Aktivist:innen der "Letzten Generation" haben ein Gemälde von Claude Monet mit Kartoffelbrei beworfen.
Aktivist:innen der "Letzten Generation" haben ein Gemälde von Claude Monet mit Kartoffelbrei beworfen.bild: letzte generation instagram
Meinung

Attacken auf Kunst als verzweifelter Hilfeschrei – was bringt es außer Empörung?

24.10.2022, 17:3524.10.2022, 18:37

Waffe: Kartoffelbrei.

Anschlagsziel: Claude Monets Gemälde "Les Meules" (auf Deutsch: die Heuschober) im Museum Barberini in Potsdam.

Übeltäter:innen: Aktivist:innen der Gruppe "Letzte Generation".

Motiv: Erregung von Aufmerksamkeit für die Klimakrise – oder deutlicher: Es ist ein Hilfeschrei der Aktivist:innen aus Angst und Sorge vor den Folgen der Klimakatastrophe.

Vandalismus im Sinne der Klimakrise

Am Sonntag war es wieder einmal so weit. Aktivist:innen der Gruppe "Letzte Generation" haben ein Gemälde des französischen Impressionisten Claude Monet mit Kartoffelbrei beworfen und sich danach mit Sekundenkleber neben dem Bild festgeklebt. Beschädigt wurde das Werk nicht, da es von einer Glasscheibe geschützt wurde.

Das Kunstwerk, das Teil einer Gemälde-Serie Monets aus den Jahren zwischen 1888 und 1891 ist, gilt mit einem Verkaufspreis von 110,7 Millionen Dollar als das teuerste je verkaufte Werk des Impressionisten.

Der horrende Preis ist wohl auch der Grund dafür, warum sich die Aktivist:innen gerade dieses Gemälde des Künstlers ausgesucht hatten. Immerhin ist es auch bei früheren Attacken der Klimaaktivist:innen "Just Stop Oil" oder "Letzte Generation" auf Gemälde so gewesen, das in der Berichterstattung sogleich Schätzwerte oder Verkaufspreise zu den Werken mitgeliefert wurden.

Was ist uns mehr wert: der Erhalt von Kunst – oder der Welt selbst?

Weil die Kunstwerke eben nicht nur einen ideellen Wert, sondern auch einen Marktwert haben.

Weil wir in einer von Kapitalismus geprägten Welt leben.

Weil die Aktivist:innen damit einen wunden Punkt unserer Gesellschaft treffen: Kunst und ihren Erhalt für die Nachwelt.

Und eben darauf spielen die Aktivist:innen an.

Wie kann es sein, fragt die "Letzte Generation", dass unsere Angst davor, dass ein Kunstwerk Schaden nimmt, das die Natur lediglich abbildet, größer ist, als die Furcht vor der Zerstörung unserer Welt selbst?

Ambivalenz und Ignoranz beim Klimaschutz der Staaten

Die Antwort darauf sollte eigentlich klar sein. Natürlich geht der Schutz und Erhalt der Erde und Menschen vor.

Was für eine Frage.

Sieht man sich aber die Klimapolitik x-beliebiger Staaten an, muss man vorsichtig zurückrudern.

Natürlich sprechen sich auch all jene x-beliebigen Staaten (einige wenige wie Nordkorea mal ausgenommen) für mehr Klimaschutz und das 1,5 Grad-Ziel aus.

Nur die Wirtschaft sollte nicht darunter leiden. Ebenso sollte der Lebensstandard in den Industrieländern beibehalten werden. Ach ja, und zu teuer sollten Klimaschutz und Klimaanpassungsmaßnahmen bitte auch nicht sein. Und wenn andere, "akutere" Krisen wie etwa die Corona-Pandemie oder die Gaskrise aufkommen, dann muss der Klimaschutz warten. Manchmal kommt eben etwas dazwischen.

So ist das in der Politik.

Aber ja, ansonsten stehen der Erhalt der Umwelt, Biodiversität und Menschen an erster Stelle. Das erklärt sich von selbst.

Wir fahren die Welt sehenden Auges vor die Wand

Die Panik der Aktivist:innen aufgrund der Vehemenz der Folgen der Klimakrise und der Ambivalenz der Staatsoberhäupter dem gegenüber ist nachvollziehbar. Wer bitte bekommt keine Panik, wenn sie oder er darüber nachdenkt, was noch an Katastrophen auf uns zukommen wird, wie viel schlimmer alles noch werden wird?

Immerhin ist davon auszugehen, dass wir das 1,5 Grad-Ziel noch in diesem Jahrzehnt überschreiten – schlimmer noch, dass wir auf eine Erwärmung von drei bis vier Grad zusteuern.

Sehenden Auges, wohl bemerkt.

Der renommierte Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Kimafolgenforschung kann die Panik der Aktivist:innen nachvollziehen und verteidigt ihren Protest: "Sie [die Reaktion der Gesellschaft] entlarvt die Verlogenheit der Menschen, die sich über eine verschmutzte Glasscheibe echauffieren, aber nichts gegen die Zerstörung unseres einzigen, wundervollen Heimatplaneten unternehmen", schreibt er auf Twitter.

Und damit hat Rahmstorf recht.

Was bitte sagt die Empörung für den Protest oder meinetwegen auch Vandalismus der Klimaaktivist:innen über uns aus, während der größte Teil der Gesellschaft auch angesichts der gravierenden Folgen der Klimakrise ruhig bleibt?

Ist bei den Menschen noch immer nicht angekommen, in welch multiple Krisen wir da hereinschlittern?

Vermutlich nicht.

Anders ist dieses Verhalten nicht zu erklären.

So werden Aktivist:innen ihre Ziele nicht erreichen

Und trotzdem: So ehrenwert und nachvollziehbar die Gründe für die Aktion der "Letzten Generation" auch sein mögen – ihre Ziele werden die Aktivist:innen damit nicht erreichen, vermutlich eher das Gegenteil.

Die Klimakrise ist die größte Krise, der wir je gegenüberstanden, sie lässt sich nur gemeinsam lösen.

Das sollte jeder und jedem von uns klar sein.

Das bedeutet aber auch, dass wir alle mitnehmen müssen, oder zumindest den größten Teil der Gesellschaft.

Kunstwerke mit Kartoffelmus oder Tomatensuppe zu bewerfen – auch wenn das Gemälde selbst von einer Glasscheibe geschützt wird – dürfte einen Großteil der deutschen Gesellschaft eher empören als abholen und für die Sache zu begeistern.

Die Folge: Ablehnung, Wut, Aggression.

Weiterbringen tut uns das nicht.

Ja, wir sprechen über die Proteste der Aktivist:innen. Vielmehr aber empören wir uns darüber, was sie tun, um ihre Wut, ihre Angst, ihre Verzweiflung auszudrücken: Nämlich Kunst zu beschädigen, oder eine Entschädigung zumindest in Kauf zu nehmen.

Was bringt der Protest außer Empörung?

Ihr "warum" gerät dadurch immer mehr in den Hintergrund. Dabei geht dieses "warum" uns alle an. Die Klimaaktivist:innen werden nicht stärker von den Folgen der Klimakrise getroffen, als wir alle.

Vielleicht bringt der Vandalismus die Verzweiflung und Angst der Aktivist:innen zum Ausdruck. Sympathien und Mitkämpfer:innen aber gewinnt er ganz sicher nicht.

Dabei brauchen wir eben das: Menschen, die an einem Strang ziehen, um in Politik und Wirtschaft etwas zu bewegen.

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