Sebastian Pladwig und sein MYL Berlin Team auf der Berlin Fashion Week 2022.
Sebastian Pladwig und sein MYL Berlin Team auf der Berlin Fashion Week 2022.Bild: watson / Miriam Meyer
Interview

Berlin Fashion Week: Mit viel Body Positivity und nachhaltiger Mode gegen gesellschaftlichen Konservatismus

15.03.2022, 16:44

Am Montag hat die Berlin Fashion Week 2022 begonnen, die ihren Fokus diese Saison auf Nachhaltigkeit, Innovation und den Einfluss verschiedener Subkulturen legt. Doch was genau versteht man in der Modewelt unter "Nachhaltigkeit"?

Watson war am ersten Tag der Fashion Week live vor Ort bei der Fashion Hall Runway Show und konnte kurz davor noch mit Designer Sebastian Pladwig vom Modelabel MYL Berlin über Nachhaltigkeit in der Modeindustrie, Body Positivity und ihren Protest gegen stärker werdenden Konservatismus sprechen.

Watson: MYL Berlin ist zum wiederholten Male mit dabei bei der Berlin Fashion Week. Was genau unterscheidet euch von anderen Designern, die heute Abend zusammenkommen werden?

Sebastian Pladwig: Unser Ziel war von Anfang an, dass wir Kleidung, Schmuck und Taschen designen, die den Körper unterstreichen. Es war uns wichtig, nicht Diversität als Werbemarke hervorzustellen, sondern wirklich auszudrücken, dass wir alle unterschiedlich sind und auf unsere Art toll aussehen. Denn jede Person hat ihre besonderen Merkmale und mit unserer Mode wollen wir genau das unterstreichen. Wenn man unsere Kollektionen sieht, wirken sie immer simpel, aber wenn man dann die Stücke trägt, formen sie den Körper schön, sie unterstreichen ganz unterschwellig das, was man am eigenen Körper selber mag. Deshalb verstehen wir unsere Mode auch als etwas, was nicht nur eine Person, die der Norm entspricht, tragen kann, sondern unsere Kleidung ist für alle gedacht, die sich ausleben und auch mal ein bisschen zeigen wollen. Trotzdem ist es nicht übertrieben extravagant.

Sebastian Pladwig ist Designer und Gründer des Modelabels MYL Berlin.
Sebastian Pladwig ist Designer und Gründer des Modelabels MYL Berlin. Bild: watson / Miriam Meyer

Also wollt ihr Diversität nicht als Werbestrategie bei euch verstehen?

Genau, das sagen wir auch. Denn wir sind bereits von Anfang an divers gewesen. Das liegt auch vor allem daran, dass viele die von Beginn an dabei waren – Freunde, Unterstützer, Fotografen oder Models – auch nach vier, fünf Jahren weiter mit dabei sind und uns zusammen groß gemacht haben. Deswegen verstehen wir uns auch einfach als die MYL-Familie.

Laut Designer Sebastian Pladwig ist die Mode von MYL für alle gedacht, "die sich ausleben und auch mal so ein bisschen zeigen wollen".
Laut Designer Sebastian Pladwig ist die Mode von MYL für alle gedacht, "die sich ausleben und auch mal so ein bisschen zeigen wollen".Bild: watson / miriam meyer

Das klingt im ersten Moment wie die "Müll"-Familie.

(lacht) Genau das ist auch der hidden Wortwitz dabei – das zeichnet aus, dass wir uns selber nicht ganz so ernst nehmen, wie vielleicht viele andere Modelabels – aber trotzdem immer unseren Fokus dabei behalten, dass unsere Mode jeden Charakter akzentuiert und besondere Merkmale am Körper einfach herausstellen kann.

Also de facto Body Positivity übersetzt in Mode – klingt schonmal gut! Aber wie ist das denn jetzt mit Nachhaltigkeit – was genau ist dann das Nachhaltige an eurer Mode?

Zunächst schreiben wir uns Nachhaltigkeit nicht so stark auf die eigenen Fahne, auch wenn wir sie in unseren Kollektionen mitdenken. Wir benutzen zum Beispiel nur pflanzlich gegerbtes Leder, und dafür benutzen wir die Restprodukte vom Sattelleder anderer Produktionen.

MYL Berlin definiert seinen Style vor allem auch durch den Einsatz von Leder- und Metallstücken.
MYL Berlin definiert seinen Style vor allem auch durch den Einsatz von Leder- und Metallstücken.Bild: watson / miriam meyer

Das ist aber weiterhin immer noch Leder – warum?

Am wichtigsten ist uns, dass unsere Produkte sehr lange halten. Leder als Material ist besonders strapazierbar, deshalb bietet es sich für uns an, die Lederreste zu verwenden, die bei anderen sonst nur im Abfall landen würden.

Das setzt aber voraus, dass andere Textilfirmen weiterhin auch Leder produzieren lassen. Habt ihr noch andere Ansätze?

Klar, wir wollen unsere Mode zum Beispiel nicht als saisonal oder als Deko verstehen, sondern dass unsere Produkte ewig halten statt schnell ausgetauscht zu werden – und damit gegen den Fast-Fashion-Trend ankommen. Das spiegelt sich auch in allen unseren Kollektionen wider: zum Beispiel setzen sich die Farben, die wir benutzen, durch alle Kollektionen durch. Damit lassen sich unsere verschiedenen Stücke perfekt miteinander kombinieren und man hat nicht immer das Gefühl, dass man etwas Neues kaufen oder das Alte wegschmeißen muss, um modisch zu sein.

"Wir wollen unsere Mode nicht als saisonal oder als Deko verstehen, sondern dass unsere Produkte ewig halten statt schnell ausgetauscht zu werden."

Die stärkste Farbe bei euch ist ja Schwarz, typisch Berlin.

Ja, Schwarz dominiert, den Schmuck haben wir auch in Gold, Schwarz und Silber. Und das ist auch ganz genau so gewählt, damit unsere Modestücke auch über Jahre so funktionieren.

Neben der beschränkten Farbauswahl – womit qualifiziert ihr euch noch als nachhaltig?

Uns ist vor allem die Produktionsweise unserer Mode wichtig: Wir wollen aufdecken, wo genau das Produkt hergestellt wurde. Wenn wir es jetzt in Berlin herstellen, zeigen wir auf, unter welchen Standards auch die anderen Zusatzprodukte hergestellt wurden. Wir kaufen das Leder zum Beispiel aus Südkorea ein, das ein Restprodukt von den großen Edelmarken ist. Die Edelmarken nehmen dabei die erste Schicht von dem Leder, das dort bearbeitet wird, die untere Schicht, die standartmäßig sonst weggeworfen wird, nehmen dann wir für unsere Produkte. Das kaufen wir dann zwar von Korea aus ein, aber wir stellen immer sicher, dass es dann vom sozialen Impact her nicht unter dubiosen Umständen hergestellt wurde oder mit starken chemischen Mitteln bearbeitet wurde.

Also ist MYL kein Müll, aber ihr versucht, zumindest diesen Müll wiederzuverwenden. Nur – das, was eure Mode ja vor allem besonders macht, sind eingearbeitete Metall- und Schmuck-Accessoires. Die sind aus Edelstahl, was jetzt auch nicht so umweltfreundlich ist.

Natürlich kann man wirklich viele Materialien kritisch sehen, auch Edelstahl. Aber wir benutzen zum Beispiel nur reines Edelstahl, das bedeutet, es ist eben vor allem langlebig und es bricht nicht so schnell wie andere Materialien. Und zum zweiten versuchen wir das so einzukaufen, dass auch die Färbung oder die ganzen Prozesse, die hinter jedem unserer Teile stehen, nicht ganz so umweltschädlich sind. Allgemein könnte man wahrscheinlich sagen, dass Mode keine Notwendigkeit ist...

Da kommt sicher jetzt noch ein Aber?

...aber wir versuchen eben in unserem Einflussbereich in der Modewelt alles so umweltverträglich zu gestalten wie möglich.

Aber da geht doch sicher noch mehr. Zum Beispiel verwenden andere Modelabels bei der Schmuckproduktion Schrott, der dann zu neuen Schmuckstücken verarbeitet wird.

Für das nächste Jahr planen wir gerade die Technik dahinter, wie wir für unseren Schmuck verschiedene Restmetalle zusammenfügen können. Damit nehmen wir dann auch eine neue Farbe in unser Sortiment auf, die sich bei so einem Mix ergibt: Anthrazit.

"Wir protestieren dagegen, dass die Mehrheit der Leute sich jetzt zurücklehnt und die Mentalität der Leute wieder wie vor 20 Jahren wird."

Passt denn dieser Farbwechsel auch zu eurer neuen Kollektion "We will overcome"? Was wollt ihr mit so einem Statement aussagen?

"We will overcome" ist ein Statement gegen den sich momentan abzeichnenden, konservativen Trend in unserer Gesellschaft. In den letzten zwei Jahren hat es uns sehr gewundert, dass viele klassische, konservative Bilder zurückgekommen sind, Frauen werden zum Beispiel seitdem wieder mehr zurück nach Hause verbannt, Queer Culture wird stärker unterdrückt, in vielen europäischen Ländern bemerkt man auch einen Anstieg an Populismus und diese feindliche Haltung gegenüber allem, was anders als die Norm ist. Weil diese Rück-Entwicklung, die besonders Randgruppen betrifft, gerade jetzt abläuft, wollen wir klar machen, dass wir weder stehen bleiben, noch wieder ganz vorn vorne beginnen werden – sondern jetzt erst recht weitermachen. Wir protestieren dagegen, dass die Mehrheit der Leute sich jetzt zurücklehnt und die Mentalität der Leute wieder wie vor 20 Jahren wird.

Mit ihrer Mode will MYL Berlin ein selbstbewusstes Körperimage pushen.
Mit ihrer Mode will MYL Berlin ein selbstbewusstes Körperimage pushen.Bild: watson / miriam meyer

Nice – aber auch ein sehr hohes Ziel. Wie genau wollt ihr das umsetzen?

Wir haben natürlich unsere Mode, die genau diese Forderung nach sexueller Selbstbestimmung und das Aufbrechen von klassischen Stereotypen umsetzt oder klare politische Statements aufgedruckt hat. Aber vor allem haben wir so viele unglaubliche Künstler und Kooperationen, die wir bei MYL versuchen, zusammenzuschließen, um unsere gesammelte Message dann auch in die Modewelt weiterzutragen. Denn Fashionshows wie hier oder auch in London letzten Sommer sind riesige Plattformen und damit der perfekte Ort dafür, genau diese Message zu verbreiten.

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