Harry Kane (r.) bejubelt den Siegtreffer im EM-Halbfinale

Harry Kane (r.) bejubelt seinen Siegtreffer zum 2:1 im EM-Halbfinale gegen Dänemark Bild: www.imago-images.de / Mark Pain

Analyse

England im EM-Finale: Ex-Bundesliga-Trainer erklärt, warum das Team so stark ist

Nikolai Stübner
Nikolai Stübner

Es sollte ein historischer Abend für den englischen Fußball werden – und es wurde ein historischer Abend. Seit dem WM-Titel 1966 war es der englischen Nationalmannschaft nicht mehr gelungen, in das Finale eines großen Turniers einzuziehen. Nun ist es mit Trainer Gareth Southgate im EM-Halbfinale gegen Dänermark (2:1 n.V.) gelungen.

Im eigenen Land kann Englands Kapitän Harry Kane dann die Trophäe am Sonntagabend bei einem Sieg gegen Italien in den Londoner Abendhimmel stemmen – schließlich findet auch das EM-Finale im Wembley Stadion statt.

"Gegen Dänemark müssen die Engländer den nächsten Schritt machen und ins Finale kommen. Das traue ich ihnen auch absolut zu."

Uwe Rösler über die englischen Chancen bei der EM

Schon vor dem Finaleinzug hatte Uwe Rösler, ehemaliger Trainer von Fortuna Düsseldorf und jahrelanger Profi bei Manchester City (1994 bis 1998), den Finaleinzug der englischen Nationalmannschaft gefordert. "Gegen Dänemark müssen die Engländer den nächsten Schritt machen und ins Finale kommen. Das traue ich ihnen auch absolut zu", sagte der 52-Jährige gegenüber watson. Dabei basiert der Erfolg der Engländer laut Rösler auf fünf Säulen.

Ex-Düsseldorf-Trainer Uwe Rösler

Uwe Rösler spielte fünfeinhalb Jahre als Spieler in England und arbeitete fast sieben Jahre auf der Insel als Trainer. Bild: www.imago-images.de / pmk

Defensive Stabilität ist Trumpf

In fünf Spielen vor dem Halbfinale hatten die Engländer und noch kein Gegentor gefangen – erst der dänische Treffer war der erste, den Torhüter Jordan Pickford hinnehmen musste. Davor hatten die Engländer in den vergangenen elf Spielen lediglich ein Gegentor kassiert.

Rösler erklärt: "Gareth Southgate bevorzugt zu Beginn der Spiele eine gewisse Stabilität. Die ist mit den Innenverteidigern Stones und Maguire gegeben. Davor spielen mit Kalvin Philipps und Declan Rice zwei enorm defensiv- und zweikampfstarke Spieler."

Phillips kennt Rösler noch persönlich. Zu seiner Zeit als Leeds-Trainer lernte er den Mittelfeldspieler kennen. Rösler erzählt: "Als ich dort Trainer war, kam er aus dem Nachwuchsteam zu den Profis und spielte unter mir."

Southgate setzt auf den Nachwuchs

Jude Bellingham (18 Jahre), Bukayo Saka (19), Phil Foden (21) oder Mason Mount (22) sind nur einige Namen der jungen Top-Spieler im englischen Kader. Sie sind zwar noch nicht lange im Profi-Geschäft dabei, zeigen aber dennoch ein enormes Leistungspotential.

"Die englischen Vereine haben in den letzten zehn Jahren viel Wert auf die Nachwuchsleistungszentren gelegt und sehr gute Fußballer ausgebildet. Gareth Southgate kommt selbst aus der Jugendarbeit, legt großen Wert darauf, Spieler zu integrieren", sagt Uwe Rösler.

Weil er eine so große Auswahl hat, kann Southgate gegnerspezifisch an seiner Startelf basteln. Mal beginnt Phil Foden, wie in den ersten Spielen gegen Kroatien oder Schottland, dann setzt Southgate gegen die Ukraine auf Jadon Sancho – und immer funktionieren die Änderungen.

LONDON, UNITED KINGDOM - JUNE 29: Bukayo Saka (25) of England in action against Mats Hummels (5) of Germany during EURO 2020 Round of 16 match between England and Germany at Wembley Stadium in London, United Kingdom on June 29, 2021. Ali Balikci / Anadolu Agency

Bukayo Saka (vorn) im Duell mit Mats Hummels. Gegen die DFB-Elf spielte der 19-Jährige von Beginn. Bild: AA / Ali Balikci

Mutige Coaching-Entscheidungen von Erfolg gekrönt

Die vielen Änderungen in der Startelf erfordern aber auch Mut von Southgate. Zudem kommt der öffentliche Druck. Viele Medien und Fans forderten immer wieder den Einsatz von Jack Grealish.

Southgate ließ ihn bis jetzt aber nur im Gruppenspiel gegen Tschechien (1:0) von Beginn an ran. Gegen Deutschland und Schottland wurde er immerhin eingewechselt. Doch gerade gegen die DFB-Elf hatte er unter anderem mit einer Vorlage einen entscheidenden Anteil am 2:0-Erfolg der Engländer.

Und auch taktisch variiert Southgate. In der Gruppe ließ er mit Viererkette spielen, gegen Deutschland nahm er mit der Dreierkette den deutschen Außenspielern den Schwung.

"Wie er unter dem Druck der großen Erwartungen Entscheidungen getroffen hat, ist fantastisch."

Profi-Trainer Uwe Rösler lobt Englands Coach Gareth
Southgate

Der Ex-Bundesligacoach ist daher voll des Lobes für den englischen Trainer. "Man muss Gareth Southgate ein großes Kompliment machen. Wie er unter dem Druck der großen Erwartungen Entscheidungen getroffen hat, ist fantastisch. Er hat gegen Deutschland auf Dreierkette umgestellt, dann wieder zurück auf Viererkette. Und wechselt immer wieder die Startformation, je nach Gegner. Es ist bemerkenswert, wie er seine Arbeit durchzieht."

WM 2018 war eine wichtige Erfahrung

Für viele Spieler ist die EM schon das zweite große Turnier. Harry Maguire, John Stones oder Jordan Pickford sind zwar noch jung, waren aber schon beim Halbfinal-Aus gegen Kroatien bei der WM 2018 dabei.

Für Rösler eine ganz wichtige Voraussetzung in der Entwicklung der Spieler: "Sie sind noch sehr jung, haben aber trotzdem schon Erfahrung. Das hilft ihnen enorm. Über Jahre hinweg werden sie gute Chancen bei Turnieren haben."

Balsam für die Ohren englischer Fans, die sich zumindest laut Rösler große Hoffnungen auch bei den zukünftigen Turnieren machen dürfen.

Großer Reisestress blieb aus

Viermal London, einmal Rom. So überschaubar lesen sich die Spielorte der Engländer. Heißt: Nur einmal musste Southgate mit seinem Team das Camp im St. George's Park verlassen, um ins Ausland zu reisen.

Rösler ging daher schon vor dem Spiel davon aus, dass die Engländer viel frischer sein würden als Dänemark, die ihr Viertelfinale gegen Tschechien in Baku bestreiten mussten. "Die Engländer haben – bis auf das Spiel in Rom – alle Spiele in Wembley ausgetragen und konnten unnötige Reisen vermeiden. Dadurch haben sie Reisekilometer gespart und könnten frischer sein."

Gerade im Turnier-Endspurt könnten sie dadurch fit sein und den ersten Titel seit 1966 holen.

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