Latin American woman working at a hotel’s reception wearing a facemask and talking on the phone - tourism industry

Der Hotel- und Gaststättenverband warnt: Viele Unternehmer würden um ihre Existenz bangen. (Symbolbild) Bild: E+ / andresr

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"Politiker haben den Bezug zur Realität verloren": Deutsche Hotelbetreiberin wütend über Mallorca-Urlaubsregelung

Ostereier-Suchen mit Sonne und Sangria? Für viele Deutsche scheint das nach Monaten des Verzichts jetzt genau das Richtige zu sein. Seit Mallorca und die anderen Balearen-Inseln vergangenen Freitag von der Liste der Risikogebiete gestrichen wurde, erleben die beliebten Tourismusziele einen unheimlichen Ansturm: So teilte der Reiseveranstalter TUI am Dienstag mit, dass die Buchungen für Mallorca in den vergangenen Tagen bereits "doppelt so hoch" gewesen seien wie im gleichen Zeitraum 2019 – also vor Corona.

Die ersten Flüge und Hotels auf der Baleareninsel seien "schon ausgebucht", erklärte TUI-Deutschlandchef Marek Andryszak. "Wir haben uns daher entschieden, das Angebot für die Osterferien zu verdoppeln und bieten jetzt über 300 Hin- und Rückflüge."

Das Bittere daran ist nur: In Deutschland selbst gilt immer noch das Beherbergungsverbot. Und so kann man sich momentan zwar in einen Flieger setzen, um am anderen Ende von Europa Urlaub zu machen, aber nicht in einer Ferienwohnung an der Ostsee einchecken.

Für die Branche hierzulande ist das ein Schlag ins Gesicht. Anbieter privater Ferienunterkünfte zeigten sich "fassungslos" darüber, ihr Verband schrieb in einem Brief an die Länderchefs: "Pandemie-Partys in den Clubs und Bars auf Mallorca" würden ermöglicht, doch Spaziergänge in deutschen Naherholungszielen blieben verboten: "Wir haben dafür keinerlei Verständnis."

Noch härter trifft es wohl Betreiber großer Hotels, die ihre laufenden Kosten kaum noch zu stemmen wissen. Verena Mau ist eine von ihnen. Sie betreibt das Rosendomizil in Malchow, Mecklenburg-Vorpommern, zusammen mit ihrer Mutter.

Seit inzwischen fünf Monaten ist das Hotel geschlossen. Sie darf nur Geschäftsreisende empfangen, was "bei weitem nicht auffängt, was wir an Verlusten einfahren", erläutert Verena Mau im Gespräch mit watson. Die November- und Dezemberhilfen kamen zwar an, trotzdem musste sie an ihr Erspartes gehen, um keine Mitarbeiter entlassen zu müssen.

Unsicherheit über das wichtige Oster-Geschäft

Die Ostersaison, die kurz bevor steht, war ein Hoffnungsschimmer für ihren Betrieb und die "Haupteinnahmequelle im Frühling". Doch noch ist unklar, ob sie dann Gäste empfangen darf, denn das Beherbergungsverbot gilt noch bis zum 28. März. Ob es danach aufgehoben wird, entscheidet sich erst kommende Woche. Die Chancen sinken allerdings Tag für Tag, solange die Infektionszahlen ansteigen.

Diese könnten in der Woche nach Ostern schon wieder bei den Werten von Weihnachten angelangt sein, wie das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt. Nicht nur für Verena Mau sind das katastrophale Nachrichten.

"Die Menschen sind urlaubshungrig und die meisten wollen lieber im Inland bleiben, also ist die Nachfrage groß. Momentan nehmen wir die Reservierungen an und wären theoretisch zu 80 Prozent ausgebucht, aber wir wissen eben nicht, ob wir zu Ostern den Betrieb aufnehmen können", berichtet die 30-Jährige.

Wenn nicht, müsste sie sich hinsetzen, die Liste abtelefonieren und allen Kunden das Geld zurückerstatten. Es wäre ein bitterer Tag für das Hotel, sagt sie: "Traurigerweise sind wir diese Stornierungs-Wellen ja inzwischen schon gewöhnt."

Nach Dehoga-Angaben ist der Umsatz im Gastgewerbe in den vergangenen zwölf Monaten um 63 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum eingebrochen. 72,2 Prozent der Unternehmer würden um ihre Existenz bangen. "Wut und Verzweiflung wachsen ohne Ende", berichtete die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Ingrid Hartges Anfang der Woche der Deutschen Presse-Agentur. Und diese wird weiter geschürt, wenn das Geschäft nach Spanien verschwindet.

"Es ist nicht erklärbar, der einheimischen Tourismusbranche keine Perspektive zu geben, während das Reisen ins Ausland ermöglicht wird."

Ingrid Hartges von der Dehoga

Weichen Inlandstouristen jetzt auf Mallorca aus?

Ganz genauso empfindet es Verena Mau. "Besonders wütend macht es mich, zu sehen, dass über die Inlands-Branche noch nicht entschieden wurde, Mallorca aber schon wieder offen ist", gibt sie zu. "Ich saß zu Hause, habe die Bilder der Leute am Flughafen gesehen und geweint. Wie kann man denn das Ausland öffnen und das eigene Land geschlossen halten?", fragt sie.

Es sei doch absurd, dass viele Urlauber zwar lieber in Deutschland bleiben würden, jetzt aber ins Ausland ausweichen müssten:

"Natürlich gehen mir dadurch auch Gäste verloren, die sich sagen: 'Na, wenn ich nicht weiß, ob ich nach Mecklenburg-Vorpommern reisen darf, dann lieber Mallorca.'"

Hotelbetreiberin Verena Mau

Als Hotelier fühle sie sich durch solche Entscheidungen von der eigenen Regierung vergessen und nicht ernst genommen. "Zumal die Mallorca-Rückkehrer ja nicht einmal mehr in Quarantäne müssen. Wenn durch die Auslandsreisen die Zahlen wieder so steigen, dass wir zu Hause in ein paar Wochen wieder in den Lockdown müssen, wäre das wirklich ein Skandal", sagt sie.

Tatsächlich gilt für Rückkehrer aus den Balearen weder Test- noch Quarantänepflicht. Nur bei der Einreise müssen die Touristen einen aktuellen Corona-Test vorweisen, weil Spanien diesen verlangt.

Mit diesen Lockerungen hat die deutsche Bundesregierung eine Entwicklung angetrieben, die eigentlich gar nicht im Sinne ihres eigenen Appells ist. Denn der lautet weiter "auf nicht zwingend notwendige Reisen im Inland und auch ins Ausland" zu verzichten (Beschluss vom 3. März). Auch das Auswärtige Amt rät von "nicht notwendigen, touristischen Reisen" ab – mit offenbar begrenztem Erfolg.

Deutsche Hoteliers fühlen sich im Stich gelassen

Verena Mau würde gerne öffnen. Eigentlich hätte sie das schon vor Monaten gewollt. Im Sommer habe es im Hotel keine Corona-Fälle gegeben, alle hätten sich an die Hygienekonzepte gehalten, Masken und Handschuhe getragen und sogar jeden Stuhl nach Benutzung desinfiziert.

"Wir möchten und müssen jetzt wieder arbeiten dürfen, nachdem uns unverschuldet eine Zwangspause auferlegt wurde", fordert sie. Ihr Vertrauen in die politische Vernunft sei inzwischen – gelinde gesagt – angeknackst, gibt sie abschließend zu.

"Ich verstehe all diese Entscheidungen überhaupt nicht mehr. Das ganze politische System krankt – und zwar nicht an Corona. Wir kämpfen hier jede Woche um unsere Existenzen und sollen weiter und weiter Geduld haben. Nun wird von Schnelltests gesprochen, die hier im Ort bei den Apotheken gar nicht angeboten werden oder Impfungen, die noch kaum jemand bekommen hat. Es kommt mir wirklich vor, als ob die Politiker den Bezug zur Realität verloren hätten."

Ob die Hotelbetreiberin zu Ostern Gäste empfangen darf, die lieber am Malchower See als dem Mittelmeer spazieren gehen, entscheidet sich voraussichtlich mit dem nächsten Corona-Gipfel der Regierung.

(mit Material der dpa und afp)

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