Diese Frau war eine der 60 ersten Afghanen, die nach der Machtübernahme der Taliban nach Deutschland evakuiert wurden. Das Bild zeigt sie bei ihrer Ankunft in Doberlug-Kirchhain.
Diese Frau war eine der 60 ersten Afghanen, die nach der Machtübernahme der Taliban nach Deutschland evakuiert wurden. Das Bild zeigt sie bei ihrer Ankunft in Doberlug-Kirchhain.
Bild: dpa-Zentralbild / Patrick Pleul
watson-Story

"Erschöpft, aber unheimlich erleichtert": Helfer berichtet von der Stimmung unter afghanischen Geflüchteten

31.08.2021, 17:5601.09.2021, 07:54
Thomas Kurth

An einem Freitag um 4.30 Uhr endete die lange Flucht der ersten rund 60 afghanischen Ortskräfte, die Deutschland aus Afghanistan evakuierte, in Brandenburg. Bilder zeigen die Menschen im nächtlichen Dunkel des 20. Augusts, wie sie erschöpft und mit nur wenigen Habseligkeiten in der Erstaufnahmeeinrichtung einziehen. Inzwischen leben hier, in Doberlug-Kirchhain, 263 gerettete Menschen aus Afghanistan.

Sie und ihre Kinder sind vorerst sicher. Doch zahlreiche Menschen konnten nicht mehr aus Afghanistan evakuiert werden und sitzen fest. Nach dem Abzug der US-Truppen sind westliche Staaten nun auf die Kooperation der Taliban angewiesen, um deutsche Staatsbürger und schutzsuchende Afghanen außer Landes zu bringen. Die Taliban haben zugesagt, die Ausreise zu gewähren.

"Ob man sich darauf verlassen kann, wird man glaube ich erst in den kommenden Tagen und auch Wochen sehen", sagte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) dazu. Deutschland will noch mehr als 40.000 Menschen bei der Ausreise aus Afghanistan unterstützen.

Thomas Kurth ist Teamleiter in der Sozialberatung der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in Doberlug-Kirchhain und Mitarbeiter der DRK-Flüchtlingshilfe in Brandenburg. Er weiß, wie groß die Sorge der bereits evakuierten Menschen um ihre Landsleute noch immer ist. Für watson berichtet der 44-Jährige, wie er die Ankunft der evakuierten Afghanen erlebte.

Wir kümmern uns als DRK in der Erstaufnahmeeinrichtung in Doberlug-Kirchhain darum, dass die afghanischen Ortskräfte versorgt sind und betreuen sie im Rahmen der humanitären Hilfe. In der Einrichtung sind in den vergangenen Tagen überwiegend gerettete Familien mit Kindern aus Afghanistan angekommen. Vereinzelt gibt es auch afghanische Ortskräfte, die allein, also ohne Angehörige, bei uns angekommen sind.

"Sie sind bei der Ankunft natürlich erschöpft, müde, aber gleichzeitig unheimlich erleichtert gewesen, angekommen und in Sicherheit zu sein."

Meiner Meinung nach hat die Anreise der afghanischen Ortskräfte sehr gut funktioniert. Wir haben uns gemeinsam mit der Zentralen Ausländerbehörde umfassend vorher auf die Ankunft der afghanischen Ortskräfte vorbereitet. In den Bussen, mit denen sie nach Doberlug-Kirchhain gefahren wurden, wurden sie schon mit Decken und Getränken versorgt.

Olaf Jansen (2.v.r.), Chef der Zentralen Ausländerbehörde Brandenburgs, spricht auf einer Pressekonferenz auf dem Gelände der DRK-Flüchtlingshilfe in der Erstaufnahmeeinrichtung.
Olaf Jansen (2.v.r.), Chef der Zentralen Ausländerbehörde Brandenburgs, spricht auf einer Pressekonferenz auf dem Gelände der DRK-Flüchtlingshilfe in der Erstaufnahmeeinrichtung.
Bild: dpa / Patrick Pleul

Sie sind bei der Ankunft natürlich erschöpft, müde, aber gleichzeitig unheimlich erleichtert gewesen, angekommen und in Sicherheit zu sein. Mir persönlich ist vor allem die Dankbarkeit der Ortskräfte in Erinnerung geblieben. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie sich nach der Flucht aus Afghanistan und dem langen Weg unheimlich auf Ruhe und eine warme Mahlzeit gefreut haben.

"Wir als DRK-Team vor Ort sind unheimlich dankbar für die Unterstützung und die geretteten afghanischen Ortskräfte noch viel, viel mehr."

Sie sind auch unheimlich froh darüber, dass wir ihnen in unserer Kleiderkammer Kleidung zur Verfügung stellen können. Man darf nicht vergessen: Die Ortskräfte sind größtenteils nur mit den Dingen angekommen, die sie am Körper getragen haben.

Umso mehr freut mich die Unterstützung aus der Bevölkerung, aus Doberlug-Kirchhain, aus ganz Brandenburg, aus ganz Deutschland. Schon vor Ankunft der ersten afghanischen Ortskräfte meldeten sich Menschen bei uns und fragten, wie sie helfen können. Als dann in Medienberichten aufgerufen wurde, die Menschen aus Afghanistan und uns als DRK in der Einrichtung zu unterstützen, meldeten sich jede Menge Menschen und halfen mit Spenden, wie Babykleidung, Rücksäcken und Spielzeug aus. Wir als DRK-Team vor Ort sind unheimlich dankbar für die Unterstützung und die geretteten afghanischen Ortskräfte noch viel, viel mehr.

Viele haben Freunde und Familienangehörige zurückgelassen

Nach der Ankunft in unserer Einrichtung beschäftigt die aktuelle Lage in Afghanistan die geretteten Ortskräfte weiter, da sie zum Teil Familienangehörige sowie Freundinnen und Freunde haben, die sich noch dort befinden.

Einige Ortskräfte sind auf uns zugekommen und haben um Hilfe gebeten. Unser Team in der Erstaufnahmeeinrichtung arbeitet darum eng mit dem DRK-Suchdienst sowie den entsprechenden Behörden zusammen. Außerdem nutzen die Ortskräfte das Internet in der Erstaufnahmeeinrichtung für den Kontakt mit ihren Familien, Freundinnen und Freunden.

Ich hoffe, dass noch viele weitere Menschen aus Afghanistan gerettet werden. Wir in der Erstaufnahmeeinrichtung sind auf jeden Fall bereit, weiter humanitäre Hilfe zu leisten, schnell zu helfen. Denn darauf sind wir vorbereitet.

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