlich Babysitter-Gutscheine von meinen Geschwistern und freie Wochenenden von meiner Schwiegermutter, damit ich entfernte Freunde besuchen kann.

Würde die Familie in derselben Stadt wohnen, wäre das unbezahlbar

Mein eindringlichstes Erlebnis? Durch Corona fiel Verreisen dieses Jahr aus. Stattdessen planten wir eine Woche Sommerurlaub mit der ganzen Familie bei meinen Eltern. Von dort aus wollten wir kleinere Ausflüge in der Umgebung machen. Zum ersten Mal seit drei Jahren kamen Urlaubsgefühle bei mir auf: weil mit Tanten, Onkel, Oma und Opa sechs Rund-um-die-Uhr-Babysitter auf einen Schlag vorhanden waren. Ich hatte meinen sonst sehr anhänglichen Sohn nur noch nachts im Bett an mir kleben. Es war entspannend, erholsam, das Paradies.

"Was tun, wenn die Reserven um 8.30 Uhr bereits verpufft sind? Und, mal ganz nebenbei, wo bleibe ich?"

Die ursprünglichen Großfamilienstrukturen sehen heute jedoch ganz anders aus: Jeder richtet sich nach seinem Job oder Partnerschaften und so verteilen sich Familien übers ganze Land – und manchmal auch über Grenzen hinaus. Wie soll das also funktionieren?

Wie schaffe ich es, ein Kind tagsüber und nachts alleine oder als Paar zu erziehen, es altersgerecht zu bespaßen, seine vielfältigen Bedürfnisse zu erfüllen? Was tun, wenn die Reserven um 8.30 Uhr bereits verpufft sind? Und, mal ganz nebenbei, wo bleibe ich? Meine Arbeit, meine Interessen, mein Leben?

Natürlich lässt sich auch aus Freunden und Bekannten ein Netzwerk aufbauen. Und wer die finanziellen Mittel hat, zieht Dienstleister hinzu. Doch mein noch kinderloser Bruder oder die eigene Mutter sind unbezahlbar. Weil sie für meinen Sohn eben Familie sind. Würden wir in derselben Stadt wohnen, ich könnte immer anrufen. Auch dann, wenn ein schlimmer Montagmorgen hinter mir liegt und der Grund für meinen Hilferuf lauten würde: Ich muss ganz dringend ins Bett, einfach nur schlafen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Jacky 05.10.2020 21:19
    Highlight Highlight Ich kann das gut verstehen. Mein Mann arbeitet von 7-17, ich habe unsere Kleine den ganzen Tag an der Backe. Ich habe aber das Glück, das meine Mutter nur ein paar Meter weg wohnt. Doch auch leider arbeitet sie in Vollzeit und hat somit nicht immer die Zeit, aufzupassen. Meine Schwiegermutter würde gerne, hat aber ein Alk-Problem, darf also nicht.
    Manchmal wird man dann nachts geweckt vom schreienden Kind, und ist direkt genervt und ausgelaugt für den noch nicht angebrochen Tag. Das Kind ist um 7 ausgeschlafen, will toben. Man ist müde, aber der Haushalt wartet...
  • Ste Graever 05.10.2020 21:03
    Highlight Highlight Mimimi... sie soll das mal mit zwei oder mehr Kids machen. 1 Kind ist doch ein Witz. Ehrlich
  • stahlbau-grauerwolf 05.10.2020 11:10
    Highlight Highlight stress im Altag.
    Wir Fam. aus Ost 50/60ziger a, ohne Auto und Tel.,
    beide berufstätig in Leitugsfunktion,
    zu Fuß oder öffentl. Verkehrsmittel mit zwei Kleinkinder
    in die Kita oder Kindergarten.
    5Uhr wecken, fertigmachen, spätestens 5,45Uhr Abmarsch, 7uhr fing die Arbeit an, zum Glück kein Schichtdienst.
    16Uhr Feierabend, manchmal und oft auch später, man
    muste sich dann absprechen, wegen Kinder abholen.
    Ab nach Hause 17,30Uhr Kinder fertigmachen, spätestens 20Uhr schlafen gehen.
    Hauswirtschaft machen und einkaufen musten auch
    noch erfolgen.
    Ging alles nur in Zweisamkeit als Fam.
    und ging ok.
    • stahlbau-grauerwolf 05.10.2020 11:24
      Highlight Highlight Im Nachgang, unsere Kinder, noch im Berufsleben,
      selbst Kinder, haben in der Zeit keinen Schaden davongetragen, um das gleich mal klarzustellen;
      trotz Warnungen aus dem Westen.
  • ladyhamilton 05.10.2020 10:57
    Highlight Highlight Ich finde es mutig und erfrischend, dass eine Mama hier ihren Alltag schildert, der sie so müde werden lässt. Meine Frage dazu wäre, wie alt ist das Kind? Kindergarten scheint ja vorhanden zu sein, also dann einfach nochmal ab ins Bett. Mein kleiner Enkel hat eine Tagesmutter bis 15 Uhr und der Schüler kommt um 14 oder 15 Uhr nach Hause. Da muss es doch Möglichkeiten geben?!
  • Patrick Engels 05.10.2020 09:43
    Highlight Highlight Ich hör nur Mimimimimi.....
    Sie hat wenigstens noch einen Partner. Was ist mit alleinerziehenden? Das ist nochmal eine Schippe heftiger!

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