Den Zuschauern war der Schock über den Kollaps von Christian Eriksen anzusehen.
Den Zuschauern war der Schock über den Kollaps von Christian Eriksen anzusehen.
Bild: Lehtikuva / Markku Ulander
Analyse

"Grenze überschritten": Medienexperte kritisiert das Verhalten des ZDF nach dem Kollaps von Christian Eriksen – und nimmt den Sender dennoch teilweise in Schutz

14.06.2021, 16:4715.06.2021, 09:43

Es war der Schockmoment der bisherigen Fußball-Europameisterschaft. Der dänische Nationalspieler Christian Eriksen bricht im ersten Gruppenspiel am Samstag gegen Finnland in der 43. Minute zusammen und muss noch auf dem Spielfeld reanimiert werden.

Fast fünf Minuten lang blieb das ZDF noch mit Live-Bildern im Stadion. Das Fernsehpublikum sieht die entsetzte Freundin des dänischen Nationalspielers auf der Tribüne, seine weinenden Mitspieler und die Arbeit der Ärzte. Das ZDF und auch andere Sender wie die britische BBC mussten für die gezeigten Bilder im Anschluss enorme Kritik einstecken.

"Sie haben journalismusethisch einen Fehler gemacht. Es ist kein Moment eines Fußball-Spiels, daher gibt es kein öffentliches Interesse, diese Bilder oder auch seine Partnerin zu zeigen", erklärt Marcus Bölz, Leiter des Instituts für Sportkommunikation an der Fachhochschule des Mittelstands gegenüber watson.

Der Spieler sei zu diesem Zeitpunkt keine öffentliche Person mehr gewesen, sondern musste als Privatmensch um sein Leben ringen und da müsse man seine Privatsphäre schützen, erklärt er weiter. "Für mich ist hier ganz klar eine Grenze überschritten worden."

Auch der niederländische Nationalspieler Marten de Roon forderte bei Twitter: "Das bricht mein Herz, das zu sehen. Bitte hört auf, die Bilder von Christian und seiner Freundin zu zeigen und schaltet die Kamera aus."

Beim ZDF hingegen kann man die Kritik am Vorgehen nicht nachvollziehen. "Das ZDF ist mit dem tragischen Zwischenfall beim Spiel Dänemark-Finnland verantwortungsvoll umgegangen. Béla Réthy hat einfühlsam aus dem Stadion reportiert, die Kollegen im Studio die richtigen Worte gefunden", sagte ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann am Sonntag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Für den Kommentator Réthy selbst war das nach eigenen Angaben die bisher "härteste Übertragung", sagte der 64 Jahre alte TV-Journalist am Sonntag ebenfalls gegenüber der dpa. Er sei anfangs weniger Reporter gewesen und mehr "ein Mensch, der mitempfindet"."Das war schon das negativste Gefühl, das ich je bei meiner Arbeit hatte", sagte Réthy.

Marcus Bölz, Leiter des Instituts für Sportkommunikation an der Fachhochschule des Mittelstands.
Marcus Bölz, Leiter des Instituts für Sportkommunikation an der Fachhochschule des Mittelstands.
bild: screenshot/FH-mittelstand

Produktionsfirma der UEFA liefert
TV-Stationen die Bilder

Dabei ist den übertragenden Sendern zumindest kein direkter Vorwurf über die Auswahl der gezeigten Szenen zu machen. Sämtliche Bilder der Fußball-Europameisterschaft werden von einem TV-Dienstleister der UEFA produziert und anschließend den Rechteinhabern, wie in Deutschland dem ZDF und Magenta TV, zur Verfügung gestellt.

"Die Sender, die die Übertragungsrechte für viel Geld kaufen, kaufen auch die Bilder, die ihnen geliefert werden. Sie können Bilder gar nicht selbst aufnehmen und das ist für mich journalistisch nicht ganz sauber. Der Profifußball verabschiedet sich so immer mehr von journalistischen Standards und wird als Ware verkauft", erklärt Bölz.

Sportchef Fuhrmann rechtfertigte die Bilder mit dem Informationsbedürfnis der Zuschauer, dem man gerecht werden wollte. Nach einigen Minuten schaltete das ZDF ins Studio und unterbrach nach einer knappen Viertelstunde das EM-Programm. Dennoch gab es für das Vorgehen reichlich Kritik in den sozialen Medien. So schrieb ein User: "Warum geht das ZDF nicht aus der Übertragung raus, wenn der Spieler reanimiert wird?"

Der zuständige Regisseur des Spiels wehrte sich gegen den Vorwurf, er habe voyeuristische Bilder produziert. "Wir haben die Trauer und die Verzweiflung der Menschen gezeigt, der Spieler, des Staffs und der Zuschauer", sagte der Franzose Jean-Jacques Amsellem der französischen Zeitung "L'Équipe": "Wir haben in diesem Moment größter Beunruhigung auch eine Einheit gespürt. Das musste übermittelt werden. Das nenne ich nicht Voyeurismus."

"Die Medien geben viel Geld aus, um Fußball zu übertragen, dann sollte man in solchen Situationen auch journalistisch situativ reagieren."
Marcus Bölz, Leiter des Instituts für Sportkommunikation

Auch Fuhrmann sah das ähnlich: "Ich kann auch keine Kritik an der internationalen Regie der UEFA üben. Als sich das Ausmaß der schweren Verletzung abzeichnete, gab es keine Naheinstellungen oder andere unpassende Bilder."

Für Medienexperte Bölz ist diese Zurückhaltung des ZDF-Sportchefs nicht verwunderlich. "Es geht immer mehr um ökonomische Abhängigkeiten und da kommen die Sender in Positionen, wo ihnen zu viel Kritik an Organisationen einen Nachteil bringen kann. Daher äußern sie sich vielleicht eher taktisch."

Der 46-Jährige fordert aber eine gewisse situative Intelligenz der handelnden Personen. "Die Medien geben viel Geld aus, um Fußball zu übertragen, dann sollte man in solchen Situationen auch journalistisch situativ reagieren. Das Dilemma ist, dass man denkt, dass Fußball vorplanbar ist."

Zudem sei es schwierig zu vermitteln, dass die UEFA-Regie solche Szenen zeigt, aber bei nackten Flitzern, Pyrotechnik oder Randale die Szenen sofort so wählt, dass dies nicht erkannt wird. "Aus Marketingsicht ist es aber natürlich klar, dass man solche Bilder oder Randale, Pyrotechnik oder die Meinungen aktiver Fans weglässt. Aber auch das ist eine Form von Zensur", sagt der Medienwissenschaftler.

Wiederbelebungsmaßnahmen auch beim Bergdoktor

Moderator Jochen Breyer und die Experten Christoph Kramer und Per Mertsacker bekamen für ihre Reaktion enorm viel Lob. Sie sagten anschließend im Studio nicht mehr viel und wollten sich an keinerlei Spekulationen beteiligen.

Stattdessen zeigte der öffentlich-rechtliche Sender eine Folge der Serie "Der Bergdoktor" und sorgte für noch mehr Unverständnis. In der Folge von 2010 gab es direkt zu Beginn Szenen einer Wiederbelebung und auf einer Intensivstation. Zu diesem Zeitpunkt war der Gesundheitszustand von Eriksen noch völlig ungewiss.

"Wenn ich so einen Vorfall habe, zeige ich nicht etwas Fiktionales, wo Wiederbelebungsmaßnahmen zu sehen sind. Das ist ungeschickt."
Marcus Bölz, Leiter des Instituts für Sportkommunikation

Dazu teilte das ZDF mit, dass solche Ersatzprogramme für den Fall von Unterbrechungen ausgesucht wurden, unabhängig von der Ursache der Unterbrechung.

Für Marcus Bölz vollkommen unverständlich: "Redaktionelle Arbeit bedeutet auch, dass man eine situative Intelligenz an den Tag legt. Wenn ich so einen Vorfall habe, zeige ich nicht etwas Fiktionales, wo Wiederbelebungsmaßnahmen zu sehen sind. Das ist ungeschickt."

So kritisierte ein User bei Twitter: "Wer kommt denn auf die Idee, eine Serie aus der Schublade zu holen, bei der nach drei Minuten die erste Reanimation stattfindet? Völlig daneben..."

Große Herausforderung für
Kommentator Béla Réthy

Nach fast zweistündiger Unterbrechung wurde das Spiel am Samstag fortgesetzt, auch wenn es für viele Zuschauer befremdlich wirkte, dass das ZDF und Kommentator Béla Réthy zum Tagesgeschäft zurückkehrten.

Auch für den Kommentator selbst war die Situation sehr befremdlich. "Das war eine große Herausforderung, als es weitergehen sollte", berichtete der ZDF-Mann. "Man muss mit jedem Wort aufpassen. Auf solche Situationen kann man sich nicht vorbereiten." Es war für Réthy "sehr kompliziert, über ein Fußballspiel sprechen zu müssen".

Für das Verhalten Réthys, der kurz nach dem Zwischenfall einfach schwieg und im Anschluss das Spiel seriös begleitete, hat Medienexperte Bölz viel Lob übrig.

"An den Job gibt es so viele Erwartungshaltungen. Denen kann man aber gerade in solchen Extremsituationen nicht gerecht werden. Man muss innerhalb weniger Sekunden die richtigen Worte finden und er hat die Situation sehr intelligent gemeistert."

(mit Material von dpa)

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