dpatopbilder - 16.01.2023, Nordrhein-Westfalen, Erkelenz: Fünf Tage nach Beginn der Räumung von Lützerath verlassen zwei noch verbliebene Klimaaktivisten einen unterirdischen Tunnel unter einem Gebäud ...
Die letzten zwei Aktivisten verlassen Lützerath. Sie hatten sich in einem selbst gegrabenen Tunnel verschanzt.Bild: dpa / Roberto Pfeil
Analyse

Was bleibt von Lützerath? Wie Klima-Aktivisten nach der Räumung weiterkämpfen wollen

16.01.2023, 19:4816.01.2023, 19:52

Für sechs lange Tage haben Klima-Aktivist:innen Lützerath gegenüber Polizist:innen und dem Energiekonzern RWE blockiert, besetzt, verteidigt. Doch an diesem Montagvormittag ist es so weit – die Polizei hat auch die letzten Aktivist:innen aus einem unterirdischen Tunnel evakuiert, die letzten Aktivist:innen von einem Schaufelradbagger im rund 20 Kilometer entfernten Tagebau Hambach geholt.

Die Blockade ist beendet.

Nach dem vollständigen Abriss Lützeraths will RWE die darunter liegende Kohle abbaggern. Man erwarte, dass der Rückbau noch acht bis zehn Tage dauere, sagte ein Firmensprecher der "Rheinischen Post": "Im März oder April könnte der Tagebau dann das frühere Dorf erreichen und abbaggern."

16.01.2023, Nordrhein-Westfalen, Erkelenz: Abrissarbeiten nach der Räumung in Lützerath. Der Energiekonzern RWE will die unter Lützerath liegende Kohle abbaggern - dafür wird der Weiler auf dem Gebiet ...
Die letzten Gebäude Lützeraths werden vom Energiekonzern RWE abgebaggert, um an die Kohle zu gelangen.Bild: dpa / Oliver Berg

Und damit das Versprechen zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels brechen, sagen Aktivist:innen und Forschende unabhängiger Gutachten. Denn wird die Kohle unter Lützerath abgebaggert und verbrannt, warnen sie, bedeute das das Aus für das im Pariser Klimaabkommen vereinbarte Ziel. Das Aus also für einen globalen, völkerrechtlich bindenden Vertrag.

RWE hat gewonnen, vorerst.

"Lützerath ist noch da. Und was noch viel wichtiger ist: Die Kohle unter Lützerath wurde bisher nicht abgebaggert."
Linda Kastrup, Sprecherin von Fridays for Future

Aber kapituliert haben die Aktivist:innen nicht.

"Lützerath ist noch da", sagt Fridays-for-Future-Sprecherin Linda Kastrup aus Duisburg gegenüber watson. "Und was noch viel wichtiger ist: Die Kohle unter Lützerath wurde bisher nicht abgebaggert und der Protest hier wird weitergehen."

Bis auf die beiden den Tunnel besetzenden Aktivist:innen war der rheinische Braunkohleort seit Sonntagnachmittag geräumt. Die meisten Gebäude waren schon am Sonntag abgerissen worden, darunter auch der Bauernhof von Bauer Eckardt Heukamp, dem letzten Landwirt von Lützerath.

16.01.2023, Nordrhein-Westfalen, Erkelenz: Trümmer der Holzhütten liegen nach der Räumung in Lützerath. Der Energiekonzern RWE will die unter Lützerath liegende Kohle abbaggern - dafür wird der Weiler ...
In Lützerath bietet sich ein trauriges Bild: Fast alle Holzhütten und Baumhäuser wurden bereits abgerissen. Bild: dpa / Oliver Berg

Trotz allem hat der Widerstand der Aktivist:innen und Demonstrierenden eine Botschaft in die Welt hinausgetragen: Immer mehr Menschen haben verstanden, dass es ein "weiter so" in der Klimapolitik nicht geben kann. Dass die Klimakrise nur beschleunigt wird, wenn noch mehr fossile Energien – wie etwa die Braunkohle unter Lützerath – verstromt werden.

Linda Kastrup erklärt gegenüber watson dazu:

"Weltweit hat sich in den letzten Wochen die Aufmerksamkeit auf dieses Dorf gerichtet. Wir werden Mona Neubaur, Oliver Krischer, Robert Habeck und alle anderen Beteiligten nicht vergessen lassen, wie kläglich sie hier gescheitert sind."

Was bleibt von Lützerath, wenn RWE das Dorf erst weggebaggert hat?

"Der Ort selbst war eine gelebte Utopie", sagt Fridays-for-Future-Sprecherin Linda. Seit 2020 haben Aktivist:innen die kleine Ortschaft zu ihrem Zuhause gemacht, haben Baumhäuser und Holzhütten gebaut.

Linda ergänzt:

"Dieser Ort wird auch nach der Zerstörung in uns allen weiterleben und die Träume nach Klimagerechtigkeit, die uns hier verbunden haben, werden durch die Polizeigewalt nicht unterbunden werden."

Über 35.000 Menschen hätten am Samstag geeint in Lützerath gestanden und gegen diesen "Wahnsinn" protestiert. "Diese Menschenmassen stehen weiterhin für das Dorf ein, weitere Proteste sind geplant. Das Ende im Kampf um die Braunkohle unter Lützerath ist nicht in Sicht", betont Linda von Fridays for Future.

12.01.2023, Nordrhein-Westfalen, Erkelenz: Umweltaktivistin Luisa Neubauer wird von Polizisten während einer Sitzblockade weggetragen. Die Demonstranten hatten versucht am zweiten Tag der Räumung durc ...
Auch die bekannte Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer wurde von der Polizei von einer Blockade entfernt.Bild: dpa / Federico Gambarini

Dabei hätte der Deal zwischen der NRW-Landesregierung, der Bundesregierung und RWE wieder einmal gezeigt, dass die Kapitalinteressen eines fossilen Konzerns gegenüber dem Klimaschutz Priorität haben und diese Interessen "auch mit Zwang und Gewalt" umgesetzt würden.

Zahl der Verletzten durch Räumung liegt bei über 400

Bei der Räumung Lützeraths sind nach Polizeiangaben mehr als 100 Beamte verletzt worden. Aufseiten der Aktivist:innen und Demonstrierenden wird die Zahl der Verletzten seit Beginn der Polizeiaktion am 8. Januar auf rund 300 geschätzt.

Gerade die Verletztenzahl zu Beginn der Polizeimaßnahmen sei allerdings nicht gut dokumentiert worden und könne nur geschätzt werden, räumte ein Sprecher von "Lützerath lebt" ein. Die Anzahl verletzter Demonstrierender könne sich demnach noch erhöhen, denn die Demonstrierenden seien dazu aufgerufen, ihre Verletzungen nachträglich zu melden.

Ist ein Stopp des Kohleabbaus in Garzweiler noch eine Option?

Hindernisse für einen weiteren Abbau der Braunkohle sieht das Land NRW aufgrund der Eigentumsverhältnisse am Braunkohletagebau Garzweiler vorerst nicht. Alle bis Ende 2023 für den Abbau bestimmten Flächen seien im Eigentum von RWE oder dem Unternehmen zur Nutzung überlassen worden, wie das NRW-Wirtschaftsministerium im Zuge einer Anfrage der dpa mitteilte.

Die Grünen-Landtagsabgeordnete Antje Grothus hatte noch vergangene Woche, vor Abschluss der Räumung Lützeraths, darauf hingewiesen, dass RWE nicht alle Flächen besitze, die zum Abbau vorgesehen sind. Aus diesem Grund hatte sie um einen Räumungsstopp und eine Neuplanung des Tagebaus gebeten.

Aber keine Chance.

Das Ministerium weist den Hinweis ab.

Auch für die Zeit nach 2023 und bis Ende 2025 verfüge RWE Power über mehr als 98 Prozent der Flächen, wie das Ministerium unter Hinweis auf Auskünfte des Unternehmens erklärte. Für die restlichen zwei Prozent der Flächen liefen Kauf-, Tausch- oder Pachtverhandlungen. Es sei nicht unüblich, dass Verhandlungen mit einzelnen Grundeigentümern im Vorfeld des Tagebaus noch nicht abgeschlossen seien. Falls tatsächlich Enteignungen nötig würden, gebe es dafür langjährige etablierte Verfahren, bei denen die Bergbehörde über hinreichende Erfahrung verfüge. Der Hauptbetriebsplan für den Braunkohleabbau gelte, betonte das NRW-Ministerium.

ARCHIV - 14.01.2023, Nordrhein-Westfalen, Erkelenz: Polizisten und Demonstranten stehen sich bei der Demonstration von Klimaaktivisten am Rande des Braunkohletagebaus bei Lützerath gegenüber. Die Räum ...
Die Klimabewegung gibt sich auch nach der Räumung Lützeraths nicht geschlagen. Bild: dpa / Oliver Berg

Die Aktivist:innen und Demonstrierenden frustriert das. Aber aufgeben kommt für sie dennoch nicht in Frage.

Linda Kastrup sagt:

"Wir sehen, dass die Regierenden sich nach wie vor nicht für Klimagerechtigkeit einsetzen. Wir sehen, dass weiterhin Profite über Menschen stehen. Und wir sehen das kontinuierliche fatale Versagen der Regierungen. Aber das sehen nicht nur wir, sondern unglaublich viele Menschen weltweit. Der internationale Aufschrei über die katastrophale Klimapolitik Deutschlands wird immer größer und wir werden nicht aufgeben, bis Deutschland seinen Teil zum Pariser Klimaabkommen erfüllt."

Der Protest zeigt auch: Klimaschutz bleibt Handarbeit. "Und es bleibt in unserer Verantwortung, das als vereinte Bewegung umzusetzen."

(Mit Material der dpa)

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