Simone Biles sagte bei Olympia wegen psychischer Probleme einige Wettkämpfe ab.
Simone Biles sagte bei Olympia wegen psychischer Probleme einige Wettkämpfe ab.
Bild: www.imago-images.de / Frank Hoermann
Analyse

watson-Umfrage: Mentale Gesundheit für junge Erwachsene wichtiger als für ältere – Sportpsychologe erklärt warum

09.08.2021, 15:1410.08.2021, 18:32

Simone Biles setzte während der abgelaufenen Olympischen Spiele das große Thema als sie das Finale im Mannschaftsmehrkampf abbrach und auch weitere Wettkämpfe aus Rücksicht auf ihre mentale Gesundheit absagte. Dafür erntete sie größtenteils Zustimmung, Sportpsychologe Janosch Daul lobte gegenüber watson: "Simone Biles ist ein Vorbild für die junge Generation."

"In untergeordneter Rolle kommt der Psychologe ins Spiel, der oft nur als Feuerwehrmann in Erscheinung tritt, wenn es schon zu spät ist."
Sportpsychologe René Paasch

Diesen Vorfall nahm watson zum Anlass eine exklusive Umfrage mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey durchzuführen. 5000 Menschen wurden in Deutschland gefragt: "Sind Sie der Meinung, dass Sportlerinnen und Sportler vor großen Turnieren Unterstützung für ihre mentale Gesundheit erhalten sollten?"

Sportpsychologen oft an letzter Stelle

Ganz allgemein antworten 57,4 Prozent der Befragten mit "Ja" – also etwas mehr als jeder Zweite. Warum dieser Anteil nicht höher liegt, begründet Sportpsychologe René Paasch gegenüber watson: "Es gibt genug Menschen, die diese Dienstleistungen nicht brauchen. Dadurch, dass sie mit diesen Problemen nicht konfrontiert werden, haben sie auch wenig Kenntnisse davon." Getreu dem Motto: Was ich nicht kenne, brauche ich nicht.

Dennoch ist die mentale Gesundheit für Paasch ein wichtiges Thema, das auch im Leistungssport noch unterrepräsentiert ist. Paasch, der 2016 zwei olympische Segler betreute und auch bei den vergangenen Olympischen Spielen zwei Teilnehmer in Tokio unterstützte, erklärt: "Das Problem im Leistungssport ist oft, dass die Sportpsychologen nicht die nötige Zeit erhalten. An erster Stelle steht das Training, dann die Physiotherapie und die Medizin und in untergeordneter Rolle kommt der Psychologe ins Spiel, der oft nur als Feuerwehrmann in Erscheinung tritt, wenn es schon zu spät ist."

Prof. Dr. René Paasch betreute bei Olympia 2016 in Rio zwei Segler und unterstützte auch in Tokio zwei Teilnehmer
Prof. Dr. René Paasch betreute bei Olympia 2016 in Rio zwei Segler und unterstützte auch in Tokio zwei Teilnehmer
bild: privat

Auch Jan Baßler, Geschäftsführer der Robert-Enke-Stiftung, sieht noch Verbesserungspotential: "Psychische Erkrankungen müssen in der Mitte der Gesellschaft akzeptiert werden und genauso wie körperliche Verletzungen wahrgenommen werden. Sie sind heilbar und Menschen können danach wieder gesund und voller Kraft zurückkommen."

"Wenn Kinder gut vorbereitet werden und Vertrauen zu Psychologen aufbauen können, dann ist es viel nachhaltiger und vor allem auch langfristig gesünder über die gesamte sportliche Karriere hinaus."
Sportpsychologe René Paasch
Robert-Enke-Stiftung
Die Stiftung ist nach dem ehemaligen Nationaltorwart Robert Enke benannt. Er litt mehrere Jahre unter Depressionen und nahm sich 2009 das Leben.

Die Stiftung wurde im Januar 2010 gegründet und fördert Maßnahmen und Einrichtungen, die über die Krankheit Depression aufklären. Auf besonderen Wunsch von Enkes Witwe Teresa engagiert sich die Stiftung auch für Kinder mit Herzkrankheiten und deren Eltern.

Genauso denkt die ehemalige Leistungs-Schwimmerin Britta Steffen, die bei Olympia 2008 in Peking zweimal Gold holte: "Die Trennung zwischen mentaler und körperlicher Gesundheit finde ich grundlegend "unnötig", da beides für mich zusammen gehört. Also trainiere deinen Körper und deinen Geist, das verstehe ich unter ganzheitlichem Denken in Richtung Gesundheit." Mit ihrer "GOLT-Coaching"-Agentur bietet sie individuelles Coaching und Vorträge zur Gesundheit an.

Ein Punkt, der Baßler von der Robert-Enke-Stiftung Mut macht, ist die gesteigerte Bereitschaft über das Thema zu sprechen. Er erklärt:

"2010 bei den Olympischen Spielen in Vancouver hat sich keine Sportlerin und kein Sportler öffentlich dazu geäußert, aber man kann davon ausgehen, dass es auch damals schon mentale Probleme im Spitzensport gab. Der Unterschied zu heute ist: Jetzt gibt es den Raum, darüber offen zu sprechen."

Hoffnung macht in diesem Bezug auch ein zweites Ergebnis, der Umfrage: Jungen Menschen ist die mentale Gesundheit wichtiger als älteren. Teilnehmer, die zwischen 30 und 39 Jahren alt sind, befürworteten zu 68,7 Prozent die Unterstützung der mentalen Gesundheit. Bei den 18 bis 29-Jährigen waren es sogar 75,1 Prozent.

Für Sportpsychologe Paasch ist das keine Überraschung: "Vielen jungen Menschen ist es wichtig, Geld zu verdienen, aber auch Spaß und Freizeit zu haben. Die Gesundheit steht mehr im Vordergrund, auch durch Fitness-Apps. Dadurch sind sie besser informiert als die ältere Generation und legen mehr Wert darauf."

Frühe Zusammenarbeit mit
Psychologen von Vorteil

Bei den Befragten ab 40 Jahren waren im Durchschnitt nur etwas über 53 Prozent für eine Unterstützung der mentalen Gesundheit. Paasch sieht deshalb vor allem bei der jungen Generation Ansatzpunkte, die Arbeit mit Sportpsychologen zu etablieren: "Man kann nicht früh genug anfangen, mit Psychologen zu arbeiten. Wenn Kinder gut vorbereitet werden und Vertrauen zu Psychologen aufbauen können, dann ist es viel nachhaltiger und vor allem auch langfristig gesünder über die gesamte sportliche Karriere hinaus."

Durch psychologische Begleitung könne man laut Paasch zwei bis drei Prozent der Leistungsfähigkeit aus den Athleten kitzeln. Dabei könne sich Deutschland andere Nationen als Vorbild nehmen. Paasch: "Die Australier sind beispielsweise viel offener damit, ihre Jugendlichen auf dieses Thema vorzubereiten."

Britta Steffen sprach während ihrer aktiven Karriere offen über mentale Probleme.
Britta Steffen sprach während ihrer aktiven Karriere offen über mentale Probleme.
Bild: imago sportfotodienst / Laci Perenyi

Auch Steffen pflichtet Paasch bei: "Mentale Gesundheit ist für jede und jeden wichtig. In unserer Kindheit wird das Fundament gelegt! Mit seelischen Wunden umzugehen, das sollte jede und jeder lernen dürfen, dass es dann im weiteren Leben nicht 'kracht'!"

Überraschend bei der Umfrage: Männer (56,2 %) erachten die mentale Gesundheit von Leistungssportlern und -sportlerinnen fast genauso wichtig, wie Frauen (58,6%).

Auch für Sportpsychologe Paasch ist das überraschend:

"Es ist eine kleine Überraschung, dass Frauen und Männer das Thema ähnlich gewichten. Normalerweise gehen Frauen sensibler und auch vernünftiger mit dem Gesundheits-Thema um. Sie sprechen darüber und schauen mehr, was sie machen können. Es zeigt aber auch, dass sich auch Männer weg davon entwickeln, absolute Leistungs-Maschinen zu sein."

Auch bei Sportlern scheint das Thema präsent und geschlechtsunabhängig zu sein. Zwar standen mit Simone Biles und Naomi Osaka zuletzt zwei Frauen im Vordergrund und erhielten öffentlichen Respekt für den Umgang mit ihren mentalen Problemen, aber Psychologe Daul hatte schon zu watson gesagt: "Ich sehe nicht, dass es ein geschlechtsspezifischer Vorgang ist. Auch Männer haben sich schon oft geäußert und ihre mentalen Probleme in die Öffentlichkeit getragen."

"Jede Athletin und jeder Athlet möchte als starke Person wahrgenommen werden und das zeigt etwas von dir, das viele als Schwäche sehen!"
Olympia-Gewinnerin (2008) Britta Steffen über den
öffentlichen Umgang mit mentalen Problemen

Steffen ging selbst während ihrer aktiven Karriere 2006 an die Öffentlichkeit. Kurz zuvor hatte sie ein mentales Tief durchlebt. "Ich habe das Thema seit 2006 zelebriert. Mir liegt das Thema nah, weil ich davon profitierte, mit einer Psychologin zusammenzuarbeiten und das habe ich in die Öffentlichkeit getragen. Manche fanden das gut, andere weniger." Die Schwierigkeit, mit diesen Problemen an die Öffentlichkeit zu gehen, erklärt sie so: "Jede Athletin und jeder Athlet möchte als starke Person wahrgenommen werden und das [öffentliche Bekenntnis, Anm. d. Red.] zeigt etwas von dir, das viele als Schwäche sehen!"

Dabei sollte der Gang an die Öffentlichkeit als Stärke gesehen werden. Das findet zumindest Psychologe Dausch gegenüber watson.

Doch es gibt nicht nur gravierende Unterschiede bei der Altersstruktur, sondern auch die Bevölkerungsdichte spielt bei der Einschätzung der Befragten eine große Rolle. In Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte – beispielsweise in Städten – fordern bis zu 66 Prozent der Befragten auch Unterstützung für die mentale Gesundheit der Sportler und Sportlerinnen. In Regionen mit sehr niedriger Bevölkerungsdichte sind es lediglich 49,7 Prozent.

Paasch ordnet ein: "Im ländlichen Gebiet gibt es noch viel mehr soziale Interaktion. Man hilft sich untereinander bei Problemen, deshalb braucht man dort auch weniger professionelle Unterstützung. In der Stadt leben die Menschen eher anonymisiert. Die Nachbarn kennen sich nicht und man unterhält sich mehr mit dem Handy als mit den Mitmenschen. Deshalb ist hier die psychologische Betreuung ein größeres Thema."

Sportpsychologische Betreuung immer wichtiger, aber noch immer zu wenig

Und auch im Leistungssport selbst bekam dieses Thema in den letzten Jahren immer mehr Gewicht. So berichtet Paasch: "Sportpsychologische Betreuung wird immer besser wahrgenommen und angeboten. Allerdings geschieht es aus meiner Sicht trotzdem noch viel zu langsam."

"Für mich ist es Prävention, denn wenn du etwas 'Schlimmes' als Athletin oder Athlet erlebst, kannst du sehr wahrscheinlich daran wachsen, statt erst einmal zu zerbrechen."
Britta Steffen über die Rolle von mentaler Unterstützung im Leistungssport

Ein ganz wichtiger Punkt, von denen alle Experten sprechen, ist die Prävention. Sportpsychologische Betreuung solle schon erfolgen, bevor etwas vorfällt, nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Die ehemalige Schwimmerin Steffen sagt: "Ich denke, so wie man trainiert, sollte auch mentales Training hier und da erfolgen, beziehungsweise angeboten werden. Für mich ist es Prävention, denn wenn du etwas 'Schlimmes' als Athletin oder Athlet erlebst, kannst du sehr wahrscheinlich daran wachsen, statt erst einmal zu zerbrechen."

Das ist es auch, was Simone Biles jetzt nach den Olympischen Spielen machen will: An ihren Problemen wachsen und nicht zerbrechen, damit sie in Zukunft wieder befreit von den "Dämonen im Kopf" ist – wie sie es genannt hat – und wieder Spaß am Turnen hat.

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