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Einen Mann zu daten, der in einer offenen Beziehung ist, findet unsere Autorin großartig. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / dragana991

Ich bin die Drittfrau: Wie ich die perfekte Beziehung gefunden habe – zumindest für jetzt

"Bett halbvoll/halbleer" – die Dating-Kolumne von watson

Joshuas Wohnung ist genau so viel unaufgeräumt, dass es gemütlich ist. Jedes Zimmer ist vollgestopft mit Büchern, hin und wieder ein Bild an der Wand, Töpfchen mit Basilikum auf dem Balkon. An einer Wand hängt ein getrockneter Blumenstrauß, vom dem Joshua nicht mehr weiß, woher der kommt.

Wir setzen uns in die Küche. "Pils oder Traubenschorle?", fragt Joshua mich. Ich habe nicht viel übrig für Traubenschorle, also Pils. Wir setzen uns an den Küchentisch und plaudern – über Arbeit, Studium, Karls Erdbeerhof in der Nähe von Berlin.

Unser erstes Treffen war vor Monaten, bei Nieselregen und viel Abstand

Ich habe Joshua bereits vor Monaten über eine Dating-App kennengelernt. Damals haben wir uns in der Mittagspause zum Spazierengehen getroffen. Bei Nieselregen und viel Abstand sind wir durch einen Park in Berlin-Mitte gelaufen und haben darüber gesprochen, was wir suchen. Ich: nichts Bestimmtes.

Er: quasi eine Sex-Freundin. Jemand, mit dem man sich gut versteht, mit dem man aber auch schlafen kann. Weil Joshua schon eine feste Freundin hat.

Und eine Sex-Freundin.

Bei besagtem Spaziergang im Regen war ich also quasi die Anwärterin für Platz 3. Wobei ich mir sicher bin, dass Joshua niemals in solchen Hierarchien denken würde.

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Bild: emmy lupin studio

Unsere Autorin...

... ist Single, Anfang 30 und lebt in Berlin. Bei ersten Dates wird sie regelmäßig gefragt, ob sie darüber schreiben wird. Sie antwortet dann meist: "Das hängt davon ab, ob du schon etwas ganz Großartiges im Leben gemacht hast – oder gleich etwas richtig Bescheuertes tust."

Joshua und seine Freundin haben nach 12 Jahren beschlossen, ihre Beziehung zu öffnen – sie schlafen also beide mit anderen Menschen. Mittlerweile machen sie das seit gut einem Jahr und fahren wohl ganz gut mit dem Modell: Beide haben weitere Sex-Partner, beide reden offen darüber, ohne sich die Details gegenseitig auf die Nase zu binden.

"Naja, viel und offene Kommunikation ist halt wichtig. Aber das ist es ja irgendwie immer."

Ich fragte Joshua damals, ob Eifersucht ein Thema sei – und komischerweise nicht. Joshua hätte selbst gedacht, dass er ein eifersüchtigerer Typ sei. "Wäre das nicht so ausgeglichen bei uns, wäre das wohl problematischer", meinte er. Naja, und viel und offene Kommunikation ist halt wichtig. Aber das ist es ja irgendwie immer.

Wir haben nicht sofort miteinander geschlafen

Miteinander geschlafen haben Joshua und ich zum ersten Mal erst ein paar Treffen und Monate später. Und ab dem Moment, in dem Joshua mich beim Abschied hochhob und stürmisch küsste, dachte ich: Prima, ich habe die perfekte Beziehung gefunden. Zumindest für jetzt. Mit Joshua gibt es kein blödes Status-Gehabe, keine komischen Ego-Komplexe und sollte ich ein Problem haben, kann ich es einfach ansprechen, so fühlt es sich zumindest an. Plus: Nach dem Sex ist klar, dass er heimfährt zu seiner Freundin und ich hab mein Bett für mich allein. Wie großartig.

Meine Freunde finden das teilweise ziemlich komisch. Dass Joshua und seine Freundin sich etwas vormachen würden zum Beispiel, weil man so ja keine Beziehung führen kann. Oder, dass sie bestimmt die ganze Zeit eifersüchtig sind. Oder, dass ich mich ja bestimmt in Joshua verliebe und dann wird das alles ganz kompliziert und furchtbar.

"Weil der Mann in einer langjährigen Partnerschaft ist und sich sehr bewusst macht, was er tut, kann ich mich entspannen und die ganze Sache genießen. Ich profitiere von einer Beziehung, die ich nicht selbst führen muss."

Ich habe, ganz im Gegenteil, den Eindruck, dass Joshuas Beziehung sehr stabil und harmonisch wirkt – gerade wegen der Offenheit. Weil das eben ganz automatisch mit sich bringt, Bedürfnisse zu hinterfragen und zu kommunizieren. Weil man auch über Gefühle wie Eifersucht spricht, die tabuisiert oder ignoriert werden. Und irgendwie scheint dieses Beziehungskonzept etwas stark Verbindendes zu haben: Weil eine Beziehung öffnen kann man nur zusammen, meint Joshua.

Ich sehe es eher so: Weil der Mann in einer langjährigen Partnerschaft ist und sich sehr bewusst macht, was er tut, kann ich mich entspannen und die ganze Sache genießen. Ich profitiere von einer Beziehung, die ich nicht selbst führen muss.

Dass ich die Drittfrau bin – darüber muss Joshua lachen

Unser letztes Date war wieder sehr schön: Nachdem wir unser Bier ausgetrunken haben, hatten wir großartigen Sex, lagen hinterher nackt zusammen im Bett und haben Erdbeeren gegessen. Ich sagte, dass ich ja jetzt quasi die Drittfrau bin – darüber musste Joshua sehr lachen und sagte: "Willkommen in meinem Polycule", also in seiner nicht-monogamen Beziehungswelt. Irgendwie nett. Und nach noch mehr Sex und gemeinsamen Duschen spazierte ich mit nassen Haaren nachts heim und fühlte mich so entspannt wie selten.

Der einzige Nachteil an der ganzen Sache ist: Wer so viele Beziehungspartner hat, braucht ein solides Zeitmanagement, damit jeder auf seine Kosten kommt. Vor Kurzem sind Joshua und ich tatsächlich den ganzen Sommer durchgegangen, um zu planen, wann wir uns sehen können. "Polycule unter Realbedingungen", schreibt er mir bei Whatsapp, "das wird noch spannend." Ja, das glaube ich auch.

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