Nicolo Barella (Nummer 18) bejubelt mit Chiesa (Nr. 14) und Veratti (Nr. 6) seinen Treffer zum 1:0.
Nicolo Barella (Nummer 18) bejubelt mit Chiesa (Nr. 14) und Veratti (Nr. 6) seinen Treffer zum 1:0.
Bild: GES-Sportfoto / Markus Gilliar
Analyse

"Es herrscht eine große Sehnsucht nach einer erfolgreichen Nationalmannschaft": Insider erklärt, wie Italien Fans und Experten bei der EM mit Halbfinaleinzug begeistert

02.07.2021, 23:1603.07.2021, 10:51

Die Europameisterschaft löst aktuell so einige Fußballweisheiten auf, die eigentlich über Jahrzehnte Bestand hatten. England kann nicht gegen Deutschland gewinnen? Nach dem 2:0 am Dienstagabend eine Geschichte von früher. Die Schweiz erreicht nie ein Viertelfinale bei einer EM? Mittlerweile ist auch das nach über 60 Jahren auch kein Mythos mehr – da konnte selbst Weltmeister Frankreich nichts ausrichten. Und Italien spielt unansehnlichen Defensivfußball und gewinnt jedes Spiel nur mit 1:0? Diese EM beweist das komplette Gegenteil. Die italienische Mannschaft spielt ansehnlichen und begeisternden Offensivfußball. Das war vor einigen Jahren noch undenkbar. Das zeigten die Italiener auch beim 2:1-Viertelfinalsieg über Belgien am Freitagabend.

"Wir wollen immer mit möglichst vielen Spielern angreifen", beschrieb Italiens Trainer Roberto Mancini erst kürzlich seine Spielphilosophie. Diese Idee vom Fußball passt eigentlich so gar nicht zu dem Verständnis und dem Bild, dass der italienische Fußball lange Zeit präsentierte. Die italienische Serie A und die Nationalelf standen für taktische Cleverness und beispielloses Abwehrverhalten. Sie prägten die beliebteste Defensivtaktik des Fußballs: den sogenannten "Catenaccio" ("Türriegel"). Zumindest bis Roberto Mancini das Team 2018 übernahm.

"Es tut ihnen gut, dass die Nationalmannschaft aktuell auf großer Bühne die Vorurteile über den italienischen Fußball widerlegt."
Italien-Experte Mario Rieker

"Er hat eine Spielweise implementiert, die nichts mehr mit dem klassischen Denken zu hat, wenn man Italien hört", erzählt Mario Rieker gegenüber watson. "Aber es ist auch nicht so, dass alle nach vorn rennen. Er hat die richtige Balance gefunden." Der Italien-Experte kommentiert für den Streamingdienst Dazn die Spiele der italienischen Serie A und betreibt den Podcast "Seriamore", in dem es um den italienischen Fußball geht.

Italiens Trainer Roberto Mancini
Italiens Trainer Roberto Mancini
Bild: www.imago-images.de / Paul Marriott

Verpasste WM-Qualifikation 2018 sorgte für Umdenken

Nach der verpassten Qualifikation zur WM 2018 lag der italienische Fußball so ziemlich am Boden. "Sie haben lange einen Fußball gespielt, der nicht gut anzusehen war und dann war er nicht mal erfolgreich. Im Land herrscht einfach eine große Sehnsucht nach einer erfolgreichen Nationalmannschaft", erzählt Rieker.

Und dieser Erfolg kam mit Roberto Mancini, der das Team nach der verpatzten Qualifikation 2018 übernahm. Dabei war es auch für Experten überraschend wie gut und schnell der 56-Jährige den Spielstil des Teams umkrempelte. Nachdem er mit Manchester City 2012 die englische Meisterschaft geholt hatte, irrte er ein wenig durch den internationalen Fußball. Es folgten Stationen bei Galatasaray Istanbul, zum zweiten Mal Inter Mailand und Zenit St. Petersburg.

"Im Land herrscht einfach eine große Sehnsucht nach einer erfolgreichen Nationalmannschaft."
Italien-Experte Mario Rieker

Einen enormen Anteil am aktuellen Erfolg hat auch Mancinis Stab von 20 Co-Trainern und Analysten. "Er kann sich auch zurücknehmen und lässt sich gerne beraten, ohne dass er der große General sein muss."

Chiellini und Bonucci: das beste Duo der vergangenen zehn Jahre

Dabei war selbst Italien-Experte Rieker zunächst skeptisch, ob Mancini die "Squadra Azzura" wirklich zu alten Erfolgen führen kann. "Es hat eher ein Umbruch-light stattgefunden. Einige alte Haudegen sind dabei geblieben, aber ich bin positiv überrascht, wie schnell es klappt."

Zu den übrig gebliebenen alten Haudegen gehört das Innenverteidigerduo Giorgio Chiellini (36) und Leonardo Bonucci (34). Es gibt in den vergangenen zehn Jahren wohl kein besseres Duo als die beiden italienischen Altmeister. Mehr als 400 Spiele standen beide nebeneinander in der Abwehrzentrale auf dem Feld.

Giorgio Chiellini (l.) und Leonardo Bonucci (r.) bejubeln einen Treffer.
Giorgio Chiellini (l.) und Leonardo Bonucci (r.) bejubeln einen Treffer.
Bild: www.imago-images.de / Massimo Insabato

"Leo und ich spielen schon so lange zusammen, dass wir natürlich ein ganz spezielles Feeling haben. Wir müssen uns nicht mal mehr anschauen", sagte Chiellini vor dem Turnier in einem Interview mit der UEFA.

"Er hat sich einen Mannschaftsteil ausgeguckt, in dem er Konstanz und Erfahrung möchte", erklärt Rieker. Mit Gianluigi Donnaruma (22), schon jetzt einer der besten Torhüter der Welt, waren sie hauptverantwortlich für einen neuen Rekord. Insgesamt 1168 Minuten blieben die Italiener ohne Gegentor, dann machte Österreichs Kalajdzic im Achtelfinale den 2:1-Anschlusstreffer.

Italien quält sich durchs Achtelfinale

Nach zuvor begeisternden Offensivauftritten mit sieben Toren und keinem Gegentor in der Gruppenphase, quälte sich die Mancini-Elf ziemlich unerwartet gegen Österreich. Erst nach Verlängerung setzte sich das Team mit 2:1 durch.

"Im Spiel wirkte es nach den ersten euphorischen Auftritten in Rom wie ein Dämpfer. Aber im Nachhinein betrachtet gehen sie wohl eher gestärkt raus", sagt Rieker.

"Alle behaupten gerne, dass sie ein Team sind, aber bei Italien ist das wirklich so. Es herrscht ein guter Mannschaftsgeist, bei den Toren jubeln sie meistens mit der kompletten Bank."
Experte Mario Rieker über das italiensiche Team

Zwar hat Mancini seine Stammelf, der er vertraut, doch gleichzeitig kann er sich auf seine Ersatzspieler verlassen. Gegen Österreich sorgten die eingewechselten Chiesa und Pessina für die Tore. "Alle behaupten gerne, dass sie ein Team sind, aber bei Italien ist das wirklich so. Es herrscht ein guter Mannschaftsgeist, bei den Toren jubeln sie meistens mit der kompletten Bank", erzählt der Italien-Experte.

Mit Belgiens Lukaku trifft Italien auf
einen guten Bekannten

Nach der Türkei, der Schweiz, Wales und Österreich wartete dann mit Belgien der Weltranglistenerste und ein ganz anderes Kaliber. "Sie müssen mutiger spielen als gegen Österreich, denn sie sind deutlich stärker, wenn sie agieren", erklärte Rieker.

Dabei trafen die Italiener mit Belgien in gewisser Weise auf ihre Vergangenheit. Die "Roten Teufel" zeichneten sich im Turnierverlauf durch einen Spielstil aus, für den Italien sonst bekannt war. Die Belgier setzen auf eine erfahrene und starke Defensive (ein Gegentor) und eine gnadenlos effiziente Offensive.

Romelu Lukaku spielt in Italien bei Inter Mailand.
Romelu Lukaku spielt in Italien bei Inter Mailand.
Bild: www.imago-images.de / Mutsu Kawamori

Der Fixpunkt im belgischen Offensivspiel ist dabei Romelu Lukaku (drei Turniertore). Der 28-Jährige in Diensten von Inter Mailand ist seit zwei Jahren einer der prägenden Spieler der italienischen Liga. Das zeigte sich auch im Spiel gegen die Italiener, doch die Belgier zeigten nicht ihre gewohnte Effizienz vor dem Tor. Lukaku und de Bruyne vergaben im Spiel beste Torchancen.

Bis kurz vor der Halbzeit konnten die Italiener von der Statistik profitieren, das Lukaku noch nie gegen das Verteidigerduo Bonucci/Chiellini ein Tor erzielt hat. Das blieb jedoch nur bis zur 45 Minute so, dann verwandelte Lukaku einen zweifelhaften Elfmeter für Belgier zum 2:1-Anschlusstreffer.

Entwicklung noch lange nicht vorbei

Trainer Roberto Mancini schwärmte auf der Pressekonferenz von "brillianten Belgiern" und versprach, dass es "für den neutralen Zuschauer toll sein" wird und beide Mannschaften hielten ihr Versprechen. Doch nicht nur neutrale Fans sind bisher vom italienischen Fußball beeindruckt, Mancini konnte durch die bisherigen Auftritte auch für eine enorme Euphorie bei den heimischen "Tifosi" sorgen.

"Es gefällt ihnen schon sehr, dass sie nun auch international für ihren Spielstil anerkannt werden. Und es tut ihnen gut, dass die Nationalmannschaft aktuell auf großer Bühne die Vorurteile über den italienischen Fußball widerlegt", berichtet Mario Rieker.

Selbst ein vorzeitiges Turnier-Aus gegen Belgien hätte das italienische Team in seiner Entwicklung nicht zurückgeworfen. Denn das nächste Turnier steht mit der WM 2022 in Katar bereits vor der Tür. "Es würden nicht viele Dinge infrage gestellt werden, dafür ist das Turnier bisher zu gut gelaufen. Außerdem haben sie einige Spieler, die ihr Limit noch nicht erreicht haben."

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