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Auf Instagram zeigen Mütter oft nur die schönen Seiten der Mutterschaft, doch das ist problematisch. Bild: iStockphoto / YakobchukOlena

Mutter-Kolumne: Warum mir Insta-Mums und Mumfluencer das Leben zur Hölle machen

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Eine Sache habe ich noch nie verstanden: Wieso meine Freundinnen und Bekannten, sobald sie Mutter wurden, ihre Profilbilder bei WhatsApp, Instagram oder Facebook durch die Köpfe ihrer Kinder ersetzten. Das Profil trägt doch deren Namen, also wieso kommuniziere ich jetzt plötzlich mit einem drei Monate alten Baby oder einem nackten Neugeborenen-Fuß?

Jaja, ich kann es mir schon vorstellen, das Bild ist süß und die Hormone sind gewaltig. Deshalb wird von vielen ein neu geborenes Baby bei Instagram angekündigt, ist ja ok, damit wird auch meine Neugier oft genug befriedigt. Was ich dagegen nicht ok finde: Dass ab sofort ausschließlich die positiven Momente des Mutterseins gezeigt und meistens völlig überzogen dargestellt werden.

"Welcher Elternzeit-Urlaub im Camper quer durch Neuseeland ist mit einem sechs Monate alten Kind durchgehend super gechillt, wie es dieses Happy Family-Bild ausstrahlt?"

Welches Kleinkind gibt seiner Mutter denn unaufgefordert ständig Küsschen auf den Mund? Welches Baby schläft stundenlang im stehenden Kinderwagen, während die Mutter im Café sitzt? Welcher Einjährige spielt schon selbstständig mit Bauklötzen? Welche Mutter mit Stillbaby ist jeden Tag perfekt gestylt und geschminkt? Und welcher Elternzeit-Urlaub im Camper quer durch Neuseeland ist mit einem sechs Monate alten Kind durchgehend super gechillt, wie es dieses Happy Family-Bild ausstrahlt?

Das alles sind Momentaufnahmen, die gleichzeitig suggerieren: Dein Kind schreit ständig, weshalb du keine Zeit hast, dich zu duschen? Tja, zufriedene Eltern, zufriedene Kinder. Euer Urlaub im Ausland war kein unvergessliches Abenteuer, sondern eine Katastrophe? Entspann' dich halt mal. Du bist als neu gewordene Mutter frustriert und fühlst dich isoliert, weil dir deine Freunde, dein Job, eine Auszeit und kreativer Input fehlen? Mutter zu sein ist doch das schönste Gefühl der Welt, sei gefälligst dankbar.

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Bild: Emmy Lupin Studio

Unsere Autorin...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Von nervig bis anmaßend

Die Bilder, die von strahlenden Müttern, schlafenden Babys, entspannten Familienreisen und harmonischen Lockdown-Beschäftigungen (immer Fingerfarbe! Immer im Wald! Immer am Kuchen backen!) gezeigt werden, sind das eine Übel. Die Texte darunter oft das größere. Floskelhafte Bekundungen wie "Love you to the moon and back" sind nervig, aber harmlos.

"Kinderlosen Paaren wird vermittelt, ihre Zuneigung würde nie an das Gefühl einer Mutter zu ihrem Kind heranreichen."

"Noch nie habe ich eine so intensive, bedingungslose Liebe gespürt", finde ich anmaßend. Weil kinderlosen Paaren vermittelt wird, ihre Zuneigung würde nie an das Gefühl einer Mutter zu ihrem Kind heranreichen. Und bei Müttern, die nicht 24 Stunden am Tag vor intensiver Liebe überquellen, sondern auch mal das Gegenteil empfinden, läuft wohl definitiv was schief.

So funktioniert eben das Prinzip Instagram, werden jetzt einige einwerfen. Die wenigsten Menschen posten den Moment, in dem sie einen Nervenzusammenbruch erleiden, sondern lieber die spätere Auszeit, in der sie sich im Traumurlaub davon erholen. Schon klar, doch in Bezug auf Mutterschaft kotzt es mich besonders stark an, weil hier Support gefragt wäre statt Glorifizierung.

Überlastet, überfordert und von Existenzängsten geplagt

Während des Lockdowns ist mir das mal wieder besonders bewusst geworden. Es ist in Ordnung, dass manche Familien die Pandemie als Bereicherung empfinden. "Wir sind als Familie noch enger zusammen gewachsen", "endlich mal intensiv Zeit für die Kinder" oder "Wir genießen es, keine Termine und keinen Zeitdruck zu haben", las ich immer mal wieder.

Wer trotz Kurzarbeit oder fehlender Kinderbetreuung keine finanziellen Probleme hat, wer sich glücklich schätzen kann, dass sich beide Elternteile die Betreuung zu Hause aufteilen, weil sie nicht parallel im systemrelevanten Job oder Home-Office arbeiten müssen, wer kooperative Homeschooling-Kinder hat und vielleicht auch nur eines davon, wen über zwei Monate lang Kinder-Entertainment pur erfüllen und wer Nerven aus Stahl besitzt, der mag positiv in den Lockdown-Januar 2021 blicken. Alle anderen, die überlastet, überfordert und von Existenzängsten geplagt sind, fühlen sich durch solche Posts wie Versager. Warum agieren Influencer, die enorme Followerzahlen haben, nicht sensibler?

Und dennoch bekommen Insta-Mums für jedes inszenierte Bild und jede "Bei diesem Regenwetter werden wir heute ganz viel kuscheln und ihr so?"-Unterschrift Likes ohne Ende. Wollen die Leute in dunklen Zeiten nur Positives sehen? Träumen sie sich damit in eine Welt, die von der eigenen ablenkt? Hübsch angezogene Menschen, schön eingerichtete Häuser, strahlende Kinder, glückliche Familien, alle haben sich lieb und endlich mal Zeit füreinander – hipp, hipp, hurra.

"Warum sprechen denn so wenige Eltern öffentlich darüber, dass sie genervt sind, keine Energie für weitere Wochen Mehrfachbelastung haben und sich ausgebrannt fühlen?"

Warum zeigt denn niemand mal ein wütend brüllendes, auf dem Boden liegendes Kind, weil nach zu vielen Regentagen der Lagerkoller eingesetzt hat? Ich würde direkt ein Herz verteilen, weil ich mich dann nicht mehr ganz so allein fühlen würde. Warum sprechen denn so wenige Eltern öffentlich darüber, dass sie genervt sind, keine Energie für weitere Wochen Mehrfachbelastung haben und sich ausgebrannt fühlen? Schwäche, Frust und Versagen in Bezug auf Mutterschaft bleiben weiterhin Tabuthemen. Dann lieber noch schnell ein Schneemann-Bild gepostet, weil hey, wir haben hier täglich einen Riesenspaß!

Deshalb war mein Vorsatz für 2021: Alle, die mich zu häufig mit ihrem Alles-easy-alles-happy-Content nervten, wurden endgültig entfolgt. Schon die wenigen Januar-Tage, in denen ich nicht mehr mit realitätsfernem Mum-Spam überrollt worden bin, waren so viel besser.

Stattdessen konzentriere ich mich jetzt auf Profile, die einen realistischen, kritischen und ehrlichen Blick auf gesellschaftlich überhöhte Mutterbilder werfen und für gleichberechtigte Elternschaft kämpfen. Die meisten Texte von @tantekante und @alexandra___z tun ziemlich gut. So könnte ich den bis Ende Januar verlängerten Lockdown vielleicht überstehen – oder zumindest besser ertragen.

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    Alle Leser-Kommentare
  • MiniMint 11.01.2021 13:52
    Highlight Highlight Das worüber du dich beschwerst, sind ganz normale Mütter bzw unser Alltag. Aber deine fehlende Mutterliebe und dein Unvermögen eine Bindung zu deinem Sohn her zu stellen, überträgt sich aufs Kind und das Kind kann damit noch nicht umgehen. Da sollte dringend das Jugendamt dran, ehe der Kleine noch permanente psychische Schäden davon trägt...
  • jodelady 10.01.2021 17:36
    Highlight Highlight Ja...warum sprechen so wenige Eltern öffentlich darüber, dass sie genervt sind, keine Energie für weitere Wochen Mehrfachbelastung haben und sich ausgebrannt fühlen? Vielleicht weil sie besser, bzw. anders mit der Eltern/Mutter/Vater-Situation umgehen (können)? Weil sie, statt in jedem neuen Lebensmonat ihres Kindes zusammenzubrechen, Freude empfinden? Weil sie das Positive sehen und erleben und nicht Negatives nahezu herbeireden? Oder einfach ihr Kind lieben??
    Die Autorin hätte in ihrer Welt weiterleben sollen, statt ein Kind in ihr genervtes Leben zu setzen.

watson-Kolumne

Warum Restaurantbesuche mit Kind reine Geldverschwendung sind

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

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