Das Leben mit Kind Nummer zwei ist alles anderes als entspannt.
Das Leben mit Kind Nummer zwei ist alles anderes als entspannt.Bild: iStockphoto / monkeybusinessimages
watson-Kolumne

Keine Minute Pause: "Willkommen in der Zwei-Kind-Realität"

14.11.2021, 10:02

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Meine Tochter ist jetzt drei Wochen alt. Und bevor ich darüber schreibe, in welchem unbefriedigenden Zustand ich mich aktuell mit zwei Kindern befinde, eines vorweg: Ich bin dankbar, dass dieses Kind ohne Komplikationen und gesund zur Welt kam. Ich bin dankbar, dass ich dieses Mal bereits am zweiten Tag nach der Geburt körperlich in der Lage war, selbstständig auf Toilette zu gehen. Ich bin dankbar, dass dieses Kind die ersten zwölf Tage fast nur geschlafen hat und ich erfahren durfte, wie es sich anfühlt, sanft zu starten und erst mal zu genesen.

Nach zwei Wochen reiste meine Schwiegermutter ab und die eigentlich abgesprochenen, kürzeren Arbeitszeiten meines selbstständigen Mannes dehnten sich fast wieder auf Normalniveau aus. Also sitze ich mit einem Vierjährigen und einem zwei Wochen alten Baby nachmittags alleine zuhause. Und finde mich in den absurdesten Situationen wieder. Ich fühle mich gehandicapt, den Alltag normal zu gestalten. Banalste Handlungen und Abläufe sind plötzlich nicht mehr möglich. So oft bin ich einfach hilflos. Der Kühlschrank ist inzwischen fast leer. Mit Neugeborenem und Vierjährigem in den Supermarkt, Einkäufe ins Auto schleppen und anschließend ins Haus? Nein danke.

"Banalste Handlungen und Abläufe sind plötzlich nicht mehr möglich."

Also schicke ich abends meinen Mann zu Rewe, mit dem Kind, das eigentlich schon längst ins Bett müsste. Im Gehen ruft er mir zu, ich solle ihm die Einkaufsliste aufs Handy schicken. Ich muss das Baby rechts stillen, mit links tippen dauert ewig. Am Wochenende hat sich Besuch angekündigt und ich wollte ein Rezept vorbereiten, das sich in einem meiner Kochbücher befindet. Das Kochbuch herauszusuchen, aufzuschlagen und die Zutaten abzutippen ist aber gerade unmöglich. Im Nachhinein kommt mir die Problematik lächerlich vor aber in dem Moment bin ich komplett überfordert. Mein Mann schreibt bei WhatsApp: "Wir warten…" Fuck, ja. Am Ende lege ich das Kind ab und tippe mit Protestgeschrei im Hintergrund die wichtigsten Basics ein, die wir dringend benötigen. Alles andere muss später besorgt werden, keine Ahnung wie ich das hinbekommen werde.

Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich.
Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich.emmy lupin studio

Unsere Autorin...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Manchmal lese ich von Mehrfach-Müttern, die davon schwärmen, wie sie sich im Wochenbett sechs Wochen lang mit Baby im Schlafzimmer eingekuschelt und das Haus nicht verlassen haben. Ich frage mich, wie verdammt noch mal das ohne mindestens drei Bedienstete funktionieren soll – ohne Köchin, Haushaltshilfe und Nanny, die die restlichen Kinder managed? Mein Leben ist plötzlich wieder eine Aneinanderreihung von Problemsituationen, die ich bereits vergessen hatte oder noch nicht kannte.

"Mein Leben ist plötzlich wieder eine Aneinanderreihung von Problemsituationen, die ich bereits vergessen hatte oder noch nicht kannte."

Ich muss den Vierjährigen im Kindergarten abholen und bin viel zu spät, weil ich Wickeln, Stillen und ins Winter-Outfit hineinwurschteln zeitlich komplett unterschätzt habe. Ich kämpfe mit der Babytrage am Auto, weil der Klettverschluss ständig in meinem Wollpulli hängen bleibt. Die Wäsche liegt seit zwei Tagen in der Waschmaschine, denn immer wenn ich daran denke, habe ich gerade das Kind im Arm oder an der Brust. Überhaupt ist Wäsche zur logistischen Herausforderung geworden, denn was hat jetzt Priorität? Meine blutverschmierten Wochenfluss-Laken, frische Unterhosen und Socken für den Sohn oder die vollgekackten Wollstrampler fürs Baby?

Ich reduziere meine Körperpflege auf ein Minimum, mache mich abends in zwei Minuten bettfertig, dusche im Schnellverfahren. Ich trage nur noch das eine Paar Boots, selbst zu Leggings, in die ich ohne Hände mit Kind auf dem Arm schlüpfen kann. Wenn der Postbote klingelt, bekomme ich Panik – weil ich das Paket dringend benötige aber mitten im Stillen stecke. Ich kämpfe jeden Tag damit, die Vitamin D-Tablette für das Baby nicht zu vergessen und noch mehr kämpfe ich damit, sie einhändig in einem Löffel mit Wasser aufzulösen. Seit drei Tagen fragt mich mein Sohn nach dem Stab für seine Laterne und ich antworte jedes Mal "gleich", weil nie ein passender Zeitpunkt für den Gang in den Keller ist.

"Das letzte Mal habe ich meine Haare kurz nach der Geburt gewaschen weshalb ich das Haus nicht mehr ohne Mütze verlasse."

Letztens holte ich meinen Sohn im Waldkindergarten ab – mit Baby auf dem Arm. Während er mich belagerte, versuchte ich parallel, ihren Kopf zu stützen und ihr immer wieder die Kapuze des noch viel zu großen Overalls aus dem Gesicht zu ziehen um einen Erstickungstod zu verhindern. Eine Mutter kam auf mich zu, lächelte mich an und sagte: "Wie entspannt du hier schon nach zwei Wochen mit Baby auf dem Arm stehst. Wahnsinn." Es sollte wohl ein Kompliment sein weil sie eine Mutter mit cooler Yoga-Pants und Strickmütze sah, die nicht leicht gekrümmt mit viel zu schwerer Babyschale am Arm ging, sondern lässig das Neugeborene hielt während sie ihr anderes Kind einsammelte.

Die Wahrheit? Ich war völlig abgehetzt hier angekommen und schwitzte wie verrückt weil ich viel zu spät losgefahren war. Meine zwei einzigen Leggings trage ich abwechselnd wirklich jeden Tag weil es morgens so schnell gehen muss, dass keine Zeit für komplizierte Outfits bleibt. Das letzte Mal habe ich meine Haare kurz nach der Geburt gewaschen, weshalb ich das Haus nicht mehr ohne Mütze verlasse. Und das Neugeborene trug ich nur deshalb auf dem Arm weil ich mich zeitlich nicht mehr in der Lage sah, den Kampf gegen passende Kinderwagen-Adapter für Babyschalen und sich verheddernde Babytragen aufzunehmen. Ich war so spät dran, dass ich das Kind einfach nur aus dem Auto nahm und in den Wald stürmte.

Ich schreibe diese Zeilen, während der Große im Kindergarten ist und das Baby in meinem Schoß liegt, abgestützt auf ein Stillkissen. Ich denke, ich bin in der Zwei-Kind-Realität angekommen.

Was passiert jetzt mit Notfall-Patienten? In welchen Bundesländern die Intensivstationen schon voll sind, wo es noch Kapazitäten gibt – und wie Patienten verlegt werden können

Das deutsche Gesundheitssystem ist am Limit: Immer mehr Bundesländer warnen, keine weiteren Intensivpatienten mehr aufnehmen zu können. Die Kapazitäten der Intensivstationen sind erschöpft. Die bayerischen Krankenhäuser warnen angesichts der ungebremst steigenden Corona-Infektionszahlen vor einer unmittelbar drohenden Überlastung: "Die aktuelle Lage ist so dramatisch, wie sie noch nie in der gesamten Pandemie-Zeit in Bayern war", sagte der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, Roland Engehausen, der "Augsburger Allgemeinen" bereits am 19. November. "Wir haben schon jetzt kaum noch Kapazitäten." Er warnt, dass sie "bald keine Chance mehr für Verlegungen innerhalb des Freistaats haben".

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