Kleiner Junge weint.

Der Sohn unserer Autorin ist sehr temperamentvoll. (Symbolbild) Bild: E+ / skynesher

Mutter: "Warum ich ein Mädchen wollte – und jetzt mit einem Jungen überfordert bin"

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Als ich schwanger wurde, war mir klar, das würde ein Mädchen werden. Ich spürte es sofort. Etwas anderes kam auch nicht infrage, weil ich mir einen Jungen erst gar nicht vorstellen konnte. Dabei ging es mir nicht um Mini-Me-Looks, rosa Tüllröcke oder geflochtene Zopfkunstwerke. Das eigene Geschlecht war mir einfach vertraut.

Da mein Mann ahnte, ich würde enttäuscht, ja vielleicht geschockt sein, schlug er vor, uns bis zur Geburt überraschen zu lassen. Als unser Sohn zur Welt kam, war mir das Geschlecht tatsächlich egal, Thema erledigt. Dachte ich zumindest.

Nach sechs Wochen fing ich an, die ersten feinen Unterschiede um mich herum wahrzunehmen. Warum dösten die Mädchen im Rückbildungskurs friedlich auf ihren Decken, während mein Sohn vor Gebrüll blau anlief? Warum machten die Mädels glucksende Geräusche, wenn sie Hunger hatten, während dieses Kerlchen sofort explodierte? Ich hatte wohl ein temperamentvolles Exemplar erwischt, dachte ich.

"Als meine Bekannte letztens im Café ihrer einjährigen Tochter zurief, sie solle bitte zurückkommen und die Keramik, die dort zu kaufen war, nicht anfassen, drehte sich das Mädchen ernsthaft um. In dem Alter hätte mein Sohn einmal das komplette Regal abgeräumt und sich über abertausende Scherben gefreut."

Inzwischen bin ich nach eigenen Erfahrungswerten überzeugt: Ein Großteil der Jungs ist fordernder, anstrengender, provokativer, brutaler und energiegeladener. Mädchen dagegen sind – meistens – pflegeleichter. Zurückhaltender, genügsamer und braver. Als meine Bekannte letztens im Café ihrer einjährigen Tochter zurief, sie solle bitte zurückkommen und die Keramik, die dort zu kaufen war, nicht anfassen, drehte sich das Mädchen ernsthaft um. In dem Alter hätte mein Sohn einmal das komplette Regal abgeräumt und sich über abertausende Scherben gefreut.

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Bild: Emmy Lupin Studio

Unsere Autorin...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Mein Sohn interessiert sich für typische Jungs-Sachen

Veraltete Geschlechter-Klischees oder im Durchschnitt eben doch die Wahrheit? Das habe ich mich oft gefragt. Ich für meinen persönlichen Fall kann nur sagen: Ich habe alles versucht, um aus meinem Sohn keinen Klischee-Jungen zu machen. Habe ihm kreative Arbeiten angeboten, Kinderbücher abseits der üblichen Themen vorgelesen und ihm Puppen gekauft. Alles umsonst. Liefen wir jedoch an einer Baustelle vorbei, weigerte er sich weiterzugehen, da Bagger, Betonmischer und Kran eine magische Faszination ausübten.

"Bei Rollenspielen kann ich zwischen 'Unfall im Tunnel' und 'Hebebühne in der Werkstatt' wählen.

Als ich an Ostern am Ende alleine am Tisch saß und den Eierkarton grün bepinselte, weil mein Sohn nach einer Minute "eine kurze Pause" machen wollte, aus der er nie zurückkehrte, gab ich es endgültig auf. Stattdessen besitzt er jetzt einen Bagger, pardon, Radlader, mit dem er die Kastanien aus dem Garten verlädt, nachdem er sie mit möglichst gefährlichen Gartenwerkzeugen aus den Ästen geschlagen hat. Er liebt Heckenscheren (aber bitte nur die langen ab 50 cm), Rasenmäher, Schubkarren, Werkzeugkästen, Tankstellen, Waschstraßen, Autowerkstätten, die Müllabfuhr und natürlich Baustellen jeder Art. Er brennt für Scheren, möglichst scharfe Messer und Feuer. Ihm fällt jeder Geländewagen auf der Straße auf und sein größtes Glück ist es, wenn er vorne im Firmen-Transporter seines Vaters mitfahren und später von der hydraulischen Laderampe springen darf. Bei Rollenspielen kann ich zwischen "Unfall im Tunnel" und "Hebebühne in der Werkstatt" wählen.

Ich könnte es positiv sehen: Mein Wissen hat sich enorm erweitert. Ich weiß jetzt dank eines fünfminütigen Erklärvideos, das ich bereits 27 Mal gesehen habe, was eine Rüttelplatte ist und wie diese funktioniert, sollte ich je in die Situation kommen, eine zu befüllen (bitte nur Viertakt!) oder anzuschmeißen (Kraftstoffhahn öffnen, Choke einschalten, An-Aus-Schalter in Position 1, Starterkabel ziehen).

Täglich will mein Sohn am liebsten Kämpfen spielen

Mag jetzt alles lustig klingen, aber diese Interessen machen mir das Leben verdammt schwer. Weil sie mich selbst einen Scheiß interessieren. Somit muss ich mich permanent zwingen, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mir keinen Spaß machen. Und zweitens kommen dazu eine unglaubliche Energie und Temperament. Ich schwöre, mein Sohn hat noch nie irgendetwas mit Kampf-Thematik zu sehen bekommen. Wir sind noch nicht mal bei Ritter und Piraten angelangt. Und trotzdem steckt es einfach in ihm drin. Täglich lautet seine Antwort auf meine Frage, was er jetzt spielen wolle: Kämpfen!

"Ich habe mal gelesen, dass Körperlichkeit für Jungs extrem wichtig ist, da sie sich spüren wollen. Für mich ist es leider extrem nervig."

Ich weigere mich stets, aber manchmal überkommt es ihn einfach, dann springt er ohne Ankündigung auf mich drauf. Ich habe mal gelesen, dass Körperlichkeit für Jungs extrem wichtig ist, da sie sich spüren wollen. Für mich ist es leider extrem nervig. Weil ich mir bescheuert vorkomme, ihn so fest mit Kissen abzuwerfen, dass er jedes Mal auf den Teppichboden knallt, kurz bevor er das Sofa erreicht. Mein Mann hat scheinbar kein Problem damit. Er kommt dem Kissenschlacht-Wunsch unseres Sohnes gerne nach und ich kann sehen, wie sein Kampfgeist entflammt.

Soll ich meinem Sohn weiterhin Puppen schmackhaft machen?

Mein dreijähriger Sohn möchte Action, kein Spielzeug. Er funktioniert die Schaufel zur laut röhrenden Motorsäge um, statt damit Sandkuchen zu backen. Er versucht, Baumgipfel zu erklimmen, und er schafft es, 20 Minuten am Stück mit Motorgeräuschen im Kreis zu rennen. Er schuftet tatsächlich mehrere Stunden im Garten mit, Hauptsache ein Spaten, Rechen oder Besen kommt zum Einsatz.

"Zumindest eine Fahne kann ich noch hochhalten: Ich habe ihn von Anfang an so gekleidet, wie es mir gefiel. Zu meinen Favoriten zählen Pullover in sämtlichen Lila-Nuancen, coole Print-Leggings und roséfarbene Unterwäsche."

Bei all dem ist mir bewusst geworden, wie wichtig der Vater für diesen Jungen ist. Da er eine Vielzahl seiner Interessen teilt und sogar Spaß dabei hat. Blöderweise verbringe ich den Großteil des Tages alleine mit meinem Sohn – und das laugt mich aus. Zudem bin ich maximal verunsichert: Muss ich ihm weiterhin das Puppenspiel schmackhaft machen? Soll ich ihn regelmäßig zum Malen und Basteln zwingen?

Zumindest eine Fahne kann ich noch hochhalten: Ich habe ihn von Anfang an so gekleidet, wie es mir gefiel. Zu meinen Favoriten zählen Pullover in sämtlichen Lila-Nuancen, coole Print-Leggings und roséfarbene Unterwäsche. Während die meisten in seinem Alter inzwischen auf Blau stehen, nimmt er meine Klamottenauswahl kommentarlos hin. Ich warte jedoch auf den Tag, bis ihn ein böses Kindergartenkind verspottet und er seine fliederfarbene Strickmütze nicht mehr tragen möchte. Dann werde ich endgültig eine typische Jungs-Mama sein. Fehlt nur noch, dass ich uns eine Rüttelplatte zulege.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Janette P. 20.11.2020 08:05
    Highlight Highlight Vielleicht sollte man sich auch überlegen, dass wenn die Mutter so ein ablehnender, egoistischer und agressiver (wenn vllt auch nur gedanklich) Mensch ist, es kein Wunder ist, dass das Kind nicht ausgeglichen ist. Das arme Kind hatte seit der Geburt keine Chance etwas richtig zu machen, nur weil die Mutter ein Kind bekam , obwohl sie eine Puppe, die man beliebig an- und ausschalten kann, gebraucht hätte. Einfach traurig. Wenn mein Sohn später im Garten mitwerkeln will, würde ich mich freuen.
  • SamTheSham 19.11.2020 19:17
    Highlight Highlight Diesen Artikel habe ich mit dem allergrößten Vergnügen gelesen. Als Vater von sechs Kindern (vier Pflegekinder, zwei leibliche) kann ich der Autorin nur beipflichten – mit umgekehrten Vorzeichen. Meine vier Söhne haben mir nie wirklich das Leben schwer gemacht: Obwohl manchmal chaotisch und sturköpfig kam ich bestens mit ihnen klar. Klare Ansagen, klar aufgezeigte Konsequenzen und ein dickes Lob bei Erfüllung haben ausgereicht, sie auf dem Kurs zu halten. Die Mädchen? Schwierig. Mit einem Diskutier-Gen ausgestattet haben sie alles und jeden in Zweifel gezogen. Tiefer Seufzer.
  • Rolli 19.11.2020 19:11
    Highlight Highlight der Artikel ist hoffentlich mit dem Vater des Jungen abgestimmt. Ansonsten muss dieser seinem Sohn später mal viel erklären...........
  • Sascha Hennenberger 17.11.2020 08:35
    Highlight Highlight Bei uns war es andersrum: Unser erstgeborener Sohn ist superruhig und entspannt, während die Mädels, die später kamen viel quirliger und eigensinniger sind. Da spiegelt sich aber auch viel von den Eltern: wir sind mit 3 Kindern gestresster, als wir es mit einem einzigen Kind waren. Sind wir entspannter, sind auch die Kinder entspannter.
    Ich vermute mal, dass sich viel (evtl auch Negatives) von der Mutter in diesem Fall / aus diesem Bericht unterbewusst an das Kind überträgt.
    Ich empfehle, sich einfach auf das Kind einzulassen. Ich nehme doch mal sehr an, dass die Mutter ihren Sohn liebt...
  • Rhabarber 16.11.2020 16:33
    Highlight Highlight Kinder reagieren sehr viel mehr auf Unterschwelliges als auf Ausgesprochenes. Ein Kind, das Ablehnung spürt, wird entweder zur folgsamen Aufziehpuppe für Eltern. Oder es will trotzig erst recht alles Abgelehnte.
    Auch das gesamte weitere Umfeld hat Einfluss. Auf der Baustelle sieht er mehrheitlich Männer. Also ist das interessant. Und so weiter. Ich kann gar nicht alles aufzählen. Die Kommentarfunktion ist viel zu kurz.
    Ich fürchte am heftigen Jungs-Ausdruck ist allem voran die mütterliche Ich-will-keinen-Jungen-Attitüde ursächlich. Ehrlich? Der Bub tut mir leid.

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