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Zahlreiche Olympia-Athleten starten derzeit Umweltprojekte. Bild: OJO Images RF / Paul Bradbury

Olympia in Tokio: Klimapositiv – aber auch positiv fürs Klima?

Mit einem flauen Gefühl stieg Hockey-Nationalspielerin Nike Lorenz in den Olympia-Flieger Richtung Tokio. Nicht das Wettkampffieber machte ihr zu schaffen, sondern das schlechte Gewissen. Rund drei Tonnen CO2 pro Person verursacht so ein Hin- und Rückflug nach Japan, was bereits deutlich über dem Jahreswert liegt, den Wissenschaftler als gerade noch klimaverträglich einstufen.

Viele Sportler seien sich des Problems mehr als bewusst und wollen "jetzt handeln", sagte Lorenz. Zusammen mit ihren Teamkolleginnen hat die Kapitänin den "Hockey-Wald" in Südafrika gegründet, der durch Spenden aufgeforstet wird. Das Ziel: Mehr als 1000 Bäume sollen einen Teil der Emission, die unter anderem durch die Tokio-Flüge entsteht, kompensieren.

Eine ähnliche Aktion haben auch die Olympia-Ruderinnen mit einem Aufforstungs-Projekt im Chepalungu Forest in Kenia gestartet. Man wolle nicht nur sein eigenes Gewissen erleichtern, sondern auch "im Sport und darüber hinaus für ein Bewusstsein und Engagement im Klimaschutz zu motivieren", erklärte Carlotta Nwajide aus dem Doppelvierer.

IOC kommt nicht am Klimaschutz vorbei

Die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind im Leistungssport präsenter denn je, auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) kommt daran nicht vorbei. Stolz verkündete der Ringe-Orden, dass die Spiele in Tokio nicht nur klimaneutral, sondern gar klimapositiv in die Bilanz eingehen würden. Konkret heißt das: Den ursprünglich errechneten 2,73 Millionen Tonnen an CO2-Emissionen stehen Kompensationen in Höhe von 4,38 Millionen Tonnen gegenüber. Dass keine Besucher aus dem Ausland erlaubt sind, hilft zusätzlich.

Die Venues sollen zudem größtenteils erneuerbare Energien oder zumindest Ökostrom nutzen. 90 Prozent der 2654 Olympia-Fahrzeuge von Toyota werden mit einem Elektromotor betrieben. Die Siegertreppchen sind aus recycelbaren Plastikmüll hergestellt, die Medaillen im wahrsten Sinne des Wortes Schrott: Dafür wurden von japanischen Gemeinden insgesamt 80.000 Tonnen Elektroschrott gesammelt.

Die Spiele in Tokio stellen den Anfang einer Nachhaltigkeits-Offensive des IOC dar. 2020 wurde entschieden, dass ab 2030 alle Spiele klimapositiv abgehalten werden müssen. Die Organisatoren von Paris 2024 haben sich diesem Ziel bereits verpflichtet. Die Macher wissen, dass sie in Zeiten globaler Erwärmung das Thema aktiv angehen müssen, um kein Imageproblem zu bekommen und die junge Generation nicht zu verlieren.

Greenwashing-Vorwürfe durch Kritiker

Kritiker bemängeln jedoch, dass sich große Organisationen wie das IOC oder im Fußball die FIFA und UEFA mit Kompensationszahlungen lediglich "freikaufen" würden, die Events an sich aber klimaschädlich bleiben. "Greenwashing" also. Das IOC entgegnet, dass es "in voller Übereinstimmung mit dem Pariser Klimaabkommen" seine Treibhausgas-Emission bis 2030 um 45 Prozent senken werde und nur der verbliebene Ausstoß durch die Anpflanzung des Olympischen Waldes kompensiert werde.

Die Kompensation sei "ein anerkanntes Mittel, an anderer Stelle Emissionen einzusparen und so positive Klimaeffekte zu erzielen", sagte auch Stefan Wagner von "Sports for Future". Der Initiative haben sich zahlreiche Vereine, Verbände und Aktive angeschlossen.

Der Sport sei Teil des Problems, er kann aber auch Teil der Lösung sein, so Wagner. Deshalb findet er es auch "sehr ermutigend", dass die Athleten immer mehr Umwelt-Projekte ins Leben rufen: "Sie haben eine Vorbildfunktion und zeigen, dass jede und jeder einen Unterschied machen kann."

(sb/afp)

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