Die Forest Green Rovers wollen sich in den kommenden Jahren in der zweiten englischen Liga etablieren.
Die Forest Green Rovers wollen sich in den kommenden Jahren in der zweiten englischen Liga etablieren.Bild: www.imago-images.de / Nizaam Jones/JMP/Shutterstock
Analyse

"Wenn die Klubs sich darum duellieren, wer der grünste ist, wäre das das ideale Ergebnis": Wie ein englischer Viertligist den Profi-Fußball in Sachen Nachhaltigkeit verändert

02.01.2022, 11:1303.01.2022, 11:38

Die Deutsche Fußball-Liga machte deutlich, was sie von den 18 Erst-und Zweitligateams erwartet. "Der DFL e.V. und seine Vereine und Kapitalgesellschaften tragen dazu bei, das Bewusstsein für nachhaltiges Handeln innerhalb breiter Bevölkerungsschichten zu verankern." Zwar haben die Klubs noch bis zur Saison 2023/2024 Zeit, Anpassungen vorzunehmen, aber das Ziel ist klar. Die Bundesligisten werden zu einem nachhaltigeren Arbeiten aufgefordert.

Dale Vince muss sich darum keine Gedanken machen – er könnte stattdessen so etwas wie ein Vorbild für die Bundesliga-Teams sein. Denn für seinen Verein, die Forest Green Rovers, gehört eine nachhaltige Vereinskultur bereits zum Alltag. Und das 365 Tage im Jahr.

Der 60-Jährige ist seit mittlerweile zehn Jahren Besitzer und Präsident des englischen Viertligisten und baute den Verein aus der Kleinstadt Nailsworth im Westen Englands zum nachhaltigsten Fußballverein der Welt um. Dafür wurde er schon mit Preisen von der Fifa und der Vereinten Nationen ausgezeichnet.

Und Vince ist sicher: "Große Vereine hätten es so einfach, nachhaltig zu arbeiten, dass man sich fragt, warum sie es noch nicht tun. Es braucht nicht mal viel Geld dafür", sagt er im Gespräch mit watson.

"Die Leute schauen auf den Fußball und sehen Fußballer als ihre Vorbilder, deswegen haben wir eine größere Verantwortung, uns
nachhaltig anzupassen."
Dale Vince, Präsident der Forrest Green Rovers

Während die Bundesliga-Teams erst durch die DFL-Auflagen zu einem nachhaltigen Arbeiten gefordert werden, handelte Vince bei seiner Klubübernahme, als er den Verein vor der Insolvenz bewahrte, aus persönlicher Überzeugung.

Vereinspräsident Dale Vince versteht nicht, warum große Clubs sich beim Thema Nachhaltigkeit noch so zurückhalten.
Vereinspräsident Dale Vince versteht nicht, warum große Clubs sich beim Thema Nachhaltigkeit noch so zurückhalten.Bild: www.imago-images.de / Paul Currie/Shutterstock

"Als wir diese Rettungsmission hier begonnen haben, habe ich das auch nie als ein großes Umweltprojekt gesehen. Aber es hat sich einfach sehr schnell in diese Richtung entwickelt, als ich gesehen habe, wie viel ich verändern will. Dann haben wir uns gedacht, machen wir eine Tugend aus unseren Änderungen und schauen, ob wir Fußball als Plattform nutzen können." Und sie konnten es.

Mehr als 100 Fanklubs in 20 Ländern der Welt

Er selbst lebt vegan. Die Spieler im Team ernähren sich nur vegan und auch im Stadion wird ausschließlich veganes Essen serviert. Der Rasen wird mit Regenwasser bewässert und von solarbetriebenen Mähern gepflegt. Auf der Bandenwerbung im Stadion stehen nicht die örtlichen Unternehmen, sondern die Zuschauer bekommen Fakten über den Verbrauch fossiler Brennstoffe, Plastik oder wie viele Tiere seit Anpfiff geschlachtet wurden. Die Trikots sind aus recyceltem Plastik und Kaffeesatz und zu den Auswärtsspielen fahren sie mit einem Elektrobus.

Mit diesem Ansatz gelang es dem Unternehmer, der Ende der 80er-Jahren auf die Idee kam, Windräder aufzustellen und damit Strom zu erzeugen, eine viel breitere Fangemeinschaft zu erreichen als die nur 7700 Einwohner des Städtchens.

Mittlerweile haben die Forest Green Rovers über 100 Fanclubs in 20 Ländern der Welt. Und der Verein lockt nicht nur Fußballfans aufgrund seiner spektakulären und offensive Spielweise an, die dafür sorgt, dass sie auf Platz 1 der vierten Liga stehen, sondern vor allem aufgrund seiner Haltung in Sachen Umwelt. Und so erklärt er:

"Wir haben Anhänger, die waren keine wirklichen Fußballfans, sondern sind Veganer oder Umweltschützer. Sie kamen allein wegen unserer Haltung zu uns. Wir haben somit nicht nur eine neue Art von Fußballklub kreiert, sondern auch eine neue Art von Fußballfan"

Einer der prominentesten Unterstützer ist dabei Profi-Fußballer Hector Bellerin, der für den FC Arsenal 183 Spiele in der englischen Premier League absolvierte. Vor einem Jahr kaufte er Anteile am Klub und ist seitdem Miteigentümer des Viertligisten.

Hector Bellerin steht mit Betis Sevilla in der spanischen Liga aktuell auf Tabellenplatz 3.
Hector Bellerin steht mit Betis Sevilla in der spanischen Liga aktuell auf Tabellenplatz 3.Bild: www.imago-images.de / DAX Images

Fußball als Plattform für wichtigstes gesellschaftliche Thema: den Klimawandel

Dabei verlief der Übergang zum nachhaltigen Klub fast geräuschlos. "Die Leute, die etwas dagegen haben, kann man an einer Hand abzählen", erzählt Vince. Die Begründung, dass Fußball und Umweltbelange einfach nichts miteinander zu tun hätten, kann der Unternehmer sowieso nicht nachvollziehen. Dieses Argument habe laut ihm viel mehr damit zu tun, dass diese Leute die Klimakrise als das größte Problem unserer Generation nicht anerkennen und sich dem nicht anpassen wollen.

"Wir wissen, was die Probleme sind, wie wir sie lösen können und ich denke, wir sollten dabei keinen Lebensbereich auslassen." Daher sieht er den Fußball und den Sport im Allgemeinen in einer gewissen Verantwortung, gegen diese Probleme vorzugehen.

"Die Leute schauen auf den Fußball und sehen Fußballer als ihre Vorbilder, deswegen haben wir eine größere Verantwortung, uns nachhaltig anzupassen."

Auch im Vergleich zu Unternehmen anderer Branchen habe der Fußball eine ganz besondere Rolle. Und deshalb sei auch Bellerin als zweitgrößter Anteilseigner von so enormer Bedeutung. "Es hat bei Fußballfans viel mehr Gewicht, wenn er gewisse Dinge anspricht."

Das neue Stadion der Forest Green Rovers soll bis 2025 fertiggestellt sein.
Das neue Stadion der Forest Green Rovers soll bis 2025 fertiggestellt sein.bild: Forest green rovers

FC St. Pauli könnte Vorreiter in
Deutschland sein

Nun sind die Teams der ersten und zweiten Liga in Deutschland künftig verpflichtet, mehr in Sachen nachhaltigem Umweltschutz zu tun. Dale Vince ist dabei der Meinung, dass in Deutschland vor allem der FC St. Pauli die Rolle der Forest Green Rovers übernehmen könnte.

"Wir hatten gute Gespräche mit den Klub-Verantwortlichen. Wir haben sogar unsere Fahnen ausgetauscht, aber haben noch über keine konkreten Projekte gesprochen", berichtet er. Doch nicht nur in Deutschland, auch Teams aus Polen und Spanien haben sich bereits bei mehrfach bei ihm erkundigt.

"Wenn die Klubs sich darum duellieren, wer der grünste ist, wäre das das ideale Ergebnis. Denn umso mehr wird für den Klima- und Umweltschutz getan."
Dale Vince, Präsident der Forest Green Rovers

In der Bundesliga gilt der VfL Wolfsburg aktuell als Vorreiter für nachhaltiges Arbeiten. Die Niedersachsen sparen beispielsweise durch wassersparende und automatische Wasserhähne jährlich 800 Kubikmeter Trinkwasser und bieten im Stadion vegane Currywurst an. Mainz 05 misst seit Jahren den eigenen CO₂-Fußabdruck und kompensiert diesen durch Klimaschutzzertifikate.

Das neue Stadion soll komplett aus Holz bestehen.
Das neue Stadion soll komplett aus Holz bestehen.bild: forest green rovers

Viertligist beeinflusst Handeln der Premier League

Dass es um den Nachhaltigkeitsgedanken immer schwerer bestellt ist, desto höher die Vereine spielen oder sogar zu den Top-Klubs in Europa gehören, glaubt Vince hingegen nicht. Schließlich sei mit noch mehr Geld einfach noch mehr möglich. Besonders bei den Spitzenteams der englischen Premier League, die in der Hand amerikanischer Hedgefonds oder arabischer Staaten sind.

Für die EFL, die für die Organisation der 72 Teams in der zweiten bis vierten Liga zuständig ist, sind die Rovers bereits seit einigen Jahren ein Vorreiter. Und diese Entwicklung führt auch langsam in die Premier League.

Verantwortliche der großen Klubs kommen häufig auf Vince und die Green Rovers zu, um über einen nachhaltigeren Weg zu sprechen. "Wenn die Klubs sich darum duellieren, wer der grünste ist, wäre das das ideale Ergebnis. Denn umso mehr wird für den Klima- und Umweltschutz getan."

In dieser Hinsicht ist die Premier League der Bundesliga schon einige Schritte voraus. Ende Oktober war das Spiel zwischen den Tottenham Hotspurs und dem FC Chelsea das erste Spiel auf professionellem Niveau, das CO2-neutral war.

"Es ist zwar nur ein oberflächlicher Anfang, aber ich bin froh, dass sie überhaupt etwas gemacht haben und den Ball ins Rollen gebracht haben", bewertet Vince. Und nun soll spätestens ab der Saison 2023/24 auch die Bundesliga folgen.

Ampel-Koalition will Werbung für Fastfood in Kindersendungen verbieten

Süßigkeiten oder Fastfood sollen in Zukunft kein Teil mehr von Werbung in Kindersendungen sein. Auf diesen Beschluss, welcher Teil des Koalitionsvertrags ist, drängt die SPD nun hin. Die Ernährungsexpertin der SPD-Bundestagsfraktion, Rita Hagl-Kehl, äußerte sich gegenüber der Rheinischen Post mit deutlichen Worten: "Kinder sind verletzliche Verbraucher und brauchen deshalb besonderen Schutz."

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