Die dänische Nationalmannschaft fühlt sich für das Spiel gegen Belgien bereit.
Die dänische Nationalmannschaft fühlt sich für das Spiel gegen Belgien bereit. Bild: www.imago-images.de / Mads Claus Rasmussen
Analyse

Sportpsychologe verrät, welche Auswirkungen das Drama um Christian Eriksen auf die Spieler hat und wie die Ansprache des Trainers aussehen sollte

17.06.2021, 18:0817.06.2021, 20:15

"Wir müssen uns auf eine ganz besondere Atmosphäre einstellen. Die Emotionen können ganz schön durcheinander sein", sagte Dänemarks Nationaltrainer Kasper Hjulmand auf einer Pressekonferenz am Mittwoch. Nach dem dramatischen Kollaps von Mittelfeldstar Christian Eriksen kehrt das Team heute Donnerstag zum zweiten Gruppenspiel gegen Belgien in das Parken-Stadion in Kopenhagen zurück an den Ort des Unglücks.

"Er muss ihnen deutlich machen, dass sie keine Angst vor den Konsequenzen haben müssen und vielleicht nicht mehr nominiert werden."
Sportpsychologe Thorsten Loch über die Ansprache von Dänemarks Nationaltrainer Kasper Hjulmand

"Bei der Rückkehr ins Stadion wird die Bandbreite der Emotionen riesengroß sein. Einige Spieler werden damit besser umgehen können, andere nicht", erklärt Sportpsychologe Thorsten Loch gegenüber watson.

Gut fünf Tage hatte die dänische Mannschaft nun Zeit, den Schockmoment zu verarbeiten und das ist ihr laut Trainer Hjulmand auch sehr gut gelungen. "Die Spieler und ich haben große Schritte gemacht, nachdem das passiert ist. Wir hatten beim Aufwachen mehr gute als schlechte Gefühle, auch wenn wir noch an Christian denken."

Dabei sei laut dem Sportpsychologen wichtig gewesen, dass das Team und der Betreuerstab direkt nach dem Vorfall eine Krisenbetreuung erhalten haben. "Man muss dann den Leuten den Raum und die Möglichkeit geben, darüber zu sprechen. Aber jeder macht das mit sich anders aus."

Einsatz ist den Spielern freigestellt

In den Gesprächen sei es dann enorm wichtig, dass die Spieler eine eigene Entscheidung treffen dürfen. Diese sollten dann aber auch nicht bewertet werden. "Man darf hier nicht das heroische Bild des starken oder schwachen Fußballers sehen, sondern muss mehr auf die Menschlichkeit achten", erklärt der Sportpsychologe.

Es sei ganz normal, dass es Spieler geben wird, die sich mit der Situation nicht wohlfühlen werden. Doch nicht nur für die Spieler, die besonders im Fokus stehen, sondern auch für die Trainer, Betreuer und Physios wird es eine komische Situation werden.

Eriksen bekommt Defibrillator
Wenige Tage nach seinem Herzstillstand während des EM-Spiels gegen Finnland bekommt der dänische Fußball-Star Christian Eriksen einen sogenannten ICD-Defibrillator eingesetzt. Das gab der dänische Verband am Donnerstag bekannt. Dieses kleine Gerät ähnelt einem Herzschrittmacher und wird bei Menschen implantiert, die ein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen haben. Die Einsetzung des ICD bedeutet nicht, dass der 29-Jährige von Inter Mailand deshalb automatisch seine Profikarriere beenden muss. Der niederländische Nationalspieler Daley Blind oder die deutsche Stabhochspringerin Katharina Bauer betreiben damit weiterhin Leistungssport.
dpa

Dänen-Trainer Hjulmand machte aber bereits am Dienstag deutlich, dass niemand gezwungen wird zu spielen. Es ist in Ordnung, wenn es einige Spieler gibt, die emotional nicht bereit sind, gegen Belgien zu spielen. So musste sich während der fortgesetzten Partie gegen Finnland auch Kapitän Simon Kjaer auswechseln lassen. Der 32-Jährige war als Erster bei Eriksen, brachte ihn in die stabile Seitenlage und sorgte dafür, dass er seine Zunge nicht verschluckt.

"Wenn er den grünen Rasen, einen bestimmten Geruch oder einfach das Stadion mit dieser negativen Emotion verbindet, kann er nicht zu 100 Prozent konzentriert auf das Spiel sein", sagt der 46-jährige Sportpsychologe. "Und wenn auf diesem Niveau die Konzentrationsfähigkeit nachlässt, dann lässt auch die Leistungsfähig nach und so steigt das Verletzungsrisiko bei einem selbst."

Kjaer selbst veröffentlichte am Donnerstagnachmittag noch ein Statement auf den sozialen Netzwerken, in dem er deutlich machte, dass der Schock zwar "für immer" bleiben werde, doch das einzig Wichtige sei, "dass es Christian gut geht", führte der Innenverteidiger aus.

Eriksen drückt dem Team aus dem Krankenhaus die Daumen

Doch der Trainer machte bereits deutlich, dass der Fokus des Teams mittlerweile voll auf dem Spiel gegen Belgien liegt. "Wenn der Schiedsrichter anpfeift, müssen wir im Kampfmodus sein und den Sieg in einem Fußballspiel anstreben."

Laut Sportpsychologe Loch könnte gerade diese Situation auch leistungsfördernd für die Mannschaft sein. "Wenn sie wissen, dass es ihm gut geht und sie nichts zu befürchten haben, dann kann das Team gemeinsam für ihn einstehen. Das kann natürlich positive Emotionen wecken und fördern."

"Wir hoffen natürlich, dass wir in der Lage sind, etwas sportlich Außergewöhnliches für Christian zu tun. Wir müssen versuchen, dies in etwas Motivierendes und Positives zu verwandeln", sagte Torhüter Kasper Schmeichel. "Etwas wie das zusammen zu erleben, macht dich noch stärker", ergänzte Angreifer Yussuf Poulsen.

Dänemarks Trainer Kasper Hjulmand.
Dänemarks Trainer Kasper Hjulmand.Bild: Ritzau Scanpix / Mads Claus Rasmussen

Trainer Hjulmand kann bei seiner Ansprache die Spieler unterstützen, indem er ihnen klare Aufgaben an die Hand gibt, damit niemand in die Gedanken an den Vorfall verfällt. Auf der anderen Seite muss er seinen Spielern aber auch vermitteln, dass es auch während des Spiels jederzeit die Möglichkeit gibt, auszusteigen und sich auswechseln zu lassen.

"Er muss ihnen deutlich machen, dass sie keine Angst vor den Konsequenzen haben müssen und vielleicht nicht mehr nominiert werden", rät der sportpsychologische Coach, der auch die Spieler am Leistungszentrum des 1. FC Köln betreut.

Zudem muss er es schaffen, die sportliche Komponente, dass die Mannschaft erfolgreich spielen muss, außen vorzulassen. "Es ist eine riesige Leistung, dass sie überhaupt sagen: 'Wir spielen weiter'".

Und so erklärt auch Torhüter Kaspar Schmeichel, dass die Leistung nicht nur an Sieg oder Niederlage gemessen werden dürfe. "Solange wir alles geben, was in uns steckt, können wir uns in die Augen sehen", sagte der 34-Jährige: "Wenn es nicht reicht, dann reicht es nicht, aber wir werden sicherlich alles geben, was wir haben" – vor allem für Christian Eriksen.

Und auch sein Trainer gab sich trotz aller Umstände kämpferisch und erklärte: "Dieses Turnier ist für uns noch nicht beendet. Wir werden tun, was wir können, um aufzustehen und hart zurückzuschlagen."

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Im Topspiel am Samstag bei Borussia Dortmund reichte es für Niklas Süle nur für einen Kurzeinsatz über 16 Minuten. Dennoch ist der Innenverteidiger unter Trainer Julian Nagelsmann eine feste Größe in der Defensive und liegt im teaminternen Ranking der Spielminuten auf Platz 9.

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