November 12, 2022, London, England, United Kingdom: A protester on Waterloo Bridge holds a sign opposed to Coca Cola sponsoring COP27. Thousands of people gathered outside Shell Headquarters in London ...
Coca-Cola ist einer der Sponsoren der COP27. Da fragt man sich zurecht: "WTF?!".Bild: www.imago-images.de / imago images
Analyse

Umstrittene Sponsoren, Greenwashing und Öko-Lügen: Von der Doppelmoral bei der COP27

18.11.2022, 19:23

Nach knapp zwei Wochen harter Verhandlungen, Diskussionen und Gesprächen neigt sich die Weltklimakonferenz COP27 in Scharm el-Scheich dem Ende zu. Damit werden zehntausende von Unterhändler:innen, Regierungsvertreter:innen, NGOs, CEOs und Aktivist:innen den Heimweg antreten – und sich in ein Flugzeug setzen. Denn die Halbinsel Sinai, auf der sich der diesjährige Austragungsort der Klimakonferenz befindet, liegt weit entfernt von städtischen Zentren und ist für den Großteil der Teilnehmenden nicht ohne einen Flug zu erreichen.

Das hinterlässt einen bitteren Beigeschmack.

Neben einer Flugreise gab es kaum eine andere Möglichkeit, zur COP27 zu gelangen.
Neben einer Flugreise gab es kaum eine andere Möglichkeit, zur COP27 zu gelangen.bild: pexels / pixabay

Soll die Klimakonferenz doch eigentlich dazu beitragen, dass alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um die CO₂-Emissionen schnellstmöglich auf netto Null zu drosseln.

Dabei sind die Flüge zehntausender Menschen nach Ägypten nur eines von zahlreichen Problemen, die sich rund um die wichtigste Klimakonferenz des Jahres ranken.

Welche Öko-Lügen, Greenwashing-Aktionen und missglückten Nachhaltigkeitsversprechen einem auf der COP27 noch so begegnet sind, hat watson für euch gesammelt.

Umstrittene Sponsoren

Die Ausrichtung des Weltklimagipfels kostet die Gastgeberländer eine Menge Geld. Um diese zu schmälern, sponsern große Firmen den Ländern viel Geld.

Nicht selten sorgt das für Kritik.

Plastik über Plastik: Coca-Cola ist einer der größten Müllverursacher weltweit.
Plastik über Plastik: Coca-Cola ist einer der größten Müllverursacher weltweit.bild: pexels / eduardo soares

Hauptsponsor der diesjährigen COP27 in Ägypten ist etwa der Getränkegigant Coca-Cola – was allem voran unter Aktivist:innen für große Empörung sorgt.

"Seit 2009 beteiligen wir uns an den Weltklimakonferenzen und nehmen jedes Jahr mit dem Ziel teil, uns konstruktiv an Klimaschutzmaßnahmen zu beteiligen."
Coca-Cola-Sprecher Jonas Numrich

Der Grund: Coca-Cola gehört zu den größten Müllverursachern und Treibhausgasemittenten der Welt. Umweltschützer:innen und Aktivist:innen wittern eine Greenwashing-Kampagne hinter der Kooperation, die die ägyptische Regierung abgesegnet hat.

Coca-Cola bereits mehrfach zu größtem Plastikverschmutzer weltweit gekürt

Und das, obwohl die ägyptische Regierung das Gelände der COP zur plastikfreien Zone erklärt hat.

Und das, obwohl der Getränkehersteller rund 120 Milliarden Wegwerf-Plastikflaschen im Jahr produziert – und der größte Teil des Kunststoffs aus fossilen Brennstoffen hergestellt wird.

Und das, obwohl Coca-Cola seit Erscheinen des ersten Berichts der Bewegung "Break Free From Plastic" 2018 jedes Jahr zum größten Plastikverschmutzer weltweit gekürt wird.

"Seit [der COP15 in] Kopenhagen 2009 beteiligen wir uns aktiv an den Weltklimakonferenzen und nehmen jedes Jahr mit dem Ziel teil, zuzuhören und zu lernen und uns konstruktiv an Klimaschutzmaßnahmen zu beteiligen", erklärt Jonas Numrich, Direktor für Public Affairs, Kommunikation und Nachhaltigkeit von Coca-Cola Deutschland, auf Anfrage von watson.

Strände und Küsten sind in vielen Ländern zugemüllt und verdeutlichen, wie viel Plastikmüll wir produzieren.
Strände und Küsten sind in vielen Ländern zugemüllt und verdeutlichen, wie viel Plastikmüll wir produzieren.bild: pexels / lucien wanda

Auf die Frage, warum Coca-Cola die COP27 sponsert und wie hoch die gesponserte Summe ist, antwortet der Konzern nicht. Auch geht er nicht darauf ein, ob es sich dabei um den Versuch handelt, das eigene Image reinzuwaschen und ihm einen grünen Anstrich zu verpassen.

Stattdessen thematisiert Numrich die Ziele, die sich der Konzern mit Blick auf Nachhaltigkeit und Recycling bis 2030 gesetzt hat. Er erklärt:

"Unser globales, wissenschaftlich fundiertes Ziel, die absoluten Kohlenstoffemissionen bis 2030 um 25 Prozent zu senken (seit 2010), steht im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen (2 Grad). Dafür müssen wir noch einiges tun. Aber wir haben auch bereits Fortschritte gemacht. Wir teilen das wichtige Ziel, die Verschmutzung der Umwelt durch Plastik zu beseitigen, und wollen als Coca-Cola Company Teil der Lösung sein."

Coca-Cola muss Plastikproblem lösen, um zu Klimazielen beizutragen

Dass Coca-Cola sein Plastikproblem in den Griff bekommen muss, betont auch Angelica Carballo-Pago, die bei Greenpeace als Sprecherin das "Plastic-Free Future"-Projekt verantwortet. Als bekannt wurde, dass der Konzern die COP27 sponsert, sagte sie: "Wenn Coca-Cola die Plastik- und Klimakrise wirklich lösen will, muss es seinen Plastikhahn zudrehen."

Die Beendigung von Coca-Colas Abhängigkeit von Einwegplastik – und damit auch der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen – sei ein wichtiger Teil der Bekämpfung des Klimawandels.

Lobbyist:innen auf der COP: Das soll Klimaschutz sein?

Die Emissionen sind so hoch wie nie zuvor. Das 1,5-Grad-Ziel ist, zumindest politisch, kaum noch zu halten. Und wer ist neben Politiker:innen und Umwelt- und Entwicklungsorganisationen massenhaft auf der UN-Klimakonferenz vertreten? Lobbyist:innen für die klimaschädlichen Energieträger Öl, Kohle und Gas.

Laut der Nichtregierungsorganisationen Corporate Accountability, Corporate Europe Observatory (CEO) und Global Witness (GW) ist die Zahl der Lobbyist:innen im Vergleich zur COP26 in Glasgow um 133 auf 636 Vertreter:innen gestiegen – das ist gut ein Viertel mehr in diesem Jahr.

COP27: Ein "Festival der fossilen Energien"

Dafür haben die NGOs die Teilnehmenden gezählt, die eine direkte Verbindung zu fossilen Energiekonzernen wie Shell oder BP haben. Aber auch Mitglieder staatlicher Delegationen, die im Interesse der fossilen Industrie auftraten, wurden berücksichtigt. Die NGOs sagten, die COP drohe "ein Festival der fossilen Energien und ihrer verschmutzerischen Freunde zu werden".

Dabei müsste genau das Gegenteil passieren. Denn bei der Verbrennung von Gas, Öl und Kohle werden Unmengen an CO₂ freigesetzt – dem Haupttreiber der Erderwärmung – und die gilt es schnellstmöglich einzudämmen.

Wasserknappheit und Essen auf der COP27

Wasserknappheit als Folge der Erderwärmung

Dürre und Wasserknappheit sind nur zwei von zahlreichen Folgen der Klimakrise. Davon betroffen ist auch Ägypten, wo die COP27 ausgetragen wird. Dass es aber selbst für die Besucher:innen der Klimakonferenz zu Wasserknappheit bei den Verhandlungen kommen könnte, hatte niemand im Vorhinein gedacht.

Doch genau so kam es. Während es morgens noch ausreichend Wasser aus Spendern gab, waren diese schon nachmittags leer. An den Ständen zu kaufen gab es nur (überteuerte) Softdrinks von Coca-Cola. Laut einem Bericht des "Spiegel" witzelten Besucher:innen, dass es darum gehe, physisch vorzuführen, wie sich Wassermangel anfühlt.

Klimafreundliches Essen? Fehlanzeige

Das sorgte allerdings für so viel Kritik und Unmut, dass der ägyptische Außenminister verkündete, Getränke seien künftig kostenlos.

Auch den Preis für das Essen, das ebenfalls zu horrenden Beträgen angeboten wurde, reduzierte er um die Hälfte. Wie schon bei den vorherigen Weltklimakonferenzen stellte vegetarisches oder gar veganes Essen aber auch auf dieser COP die Ausnahme dar. Dabei hat die Anpassung der Landwirtschaft – und die Abkehr oder zumindest starke Reduktion von Futtermitteln für Tiere – einen wesentlichen Anteil an sinkenden CO₂-Emissionen.

Fazit

Mit Blick auf die vielen kleinen und großen Öko-Lügen auf der Weltklimakonferenz stellt sich so manch einer die Frage, ob die Ausrichtung der COP nicht mehr Emissionen verursacht, als sie einspart.

Die Antwort darauf ist einfach: Auch wenn der CO₂-Fußabdruck durch die COP riesig sein mag, so sind es allem voran die politischen Maßnahmen und Gesetze, die den Klimaschutz vorantreiben. Ohne die Weltklimakonferenz in Paris 2015 gäbe es nicht das Pariser Klimaabkommen. Und ohne das Pariser Klimaabkommen hätten die knapp 200 teilnehmenden Nationen keinen Klimaschutz-Fahrplan vorlegen müssen, der aufzeigt, wann, wie und wo sie Emissionen einsparen wollen.

Ja, ein Garant zur Einhaltung des Abkommens ist das nicht. Zumal sich Länder wie die USA, China und Russland vehement gegen einen Sanktionsmechanismus aussprechen, der zur Einhaltung der Ziele beitragen würde. Ohne das 1,5-Grad-Ziel und entsprechende Gesetze der Länder wären wir aber längst auf einem 5- oder 6-Grad-Pfad.

Blockaden for Future: Wie weit darf Klimaprotest gehen?

Die Klimakrise eskaliert – und Aktivist:innen kleben sich auf die Straße, gehen in den Hungerstreik, besetzen Universitäten. Es wird so oft gefragt: Wird die Klimabewegung jetzt radikaler? Ist Fridays for Future gescheitert?

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